16/05/2025
Seien wir doch alle etwas weniger dramatisch
In einer Welt, in der Hundetraining zur Religion, der Spaziergang zur Glaubensfrage und die Frage, ob Halsband oder Geschirr zur moralischen Zerreissprobe wird, atmen wir doch bitte einmal alle tief durch. Nein, wirklich – tief durch. Alle. Auch du, der oder die du gerade überlegst, noch einen Brief ans Veterinäramt zu senden, weil du tierschutzrelevanten Content förmlich riechen kannst.
Hundetraining ist heute mehr als „Sitz“, „Platz“ und „Hier“. Es ist Philosophie, Lifestyle, Wissenschaft, Identität. Und das ist erstmal nichts Schlechtes. Schliesslich geht es um fühlende Lebewesen, um Beziehungen, um Kommunikation. Aber irgendwo zwischen „positive reinforcement only“ und „der muss wissen, wo’s langgeht“ ist etwas verloren gegangen: der gute alte Kollege Gesundermenschenverstand. Und die Nachsicht. Und die Erkenntnis, dass es selten nur einen richtigen Weg gibt – aber viele falsche Haltungen.
Da stehen sich Dogmatiker gegenüber wie in einem theologischen Disput: Klicker-Jünger, deren Bibel von Skinner verfasst wurde, debattieren mit Futterbeutel-Predigern, die den inneren Wolf beschwören. Barfer predigen Fleisch, währenddessen Trockenfutter-Anhänger betreten zu Boden blicken. Und mittendrin: der Mensch mit Hund, der einfach nur wissen will, wie er aufhören kann, bei jeder Hundebegegnung rot anzulaufen – und zwar nicht nur vor Scham, sondern vor Kraftanstrengung, weil der 32 Kilo Labi doch nicht so easy zu erziehen war, wie es die heilige Schrift Internet kundtat.
Dabei wäre es doch so einfach: Sehen wir das Training und die Erziehung als Dialog, nicht als Dogma. Als Weg, nicht als Wettkampf. Als Möglichkeit, die Sprache eines anderen Wesens zu lernen, ohne es zu verbiegen. Hunde sind keine Maschinen, die sich durch den „richtigen“ Ansatz fehlerfrei programmieren lassen. Sie sind Spiegel, Gefährten und haben uns so viel zu sagen, wenn wir ihnen zuhören anstatt allen anderen, die ja bekanntlich immer alles besser wissen. Wer weniger auf andere schaut, hat mehr Zeit, den eigenen Hund zu beobachten. Oder das eigene Business besser zu machen, anstatt das anderer schlecht zu reden.
Und wer hat jetzt eigentlich am Ende recht? Die Antwort ist: niemand so ganz, aber viele ein bisschen. Wer ernsthaft reflektiert, bereit ist, dazuzulernen, und seinem Hund und seinen Mitmenschen mit Respekt begegnet, ist auf einem verdammt guten Weg.
Also: Seien wir doch alle etwas weniger dramatisch. Weniger Urteiler:in und Verurteiler:in, mehr Zuhörer:in. Weniger Social-Media-Missionar, mehr Mensch mit Herz und Hirn.
Denn am Ende gilt wie so oft im Leben: Nicht wer am lautesten oder dramatischsten lamentiert, hat recht – sondern wer am besten versteht.
Gabriela Frei-Gees, eDOGcation