14/06/2022
Wichtig! ⚠️
Das Trampolin – Fluch oder Segen?
Gefühlsmäßig steht in jedem zweiten Garten ein Trampolin. Aktive Bewegung, bei der der Spaß nicht zu kurz kommt – toll, oder? So sieht es auf den ersten Blick aus.
Auf den zweiten Blick fällt jedoch leider eine enorm hohe Verletzungsrate auf. Seit dem Populärwerden der Gartentrampoline sind die Unfallstatistiken bedenklich in die Höhe geschnellt, sodass in Österreich und einigen anderen Ländern sogar ein Verbot erwogen wurde. Die US-amerikanische Kinderärztevereinigung „American Academy of Pediatrics“ rät generell von der heimischen Verwendung von Trampolinen ab.
Aber wir haben doch ein Schutznetz! Problem gelöst?
Leider nein. Nur in 7% der Fälle kam es zu einem Sturz aus dem Gerät, wie u.a. eine Grazer Studie (Spitzer&Schalamon, 2008) zeigt. Die Verletzungen passieren in der Regel auf dem Trampolin selbst, da die Kinder die entstehenden Beschleunigungskräfte nicht kontrollieren können. Der Großteil aller Verletzungen (65%) passiert bei der Landung auf der Sprungfläche (Bauer et al., 2007). Weit abgeschlagen folgen Kollisionen mit 11% (Spitzer&Schalamon, 2008), alle anderen Ursachen erreichen noch geringere Prozentsätze. Bei älteren Kindern (durchschnittlich 11,5 Jahre) sind laut der finnischen ForscherInnen Korhonen et al. (2018) für schwere Verletzungen meist missglückte Saltoversuche verantwortlich, bei denen häufig die Halswirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen wird.
Die gefährlichste Situation ist jedoch das gemeinsame Springen zweier oder mehrerer Kinder. In einer Schweizer Studie waren mehr als drei Viertel aller verletzten Kinder nicht alleine auf dem Trampolin – bei Knochenbrüchen sogar 90% (Klimek et al., 2013). Auch eine französische (Meyerber et al. 2019) und eine britische Studie (Wootton et al., 2009) identifizierten das gemeinsame Springen mehrerer Personen als bedeutenden Risikofaktor.
Abgesehen von Kollisionen kommt es dabei häufig zu folgendem Unfallhergang: Das schwerere Kind springt hoch, und genau in dem Moment, als das Sprungtuch wieder hochschnellt, landet das leichtere Kind. Es kommt zu einem heftigen Aufprall mit einer Kraft, die dem x-fachen des Körpergewichts entspricht. Nicht selten sind komplizierte Knochenbrüche die Folge. Noch schlimmer sieht es aus, wenn Erwachsene gemeinsam mit Kindern springen: Wenn ein 80kg schwerer Erwachsener gemeinsam mit einem 25kg schweren Kind springt, wirken dieselben Kräfte, wie wenn dieses Kind aus 2,80m Höhe auf harten Untergrund fällt (Menelaws et al., 2011).
Wie viele andere zeigt auch eine relativ neue australische Studie, dass Trampolinunfälle ein häufiger Grund für Krankenhausaufenthalte von Kindern sind (Chen et al., 2019). Im Vergleich zu Kindern, die bei anderen körperlichen Aktivitäten verunfallt sind, müssen auf dem Trampolin verunfallte Kinder doppelt so häufig operiert werden, wie eine französische Studie zeigt (Meyerber et al., 2019).
Laut der oben genannten Grazer Studie handelt es sich bei 40% der Trampolinunfälle um schwere Verletzungen – und Erfahrung ist kein Schutzfaktor! Kinder, die schon mehrere Jahre springen, verletzen sich ebenso häufig wie „AnfängerInnen“.
Bei Kleinkindern beispielsweise kommt es so häufig zum Bruch des Schienbeins an der oberen Wachstumsfuge, dass diese Verletzung bereits „Trampolinfraktur“ genannt wird. Leider wird sie häufig übersehen (Stranzinger et al., 2014; Bruyeer et al., 2012). Bei älteren Kindern wird häufig die Wachstumsfuge am Innenknöchel verletzt. In beiden Fällen können Wachstumsstörungen die Folge sein (Blumetti et al., 2016).
In einer dänischen Studie (Thi Huynh et al., 2018) wurden bei mehr als der Hälfte der im Krankenhaus behandelten Kinder, die sich auf dem Trampolin verletzt hatten, Knochenbrüche diagnostiziert.
Wenn kein Knochen bricht, kommt es oft zu Bänderrissen – auch keine Bagatellverletzung, denn eine bleibende Instabilität des Sprunggelenks kann z.B. die Folge sein.
Auch Kopf und Wirbelsäule werden bei Trampolinunfällen immer wieder verletzt, wobei die Gefahr langfristiger Schäden besteht (Korhonen et al., 2018). Nicht nur eine Querschnittlähmung kann die Folge sein, sondern auch der Tod des Kindes (Brown&Lee, 2000; Smith, 1998).
