19/12/2025
Die Geschichte der Lorla
Folge 2 : Breaking Good - die Heisenbergs in den La Jolla Laboratories
Nachdem die Ziele definiert waren, konnten die Chemiker an die Arbeit gehen. Wer Walther White in ‘Breaking Bad’ gesehen hat, weiß wie das in etwa ablief! Die Heisenbergs von Pfizer beschrieben das nach getaner Arbeit so:
“Mithilfe von strukturbasiertem Wirkstoffdesign, lipophiler Effizienz und Optimierung auf Basis physikalischer Eigenschaften wurden hochwirksame makrozyklische ALK-Inhibitoren mit guter Absorption, Verteilung, Metabolisierung und Ausscheidung (ADME), geringer Neigung zum p-Glykoprotein-1-vermittelten Efflux und guter passiver Permeabilität hergestellt.
Diese strukturell ungewöhnlichen makrozyklischen Inhibitoren waren wirksam gegen Wildtyp-ALK und die klinisch berichteten ALK-Resistenzmutationen.
Es wurden erhebliche synthetische Herausforderungen bewältigt, indem neuartige Umwandlungen genutzt wurden, um die Verwendung dieser Makrozyklen in Paradigmen der Wirkstoffforschung zu ermöglichen.” [1]
Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen:
Gestatten, meine Name ist PF-06463922
[ (10R)-7-amino-12-fluoro-2,10,16-trimethyl-15-oxo-10,15,16,17-tetrahydro-2H-8,4-(metheno)pyrazolo[4,3-h][2,5,11]-benzoxadiazacyclotetradecine-3-carbonitrile ],
ein makrozyklischer Inhibitor der anaplastischen Lymphomkinase (ALK) und des c-ros-Onkogens 1 (ROS1) mit präklinischer Exposition im Gehirn und breitem Wirkspektrum gegen ALK-resistente Mutationen 😉
Die Lorla war erschaffen!
Wichtiges Mittel der Bewertung in der in-vitro-Phase d.h. Labor-Phase der Entwicklung eines Krebsmittels ist der IC50-Wert.
IC50 ist definiert als die Konzentration eines Arzneimittels, die erforderlich ist, um das Wachstum von Krebszellen in vitro (im Reagenzglas) um 50% zu hemmen. IC50-Werte geben also die relative Wirksamkeit von z.B. PF-06463922 gegenüber spezifischen Zielstrukturen wie z.B. ALK Wildtype oder ROS1-G2032R an.
Ein niedrigerer IC50-Wert bedeutet, dass weniger Wirkstoff benötigt wird, um eine signifikante Hemmung zu erzielen, was auf eine höhere Wirksamkeit hinweist .
Und als IC50-Werte von Lorla wurden ermittelt [3,4]:
ALK WT(Wildtyp) : 2,3 nmol/L
ROS1 WT : 0,7 nmol/L
ALK-G1202R : 49,9 nmol/L
ROS1-G2032R : 196,6 nmol/L
Entscheidend für die therapeutische Wirkung der letztlich von Patienten einzunehmenden Lorla-Tabletten sind aber nicht IC50-Werte sondern die Konzentrationen der Lorla
- im Plasma, d.h. im Blut (Serumkonzentration)
- im Liquor, d.h. im Hirnwasser (CSF-Konzentration).
der Patienten.
Und diese muss therapeutisch wirksam, d.h. darf nicht zu niedrig sein aber darf auch nicht toxisch wirken, d.h. zu hoch sein!
Weil verabreichte Tabletten unterschiedlich vom menschlichen Organismus aufgenommen werden, variiert die Serumkonzentration von Patient zu Patient.
Und weil Blut-Hirn-Schranken bzw. Liquor-Schranken von verschiedenen Patienten das im Blut befindliche PF-06463922 unterschiedlich passieren lassen, variiert die CSF-Konzentration dann noch zusätzlich von Patient zu Patient.
Nach der Stunde der Alchemisten und vor der ersten klinischen Studie (am Menschen) schlug dann also die Stunde der präklinischen Modelle und Tierversuche.
Also ich überspringe diese Phase der Lorla-Entwicklung jetzt besser mit Verweis auf den bereits im Vorwort gezollten Respekt vor den Toten - es waren wohl vorwiegend Mäuse, Ratten und von Hunden habe ich auch gelesen …
Ergebnis dieser präklinischen Phase waren dann Schwellenwerte, d. h. minimale Serum- und Liquorkonzentrationen für die verschiedenen Genumlagerungen und Resistenzmutationen, um eine ausreichende therapeutische Wirkung der Lorla zu erzielen.
