16/02/2026
Als Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 von einer „Unfähigkeit zu trauern“ sprachen, meinten sie mehr als bloße Gefühllosigkeit. Sie beschrieben eine kollektive seelische Abwehr: Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hatte nicht wirklich Abschied genommen – weder von der Ideologie des Nationalsozialismus noch vom eigenen idealisierten Selbstbild. Statt Trauerarbeit trat Funktionieren. Statt innerer Auseinandersetzung trat Wiederaufbau.
Trauer ist schmerzhaft. Sie verlangt, eine Illusion loszulassen. Sie verlangt, anzuerkennen, dass etwas unwiederbringlich verloren ist. Und genau hier beginnt die Parallele zur Krebsdiagnose.
Wenn ein Mensch die Diagnose Krebs erhält, bricht nicht nur körperlich etwas ein. Es zerbricht auch ein inneres Bild: das Bild von Unverletzlichkeit, Planbarkeit, Kontrolle. Viele Betroffene berichten, dass sie zunächst funktionieren. Termine organisieren. Therapien planen. Informieren. Kämpfen. Doch die eigentliche Trauer – um das alte Leben, um Sicherheit, um Zukunftsgewissheit – wird häufig aufgeschoben.
Diese Form der individuellen „Unfähigkeit zu trauern“ ist kein Versagen. Sie ist ein Schutzmechanismus. Aber wenn sie dauerhaft bleibt, kann sie verhärten. Der Körper wird behandelt, doch die Seele bleibt im Alarmzustand.
Die Mitscherlichs beschrieben etwas Ähnliches auf gesellschaftlicher Ebene: Statt sich mit Schuld, Mitverantwortung und moralischem Zusammenbruch auseinanderzusetzen, verlagerte sich der Fokus auf Leistung und wirtschaftlichen Erfolg. Man schaute nach vorn – aber nicht nach innen.
Auch heute erleben wir gesellschaftliche Spannungsfelder, in denen sich die Frage stellt: Wo trauern wir eigentlich? Und wo funktionieren wir nur?
Die Corona-Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Familien wurden entzweit, Existenzen erschüttert, Vertrauen in Institutionen erschüttert oder gefestigt – je nach Perspektive. Doch eine umfassende gesellschaftliche Trauerarbeit scheint vielerorts ausgeblieben zu sein. Statt eines gemeinsamen Innehaltens dominiert oft Polarisierung. Jede Seite fühlt sich im Recht. Kaum Raum für das Eingeständnis von Fehlern, von Überforderung, von Unsicherheit.
Trauer würde bedeuten: Wir haben kollektiv eine Ausnahmesituation erlebt. Wir waren ängstlich. Wir haben Entscheidungen unter Druck getroffen. Manche waren richtig, manche möglicherweise nicht. Wir haben einander verletzt. Und wir haben Verluste erlitten – gesundheitlich, wirtschaftlich, sozial.
Ohne diese Form von Trauerarbeit bleibt ein latentes Misstrauen im System zurück.
Ähnlich verhält es sich mit Skandalen wie dem Fall Jeffrey Epstein. Hier zeigt sich ein gesellschaftliches Muster: Machtstrukturen, Intransparenz, das Gefühl, dass Eliten sich entziehen. Unabhängig von Spekulationen oder Verschwörungserzählungen bleibt ein Kern: Wenn Vertrauen erschüttert wird und keine transparente Aufarbeitung erfolgt, entsteht ein kollektives Gefühl von Ohnmacht. Auch das ist eine Form von nicht gelebter Trauer – die Trauer um die Illusion einer gerechten und kontrollierbaren Welt.
Und schließlich die wachsende Angst vor kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa und weltweit. Der Krieg in Ukraine, Spannungen zwischen Großmächten, atomare Drohgebärden – all das konfrontiert uns mit einer existenziellen Verletzlichkeit. Die Nachkriegsgeneration lebte lange in dem Glauben, Krieg sei auf europäischem Boden überwunden. Diese Illusion beginnt zu bröckeln.
Was passiert psychologisch, wenn kollektive Sicherheiten wegbrechen? Wenn Vertrauen in politische Stabilität, in wirtschaftliche Kontinuität, in globale Ordnung erschüttert wird?
Wir sehen ähnliche Muster wie bei einer Krebsdiagnose: Aktionismus, Polarisierung, Schuldzuweisung, Informationsflut – und gleichzeitig eine tiefe, oft unausgesprochene Angst.
Trauer würde hier bedeuten: Wir leben in einer verletzlichen Welt. Wir sind nicht allmächtig. Fortschritt schützt nicht vor Krisen. Demokratien sind keine Selbstverständlichkeit. Frieden ist keine Garantie.
Die große Frage ist: Haben wir als Gesellschaft die Fähigkeit, diese Verletzlichkeit anzuerkennen, ohne in Zynismus oder Aggression zu verfallen?
In der psychoonkologischen Begleitung erlebe ich immer wieder, dass Heilung nicht nur mit Therapien zu tun hat, sondern mit Wahrhaftigkeit. Mit der Bereitschaft, hinzuschauen. Den Schmerz zu fühlen. Die Angst zu benennen. Die Kontrolle loszulassen.
Vielleicht braucht auch unsere Gesellschaft mehr Räume der kollektiven Reflexion. Weniger schnelle Antworten. Mehr ehrliche Fragen. Weniger ideologische Verhärtung. Mehr Dialogfähigkeit.
Die „Unfähigkeit zu trauern“ ist letztlich eine Unfähigkeit, Illusionen loszulassen. Und doch ist genau dieses Loslassen Voraussetzung für Reifung – individuell wie kollektiv.
Ein Mensch mit Krebs, der die Trauer um sein altes Leben zulässt, entdeckt oft neue Werte: Tiefe, Beziehung, Präsenz, Sinn. Vielleicht steht auch unsere Gesellschaft an einem ähnlichen Punkt: Die Frage ist nicht nur, wie wir Krisen technisch bewältigen – sondern wie wir sie seelisch integrieren.
Denn ungelebte Trauer verschwindet nicht. Sie wandert in Misstrauen, in Radikalisierung, in körperliche und gesellschaftliche Symptome.
Die Fähigkeit zu trauern ist letztlich die Fähigkeit, Mensch zu bleiben – inmitten von Krankheit, politischer Unsicherheit und globaler Bedrohung.
Und vielleicht beginnt sie ganz leise: mit dem Mut, innezuhalten. Zur Vertiefung besuche unser Seminar zur Trauerarbeit
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