30/01/2022
An einem Februar-Abend des Jahres 1806, kurz nachdem das Kloster säkularisiert wurde, saßen am Küllersberg einige Mädchen beim Spinnrade. Die Fäden flitzten durch die geschickten Finger, die Räder schnurrten und das Mundwerk nicht minder geschwind.
So fanden sich nach und nach auch einige Burschen ein, nahmen auf den Bänken, die an den Wänden entlang liefen, Platz und fingen an, sich mit den Mädchen zu necken. Denn so eine Liebschaft kam damals in der Spinnstube zustande. Das volle Haar lag wie eine Krone in Zöpfen um Stirn und Nacken. Die derben, selbstgewebten Röcke mit bunter Kante umschlossen die festen Hüften. Stolz trugen sie den Kopf, und ihre Blicke trafen wie Messerklingen.
Die Burschen waren verliebt wie heute, sonst wären sie ihren Schätzen nicht jeden Abend nachgezogen von Haus zu Haus und hätten sich necken lassen. Mancher Junge fand keine Gegenliebe und suchte der Liebsten mit bittenden Augen das Herz zu erweichen oder, wenn es ein rabiater Geselle war, fing er mit dem, der ihm vorgezogen wurde, Streit an, und es gab eine Prügelei. Aber heute abend saßen die jungen Männer, fünf an der Zahl, gar friedlich auf ihren Bänken und schmauchten ihre kurzen Pfeifen, die einen dichten, stinkenden Rauch entwickelten. Das beste Kraut war es nicht, das sie im gestickten Lederbeutel mitbrachten. Denn der Reichtum der Perlen und die Schönheit der Stickerei waren die Gradmesser der Liebe des Mädchens.
Gerd Wilms, ein Fuhrmann, der die Waren der Kaufherren Solingens und Gräfraths nach Cöln und Elberfeld bis Hagen und Dortmund fuhr, hatte den schönstenTabaksbeutel. Ein hübscher Bursch, mit breiter, kräftiger Brust und einem ehrlichen Gesicht, aus dem sonst allzeit fröhliche Augen strahlten. Doch seit einiger Zeit blickte er trübe in dieWelt, denn sein Schatz - ein Seufzer entrang sich seinem Munde. Und die, der er galt, neigte den blonden Kopf, über die Spindel, und ihr Fuß trat das Rad unbarmherzig, dass es knackte.
Grete Hammesfahr war eines der schönsten Mädchen Gräfraths - und stolz wie alle Bergischen. Deshalb konnte sie es nicht vertragen, dass ihr Gerd sich auch noch mit anderen Mädchen neckte. Sogar einen Kuss hatte er kürzlich der schwarzen Sophie, die gar kein bergisch Kind war, sondern da unten aus dem Essenschen stammte, gegeben. Als sie ihn entrüstet zur Rechenschaft zog, hatte er gelacht, gerade wie einer, der die Mädel nur ausziehen will, und hatte gesagt: „Was? Um einen Kuss machst du so viel Wesen? Da liegt mir gar nichts dran, ich habe noch genug! - Komm , du kannst auch noch ein paar kriegen!"
Voller Abscheu hatte sie sich gewandt. Was war das für ein Bursche, dem an einem Kuss nichts lag? Bei dem sie feil waren wie Brombeeren und der jede küßte, die es sich nur gefallen ließ?!
Entweiht fühlte sie ihr heiligstes Gefühl, und als er lächelnd wiederkam und sie heimbegleiten wollte, da hatte sie ihn abgewiesen und zu seiner Hexe geschickt. Anfangs hatte er herzhaft gelacht - gelacht - über ihre Eifersucht. Aber das war ihm bald vergangen, als das schöne Mädchen ihm nun keinen Blick mehr gönnte und aus dem Wege ging. Da sah er ein, dass es dem Mädel ernst war, und statt der neckenden Scherze hatte er nur noch tiefe Seufzer. Aber wenn er wußte, er konnte sie ängstigen oder kränken, dann tat er's mit Fleiß. Es war eine Wollust für ihn, sie zittern zu sehen.