Als sog. Expositionsschwellenwerte (minimale Konzentrationen im Plasma) wurden für die Dosisfindungsstudie festgelegt:
ALK-WT : 7,6 ng/ml
L1196M : 62 ng/ml
G1202R : 150 ng/ml
und für die zu erreichenden Konzentrationen im CSF:
2.6 ng/mL, 21 ng/mL und 51 ng/mL für ALK-WT, L1196M, G1202R resp. [7]
Sie vermissen die Schwellenwerte für ROS1, insbesondere für die Mutation G2032R?
Leider sind alle ROS1-bezogenen Veröffentlichungen rund um die Dosisfindung von Lorla nur für medizinische Fachkreise zugänglich 🤔
Ja, das wird uns im Laufe der Geschichte noch häufiger passieren 🤷🏻♂️
Nun, angesichts der IC50-Werte von 49,9nmol/L für ALK-G1202R und 196,6nmol/L für ROS1-G2032R dürfte der Schwellenwert für G2032R deutlich über den 150ng/ml für G1202R gelegen haben‼️
Anmerkung:
Es ist denkbar, auf jeden Fall nicht unwahrscheinlich, dass als Ergebnis der Dosisfindungsstudie die Lorlatinib-Standarddosis auf 100mg (statt 75mg) gesetzt wurde, um auch gegen die ROS1 G2032R-Mutation zu wirken.
Später hat sich herausgestellt, dass selbst mit Lorlatinib 100mg die Konzentrationen nicht ausreichen, um die G2032R-Mutation bei allen ROS1-Patienten zu blockieren.
Ich weiß nicht, ob es unter den ROS1-Patienten der Dosisfindungsstudie überhaupt Patienten mit der G2032R-Mutation gab, aber später zeigte Lorlatinib in zahlreichen Fällen keine klinische Wirksamkeit gegen G2032R und die G2032R-Mutation blieb bei den mit Lorlatinib behandelten Patienten bestehen, so z.B. in der PFROST Studie [6].
Aber ich greife vor …
Frohe Weihnachten 🍀🤞
Hier geht es zurück zum Anfang der Geschichte:
https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1281420547356330&id=100064651903608
[1]
Johnson, T.W. et al. Discovery of (10R)-7-amino-12-fluoro-2,10,16-trimethyl-15-oxo-10,15,16,17-tetrahydro-2H-8,4-(metheno)pyrazolo[4,3-h][2,5,11]-benzoxadiazacyclotetradecine-3-carbonitrile (PF-06463922), a macrocyclic inhibitor of anaplastic lymphoma kinase (ALK) and c-ROS oncogene 1 (ROS1) with preclinical brain exposure and broad-spectrum potency against ALK-resistant mutations. J. Med. Chem. 2014.
[2]
Zou HY et al. PF-06463922, an ALK/ROS1 Inhibitor, Overcomes Resistance to First and Second Generation ALK Inhibitors in Preclinical Models. Cancer Cell. 2015
[3]
Lin JJ, Choudhury NJ, Yoda S et al. Spectrum of Mechanisms of Resistance to Crizotinib and Lorlatinib in ROS1Fusion-Positive Lung Cancer. Clin Cancer Res. 2021
[4]
Jóri B, Falk M, Hövel I, Weist P, Tiemann M, Heukamp LC, Griesinger F. Acquired G2032R Resistance Mutation in ROS1 to Lorlatinib Therapy Detected with Liquid Biopsy. Curr Oncol. 2022
[5]
Shaw AT, Chen J et al. Lorlatinib in non-small-cell lung cancer with ALK or ROS1 rearrangement: an international, multicentre, open-label, single-arm first-in-man phase 1 trial. Lancet Oncol. 2017
[6]
Landi, L. et al. Secondary ROS1 mutations and lorlatinib sensitivity in crizotinib-refractory ROS1 positive NSCLC: Results of the prospective PFROST trial. Ann. Oncol. 2019
[7]
Chen J et al. Pharmacokinetics of Lorlatinib After Single and Multiple Dosing in Patients with Anaplastic Lymphoma Kinase(ALK)-Positive Non-Small Cell Lung Cancer: Results from a Global Phase I/II Study. Springer NaturE Link. May 2021