23/11/2025
Vertrauen und Ernstnehmen.
Historisch betrachtet zeigt sich ein bemerkenswerter Parallelverlauf zwischen der Multiplen Sklerose in der Zeit vor der MRT und der heutigen Situation von ME/CFS. Bevor die Bildgebung verlässliche Läsionsmuster sichtbar machte, war MS eine Erkrankung, die man ausschließlich klinisch und mit Hilfsbefunden diagnostizierte. Der Nachweis der „Dissemination in Zeit und Raum“ erfolgte über Symptome, Liquorveränderungen oder verzögerte evozierte Potenziale – aber nichts davon galt als endgültig beweisend. Viele Betroffene wurden daher zu spät erkannt, fehlgedeutet oder sogar in die psychiatrische Ecke gestellt, weil ihre Beschwerden nicht in das damalige diagnostische Raster passten. Dieses Muster ähnelte weniger einem Versagen der Medizin als vielmehr einem Ausdruck technologischer und konzeptueller Grenzen.
Eine sehr ähnliche Situation findet sich heute bei ME/CFS. Obwohl die Erkrankung klar definierte klinische Kriterien aufweist und pathophysiologische Befunde wie autonome Funktionsstörungen, immunologische Auffälligkeiten, Belastungsintoleranz und metabolische Veränderungen gut dokumentiert sind, fehlt bislang ein einzelner, allgemein akzeptierter Marker. Dadurch entsteht ein diagnostisches Vakuum, das manche Ärztinnen und Ärzte fälschlicherweise mit psychologischen Erklärungsmodellen füllen. Patienten berichten nicht selten von Skepsis, Bagatellisierung oder Fehldiagnosen – ein Echo jener Erfahrungen, die MS-Betroffene vor Jahrzehnten machen mussten.
Was beide Erkrankungen verbindet, ist die Diskrepanz zwischen klinischer Realität und diagnostischer Abbildbarkeit. Bei MS dauerte es Jahrzehnte, bis die Technologie der Pathophysiologie nachkam. Im Fall von ME/CFS stehen wir heute an einem ähnlichen Punkt: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse wachsen, doch das Gesundheitssystem tut sich schwer, diese auch in Versorgung, Leitlinien und Sozialrecht abzubilden. Die Parallele zeigt, wie wichtig es ist, Unsicherheit auszuhalten, Patientinnen und Patienten ernst zu nehmen und Diagnostik nicht durch die Abwesenheit eines technischen Nachweises zu verengen. Denn auch historisch war die Medizin immer dann am stärksten, wenn sie die klinische Beobachtung höher bewertet hat als das, was sie gerade messen konnte.