05/01/2026
Von Herzblut, Abschieden und einem Neuanfang: Warum ich heute Bestatterin mit Leib und Seele bin
Eigentlich war mein Weg zuächst ein anderer. Während ich meine Ausbildung zur Industriekauffrau absolvierte, war die Welt der Zahlen und Fakten mein Zuhause. Doch der Tod war in unserer Familie nie ein Tabu, sondern ein stiller Begleiter. Mein Vater arbeitete als Bestattungsgehilfe; er war es, der Gräber aushob, die Verstorbenen liebevoll aufbahrte und dafür sorgte, dass Blumen beim letzten Abschied Trost spendeten.
Der Wendepunkt kam leise und doch gewaltig: Der Verlust eines geliebten Familienmitglieds wurde zum Stein des Anstoßes. In diesem Moment des Abschieds wurde uns klar, dass wir solche Situationen anders, persönlicher gestalten wollten. Meine Schwester und ich gründeten 1998 unser eigenes Bestattungshaus. Ich war gerade mal 21 Jahre jung. Ein richtiges Familienunternehmen sollte es sein. Es entstand eine Zeit des Zusammenhalts – Vater, Mutter, meine Schwester, ihr Mann und ich.
Während ich am Schreibtisch die Fäden in der Hand hielt und den Angehörigen bei den Behördengängen den Rücken freihielt, wuchsen wir als familiäres Team zusammen.
Doch das Leben zeichnet nicht immer nur gerade Linien. Wo einst tiefes Vertrauen war, schlich sich Misstrauen ein. Das Miteinander wurde zum Gegeneinander, und das gemeinsame Lebenswerk drohte, wie ein Kartenhaus in sich zusammenzubrechen.
Es war eine schmerzhafte Zeit des Umbruchs, in der ich lernen musste, dass Loslassen manchmal der einzige Weg zum Überleben ist.
In dieser dunklen Stunde geschah das Wunderbare: Freunde hielten fest zu mir und machten mir Mut. Und mein Partner? Er reichte mir die Hand und entschied, gemeinsam mit mir das Ruder herumzureißen.
Wir wagten den Neuanfang – konsequent, mutig und an einem neuen Ort.
Was als Notlösung begann, entwickelte sich zu einer Reise zu mir selbst.
Unsere Kunden schenkten uns weiterhin ihr Vertrauen und spürten die neue, positive Energie, die wir als Team ausstrahlten. Jahr für Jahr wuchs nicht nur unser Zuspruch, sondern auch der Wunsch, einen Ort zu schaffen, der wirklich „WIR“ sagt. Ein Ort, der nicht nur eine Betriebsstätte ist, sondern eine Seele hat.
Lange suchten wir, bis der Zufall uns genau dorthin führte, wo wir heute stehen. Ein Ort, den ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Wir haben geplant, gestaltet und mit Liebe zum Detail umgesetzt. Heute erzählen unsere Räume im ehemaligen Schreibwarengeschäft Janssen an der Materborner Allee eine Geschichte – eine Geschichte von Geborgenheit, Würde und neuer Perspektive.
Wenn ich heute morgens die Tür zu meinem Institut öffne, spüre ich eine tiefe Zufriedenheit verbunden mit großen Portionen Stolz und Demut. Mein Dasein als Bestatterin fühlt sich heute vollkommen an – so „richtig richtig“. Es ist mehr als ein Beruf; es ist meine Berufung.
Ich bin unendlich dankbar, dass mein Lebenswerk von so vielen Menschen positiv wahrgenommen wird und ich mit Leib und Seele Familien in ihren schwersten Stunden ein Stück Wärme und Licht mit auf den Weg geben darf.
Tanja Winters