09/10/2025
Ein Lebenswerk in zehn Büchern – Urs Viktor Wehrli
Ein Werk von zehn Büchern zu vollenden, ist ein seltenes Unterfangen. Es bedeutet nicht bloss, über Jahre hinweg zu schreiben, sondern das eigene Leben in Sprache zu fassen, es in Gedanken zu verdichten und es in Geschichten und Reflexionen für andere zugänglich zu machen. Der Schriftsteller und Kunsttherapeut Urs Viktor Wehrli hat über Jahrzehnte hinweg Texte geschaffen, die aus einem künstlerischen, handwerklichen und spirituellen Leben geboren sind. Nun liegen sie in einer Gesamtausgabe vor – ein vielgestaltiges Geflecht aus Kunsttherapie, Selbsterkenntnis, spiritueller Reflexion, Essays und Poesie, das in einem Roman, «Die Plastikerin», seinen literarischen Höhepunkt findet.
Kunst und Heilung als Ursprung
Die ersten Bücher sind aus der Auseinandersetzung mit Kunst und Therapie hervorgegangen. Sie spiegeln eine Praxis, die im anthroposophischen Kontext verwurzelt ist, zugleich aber stets nach eigener, freier Form sucht. Lebendige Prozesse, Die Heilkraft der Kunst oder Der anthroposophische Kunstimpuls sind keine Handbücher im technischen Sinn, sondern tastende und forschende Schriften. Sie zeigen, wie Kunst zum Heilmittel werden kann, nicht indem sie Rezepte vorgibt, sondern indem sie Räume der Verwandlung öffnet.
Wehrlis Ansatz ist dabei stets ein doppelt beweglicher: einerseits kritisch gegenüber dogmatischen Verkürzungen, andererseits schöpferisch, weil er Kunst nicht auf Funktion reduziert, sondern als geistige Dimension des Menschen begreift.
Selbstbeobachtung und geistige Freiheit
Die mittleren Schriften weiten den Blick vom Künstlerischen auf die Gesellschaft. Aufsätze zur Selbsterziehung, Selbstbeobachtung als soziale Kernkompetenz oder Die grosse Entscheidung führen vor Augen, dass Selbsterkenntnis kein privater Luxus ist, sondern eine soziale Notwendigkeit.
Wehrli beschreibt eindrücklich, wie wir in Urteilen, Vorurteilen und Projektionen gefangen sind – und wie die geduldige Arbeit an uns selbst zu einer neuen Form sozialer Verantwortung führen kann. Hier wird Denken zu einem moralischen Werkzeug, das den Menschen nicht isoliert, sondern ihn in Beziehung bringt. Auch Glauben und Wissen werden nicht abstrakt gegeneinander gestellt, sondern als Aufgaben unserer Zeit verstanden: zwischen Materialismus und Spiritualität einen freien, selbstverantworteten Weg zu finden.
Persönliche Zeugnisse
Besonders eindrücklich sind die Bücher, in denen Urs Viktor Wehrli aus eigener Biografie schöpft. Schicksalswende erzählt von der Militärdienstverweigerung in der Schweiz in den 1980er-Jahren – ein Buch, das zeigt, wie existenzielle Entscheidungen den Einzelnen in Konflikt mit gesellschaftlichen Strukturen bringen. Grenzen des Glaubens wiederum ist ein leidenschaftliches Essay über geistige Wahrhaftigkeit, ein Plädoyer gegen dogmatische Sicherheit und für den Mut, das Denken selbst zum Maßstab zu machen. In Essays und Gedichte schliesslich finden sich philosophische Reflexionen und poetische Verdichtungen, die dem Werk eine lyrische Dimension hinzufügen.
Der Roman als Krönung: «Die Plastikerin»
All diese Schriften laufen in einem Werk zusammen, das gleichsam das «Kronjuwel» des Gesamtwerks bildet: der Roman Die Plastikerin – Ankunft im inneren Licht.
In der Figur der Bildhauerin Carla Bonetti wird das Ringen um Kunst, Liebe, Wahrheit und Verwandlung literarisch gestaltet. Carla formt nicht nur Tonerde, sondern zugleich ihr eigenes Schicksal. Liebe, Verlust, Krankheit, Aufbruch und innere Wandlung verweben sich zu einer Geschichte, die über das Persönliche hinausweist.
Während die früheren Bücher Erkenntniswege beschreiben und Gedanken entfalten, verkörpert Die Plastikerin diese Gedanken in einem Menschenleben. Der Roman ist somit eine Verdichtung des Gesamtwerks, weil er zeigt, wie Theorie und Praxis, Denken und Leben, Kunst und Schicksal sich nicht trennen lassen. Er ist Spiegel einer Haltung, die den Menschen nicht im Abstrakten belässt, sondern ihn in die Tiefe der eigenen Existenz stellt.
Ein Werk als Prozess
Das Gesamtwerk von Urs Viktor Wehrli ist weder systematische Philosophie noch bloss Literatur. Es ist das Zeugnis eines Prozesses: das beständige Fragen nach Freiheit, nach Heilung, nach Wahrheit und nach der schöpferischen Kraft des Menschen.
Wer diese Bücher liest, begegnet nicht fertigen Antworten, sondern einer Haltung, die sich nie mit Gewissheiten zufriedengibt. Es ist eine Literatur, die den Leser nicht belehrt, sondern ihn auffordert, mitzudenken, mitzuspüren und sich selbst auf den Weg zu machen.
Am Ende bleibt ein Lebenswerk, das nicht abgeschlossen im Regal steht, sondern das in seinen Leserinnen und Lesern fortlebt. Die Plastikerin mag der Höhepunkt sein – doch sie ist nicht Schlusspunkt, sondern Einladung: die eigene «Form hinter den Formen» zu suchen.
Erhältlich bei: https://www.epubli.com/?s=Urs+Viktor+Wehrli
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Text: Verein Wirkstatt Basel