10/04/2026
Der Abschied vom „kleinen Janze“
Ganz friedlich lag sie da in ihrem Pflegebett. Die Decke umschlang ihren hochbetagten Körper, die Hände auf der Decke ineinander verwoben. Darin hielt sie einen etwa 30 Zentimeter großen, hellbraunen Teddybären – kein rundlicher Bär, sondern ein langer, schlanker mit einem ganz eigenen Charakter.
Es war Erna, die dort in ihrem Zimmer im Altenpflegeheim lag. 102 Jahre durfte sie auf dieser Welt sein. Nun ist Erna tot. Ihr Sohn, selbst schon fast 79, erzählte uns später voller Dankbarkeit von ihrem Leben – einem Leben voller Höhen und Tiefen, geprägt von einer Zeit, die heute jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Die junge Pflegerin Sonja, die uns begleitete, bestätigte das Bild: Erna war wegen ihrer herzlichen und dankbaren Art im ganzen Haus beliebt.
Wir haben Erna vorsichtig auf unsere Transporttrage umgebettet und ihr den Teddy wieder so in die Hände gegeben, dass sie ihn fest umschließen konnte. Seine kleinen Knopfaugen schienen uns mit Erleichterung anzuschauen, und seine großen Ohren waren bereit, alles mitanzuhören – auch das letzte Geräusch, das Schließen der großen Klappe unseres Bestattungswagens.
Wenig später saßen Ernas Sohn und seine Frau bei uns im Institut. Sie füllten den Raum mit einer unfassbaren Herzlichkeit. Trotz des traurigen Anlasses strahlte das Ehepaar eine tiefe Dankbarkeit darüber aus, dass Erna so lange bei ihnen sein durfte.
Ernas Weg war nicht immer leicht gewesen. Geboren kurz nach dem Ersten Weltkrieg, früh verheiratet, früh geschieden, dann denselben Mann noch einmal geheiratet und mit nur 27 Jahren zur Witwe geworden – seitdem hatte sie sich alleine durchs Leben geschlagen. Diese wenigen Stationen reichten aus, um zu verstehen, welche Kraft in dieser Frau gesteckt haben muss.
In diesem Gespräch erfuhren wir auch das Geheimnis des Teddys. Die Schwiegertochter erzählte uns von „de kleine Janze“, wie der Bär liebevoll auf Klever Platt genannt wurde. Der Name leitete sich von Ernas Geburtsnamen Janhsen ab und bezog sich auf ein altes Steinbild des Klever Malers Jupp Brüx, das in ihrem Haus hing. Es zeigt eine Menschengruppe um einen Kinderwagen mit einem Baby – eben den „kleinen Janze“.
Es gibt sogar einen „Ersatz-Janze“, wie uns die Schwiegertochter verriet. Ein zweiter, identischer Teddy, der immer dann einsprang, wenn der erste gewaschen werden musste. Es war herzerwärmend zu hören, mit welcher Sorgfalt sie sich um dieses Detail kümmerten. Während der „Ersatz-Janze“ nun als Erinnerung beim Sohn und seiner Frau bleibt, wird der echte „kleine Janze“ Erna auf ihrem letzten Weg für immer begleiten.
Die Stimmung an unserem Besprechungstisch war unbeschreiblich schön. Die Schwiegertochter betonte, wie wohl sie sich in unseren liebevoll gestalteten Räumen fühlte und wie sehr sie die Wertschätzung spürte. Als Zeichen dieser Verbundenheit versprach sie uns das Steinbild von Brüx als Geschenk – eine bleibende Erinnerung an diesen besonderen Zauber, den wir an diesem Tag erleben durften.
Der Abschied am frühen Abend war geprägt von Demut und einer tiefen Herzlichkeit. Die Magie, die der Maler Brüx einst in sein Werk gelegt hatte, war in der Geschichte von Erna und ihrem „kleinen Janze“ auf ganz neue Weise lebendig geworden. Die Geschichte, die damit begann, als Erna selbst noch ´ne kleine Janze war und nach 102 Jahren gewiss noch nicht zu Ende erzählt sein wird...
[Alle Klarnamen wurden von uns geändert]