So saßen sie beide wortlos und eiferten sich in ihrem Groll. Währenddessen erzählten die Burschen und Mädchen vom letzen Todesfalle in der Gemeinde. Ein alter Mann war gestorben, der nie in die Kirche gegangen, seinen Platz auf der Steinbank vor der Tür der Klosterkirche gehabt hatte, die früher für die öffentlichen Büßer bestimmt war. Hier saß der Verstorbene, von dem kein Mensch wußte, wer er war und woher er kam, wenn man in nächtlicher Stunde über den Klosterhof ging. Viele bezeugten, dass er stumm wie bei Lebzeiten auf der Steinbank hocke, und dass seine dürre, morsche Gestalt das lange Totenhemd einhülle, womit man ihn ins Grab gelegt hatte. Den Mädchen rieselte es kalt über den Rücken.
„Was mag er getan haben, dass er noch im Tode nicht Ruhe findet ?" frug eine Spinnerin. „Vielleicht will er erlöst sein," entgegnete eine andere. „Es gibt ja Menschen, die nach ihrem Tode noch umgehen müssen und nicht zur Ruhe kommen, bis sie gefragt werden, warum sie wiederkehren."
„O, dazu gehört aber viel Mut, " entfuhr es Grete Hammesfahr.
„Mut? Gar kein Mut gehört dazu!" rief hastig herausfordernd Gerd Wilms.
Und alle sahen lächelnd auf, denn es war das erstemal, dass er seinen Mund heute abend auftat. Und sie wußten auch, warum er trotzig geschwiegen hatte. Grete beugte sich über ihr Spinnrad und hörte vor Summen und Brummen der Spindel kaum, was die andern sprachen. Plötzlich aber brach ein heftiger Streit an ihr Ohr. Ein schrilles Wort, ein Verbot, und dann sein lautes, spöttisches Lachen.
„Ich sage euch, ich tu's. Gleich jetzt gehe ich und ziehe dem Manne das Hemd über den Kopf, und zum Beweise will ich's euch bringen." Da sah sie auf und traf seinen Blick. Aha, furchtsam wollte er sie machen. Sie solle ihm zu Füßen stürzen und betteln und flehen, den frevelnden Gedanken aufzugeben. Weil sie Angst um ihn hätte. Trotzig, wie es bergische Art ist, schwieg sie und tat, als ob sie keinen Anteil nähme. Die anderen ließen ihre Spindeln ruhen und schauten ängstlich zu Gerd auf. Nur eine nestelte am Faden, den sie zerrissen hatte. Sie glaubte vielleicht, er prahle nur. Und er stand auf, reckte sich in seiner stattlichen Größe, steckte den reich gestickten Tabaksbeutel, ein Geschenk Gretes, in die Brusttasche und machte sich bereit. Die Burschen suchten ihn zurückzuhalten.
„Mach keine Dummheiten," meinte der eine. „Mancher ist schon sein Leben quitt geworden bei solchen Fahrten," belehrte ein andrer. „Versuche den lieben Gott nicht," sprach ein Dritter. Nur die, von der Gerd hoffte, ein Wort zu hören. Und wenn es ihn auch geärgert oder gar beleidigt hätte. Besser ein wundes Wort als gar keins.
Zornig verließ er das Zimmer, schlug krachend die Tür hinter sich zu. Der eisige Luftzug, der in den warmen Raum wehte, trug auch die Worte zurück: „Dammich! Ich bringe das Hemd!"
Auf den Zurückgebliebenen lag es wie ein Alp. Sprachlos folgten sie in Gedanken den Schritten des Übermütigen. Stille zog wie Fäden durch‘s Zimmer. Jeder trug Scheu, daran zu rühren, den unsichtbaren Fäden des Schicksals. Die Turmuhr schlug Mitternacht. Zwölf Schläge hallten über Grafrath dahin. Da knirschte wieder der Schnee. Die Tür des Hauses schwang auf.
„Gott sei Dank, er ist zurück." Aber bleich wurden die Gesichter, als sie in seinem Arm ein schneeweißes Bündel sahen.
Er trat an den Tisch, von dem eine Öllampe rötliches, von Qualm und Dunst verschleiertes Licht entsandte, rollte das Leinen auseinander, warf es auf den Tisch: „Da ist das Hemd!"
Zuerst fuhren die Anwesenden zurück vor dem langen Totenhemde, das mit breiten schwarzen Schleifen und Bändern verziert war. Aber dann traten sie näher, um es mit grauser Neugier zu betrachten. Es verströmte einen eigenen dumpfen, muffigen Geruch.
