04/03/2026
In den letzten Monaten erlebe ich immer öfter ein sehr pauschales „Wahlarzt-Bashing“. Als Wahlärztin möchte ich dazu ein paar persönliche Gedanken teilen.
Vor mehr als 15 Jahren habe ich mich für den Weg als Wahlärztin entschieden – nicht unbedingt aus freien Stücken, sondern auch, weil ich damals schlicht und ergreifend keine Möglichkeit hatte, eine Kassenstelle zu bekommen. Viele vergessen heute, dass der Zugang zu Kassenstellen lange Zeit sehr begrenzt war.
Ich habe mich damals trotzdem entschieden, eine Praxis aufzubauen – mit viel Herz, persönlichem Risiko und großem Einsatz. Und meine Arbeit bereitet mir bis heute täglich Freude, weil ich mir ausreichend Zeit für Gespräche, gründliche Untersuchungen, Prävention und individuelle Therapie nehmen kann.
Denn wir als behandelnde Ärztinnen und Ärzte brauchen Zeit für unsere Patient*innen – Zeit, die im derzeitigen Kassensystem oft schlicht nicht vorhanden ist. Das Problem sind Strukturen mit unattraktiven Honoraren, hoher Bürokratie und einer seit Jahrzehnten stagnierenden Anzahl an Kassenstellen.
Viele Patient*innen kommen zu mir, weil sie sonst monatelang auf Termine warten müssten oder weil sie sich genau diese persönliche Betreuung wünschen. In diesem Sinne entlasten wir Wahlärztinnen und Wahlärzte täglich Kassenordinationen und Spitäler.
Und ich habe unglaublich großen Respekt vor meinen Kolleginnen und Kollegen im Kassensystem. Denn sie leisten unter enormem Druck täglich Großartiges und versuchen die fehlenden Ressourcen so gut wie möglich zu kompensieren.
Wir sind daher nicht die Ursache der Probleme im System – wir sind eine Reaktion auf seine Grenzen.
Anstatt ständig neue Sündenböcke zu suchen, sollten wir uns daher eine viel wichtigere Frage stellen: Warum hat unser Gesundheitssystem so wenig Zeit für Menschen – und was können wir konkret dagegen tun?
Ein zentraler Schlüssel liegt neben der Schaffung zusätzlicher Kassenstellen und deren Attraktivierung vor allem darin, viel stärker in Prävention zu investieren – in Gesundheitsbildung, Vorsorgeuntersuchungen und die Förderung einer gesunden Lebensweise.
Idealerweise beginnt diese Prävention bereits im Kindesalter – in Familien, Kindergärten und Schulen. Denn je früher wir Menschen dabei unterstützen, gesund zu bleiben, desto stärker können wir das Gesundheitssystem entlasten.
Und genau dafür brauchen wir vor allem wieder eines: Zeit!
So drehen wir uns im Kreis, anstatt gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die für alle funktionieren.
Leider scheint genau das immer häufiger das Prinzip unserer Zeit zu sein.