„Es war nicht so schlimm," berichtete Gerd. „Der Alte hielt ganz still, als ich es ihm auszog." Tief Atem holte er, ehe er fortfuhr: „Aber als ich vor die Tür der Kirche trat, beim ersten Schlage der Mitternachtstunde, brauste es wie ein Sturm um die Kirche, und ich sah …" Heftiges Pochen an die geschlossenen Fensterladen unterbrach die Erzählung. Draußen klagte eine Stimme: „Mein Hemd — gib mir mein Hemd — hu — mich friert — es ist so kalt!"
Die junge Leute starrten sich an, keiner wagte zu atmen. Die Mädchen suchten Schutz bei den Männern, die sich in den hintersten Winkel zurückzogen. Nur Gerd und Grete blieben im blaßroten Schein der Lampe stehen.
Und wieder schlug eine harte Faust an die Laden, und klagender, aber auch befehlender klang die Stimme: „Gib mir mein Hemd — hu — gib mir mein Hemd!"
„Gerd, um Gottes willen," riefen die Burschen, „gib's ihm. Sonst sind wir des Todes." Wie sie zitterten, die Memmen. Mit höhnischem Blick griff Gerd das Totenhemd, schritt zum Fenster und schrie die Laden aufstoßend,: „Sei still. Ich gebe es dir, hier ist dein Hemd!"
„Nicht hier! Bring's, wo du's mir nahmst. Auf dem Steine warte ich, bis die Uhr die erste Stunde kündet. Wehe, wehe bringst du's nicht zurück!"
„Gerd," flüsterte Grete, „was willst du tun?"
„Was ich muss, Grete." Da fiel ihm Grete um den Hals und beschwor ihn, nicht zu gehen.
Aber die Burschen und Mädchen schrien: „Hat Gerd den Toten herausgefordert, so mag er ihn auch versöhnen. Sollen wir seinetwegen uns der Rache aussetzen?" — Da reckte sich Gerd auf. Lauter als nötig rief er: „Habt keine Furcht, ich geh. Habe ich die Gefahr heraufbeschworen, so will ich sie auch auf mich nehmen." —
„Gerd!" schrie Grete. „Um meinetwillen, tu es nicht. O, ich ahne, du kommst nicht wieder."
„Grete," seufzte Gerd. „Ich muß."
Da sank das Mädchen an seine Brust und weinte. Und Gerd nahm sie in seine Arme. Vor allen Anwesenden gab er ihr viele heiße Küsse und flüsterte: „Hast du mich so lieb, Grete?" -
„Ja, Gerd. Ich habe dich so lieb," hauchte sie.
„Und, Grete, wenn ich gesund wiederkomme, willst du dann die meine werden?“ stotterte der Bursche.
„Alles, was du willst," schluchzte das Mädchen. „Ach, ich ahne, er dreht dir den Hals um." Und jeder fühlte am Nacken die eiskalte Hand.
Gerd riss sich los: „Die Zeit drängt. Bald ist es ein Uhr, der Alte will sein letztes Hemd haben. Ich geh, lebe wohl, Grete. Wenn ich gesund wiederkomme, feiern wir Ostern Hochzeit.“
Die Mädchen und Burschen trösteten Grete und sprachen von einem schnellen Tode, wenn es dazu käme. Denn die Rache der Verstorbenen sei gefährlich, und noch nie habe ein Sterblicher sie ungestraft herausgefordert.
Aber bald darauf trat Gerd ein, und laut- und wortlos fiel sie ihm um den Hals. Und jeder frug, beschwor und bat, zu sagen, wie es gelaufen sei. Gerd aber stöhnte nur und antwortete geistesabwesend: „Es war entsetzlich. Aber ich darf nichts sagen, sonst …" Und sie fragen nicht mehr.
Ostern war, wie versprochen, die Hochzeit. Da näherte sich Gerds Mutter der neuen Tochter: „Eins muss ich dich noch fragen, Grete, denn von Gerd kriege ich's nicht heraus. Was wollte er bloß vor einigen Monaten mit Vaters Hemd und meinen schwarzen Haubenbändern mitten in der Nacht?"
Da stutzte die Braut und zog sie pfeifend die Luft durch die weißen Zähne. Später gestand ihr denn auch Gerd die Missetat. — „Und wer war der Tote am Fenster, der sein Hemd verlangte?" frug sie schmollend.
„Der Nachtwächter. Für bare Münze macht der alles, selbst Gespenster!“