Empfohlene Sicherheitsvorkehrungen waren gemäß den genannten dänischen ForscherInnen (Thi Huynh et al., 2018) unter den Eltern verunfallter Kinder kaum bekannt. Zu diesem Schluss kommen auch die kanadischen ForscherInnen Beno et al. (2018). Dass Kinder nur unter Aufsicht springen sollten sowie dass das Trampolin über ein Sicherheitsnetz verfügen muss und nicht defekt sein darf, war den meisten Eltern klar, doch über die Gefährlichkeit von Stunts und mehreren gleichzeitig springenden Kindern wusste weniger als die Hälfte der Eltern Bescheid . Dass Kinder unter 6 Jahren besonders gefährdet sind und deswegen nicht aufs Trampolin sollten, wussten nur 18% der Eltern. Die ForscherInnen schließen daraus, dass Eltern besser informiert werden müssen. Zu diesem Schluss kommen auch Meyerber et al. (2019) in Frankreich, und sie fügen hinzu, dass auch VerkäuferInnen von Trampolinen besser ausgebildet werden sollten, um über Sicherheitsrisiken aufklären zu können. Britische ForscherInnen erklären in ihrer bereits über zehn Jahre alten Studie (Wootton et al., 2009), dass Trampolinhersteller zwar Sicherheitshinweise geben, Eltern diese aus mangelndem Gefahrenbewusstsein aber oft nicht berücksichtigen. Viel scheint sich seitdem nicht geändert zu haben.
Was können Eltern nun tun?
A) Erst gar kein Trampolin kaufen. Eindeutig die beste und sicherste Variante. Es gibt auch andere Dinge, die Spaß machen und bedeutend seltener zu schweren (!) Verletzungen führen. Das hat nichts damit zu tun, Kinder in Watte zu packen. Gerne können sie rennen, auf Bäume klettern, wieder herunterspringen etc. Die dabei einwirkenden Kräfte sind wesentlich berechenbarer.
B) Wenn es unbedingt ein Trampolin sein muss: Sicherheitsnetz verwenden, dieses gut schließen, das Trampolin regelmäßig auf Defekte prüfen.
C) Immer nur ein Kind alleine springen lassen. Das verhindert natürlich nicht alle Unfälle, da auch für ein einzelnes Kind ein Verletzungsrisiko besteht – jedoch reduziert es das Risiko je nach Quelle um bis zu 80%.
D) Keine Kleinkinder springen lassen. Ihre Bewegungskontrolle ist weniger ausgereift, weswegen sie gefährdeter sind. Allerdings gibt es keine Altersgrenze, ab der das Springen plötzlich „sicher“ ist. Es besteht in jedem Alter ein beträchtliches Risiko, wobei manche Menschen geschickter sind als andere. Einige UnfallchirurgInnen und diverse Organisationen empfehlen ein Mindestalter von 6 Jahren.
E) Nur unter Aufsicht springen lassen und keine waghalsigen Stunts zulassen! Wenn das Kind turnerische Ambitionen hat, besser in einem Turnverein anmelden, wo es professionell angeleitet wird.
F) Vorheriges Aufwärmen auf festem Boden ist sinnvoll (laufen, springen).
G) Immer nur wenige Minuten springen lassen, um ermüdungsbedingten Verletzungen vorzubeugen. Ermüdung verschlechtert die Koordination.
Natürlich passiert manchen Kindern auch nie etwas beim Trampolinspringen. Wenn deine (bisher) dazugehören, freut mich das für dich! Das ändert aber leider nichts an der besorgniserregenden Gesamtstatistik.
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Text: © Kathrin Mattes, 2020. Erstmals 2016 auf dieser Facebookseite veröffentlicht, nun um einige aktuellere Quellen ergänzt.
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Quellen: siehe unten
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Literatur (ich hoffe, es nimmt mir niemand übel, dass ich hier nur die Links poste, statt alle Quellen auszuschreiben ;) Erfahrungsgemäß interessieren sich die wenigsten dafür und ich spare mir so eine Menge unbezahlte Arbeit):
https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/arbeit-wirtschaft/gewerbe/gewerbeschein/downloads/ps-studie_trampolin_2-08.pdf
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29166677/
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24963737
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19773494
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19436467
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18704889
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19773494
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30094902
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26588838
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26123781
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24882787
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24686299
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23677833
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22489401
http://pediatrics.aappublications.org/content/130/4/774.long
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22880376
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22068067
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20668115
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17000711
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16983249
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10940766
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9481005
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10224201
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30382018/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31281041/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29273293/
https://de.wikipedia.org/wiki/Trampolin
http://www.fkchildrensphysio.com/blog/2015/6/28/are-trampolines-safe-1
http://www.medical-tribune.de/home/news/artikeldetail/trampolin-springen-bricht-die-knochen.html
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-111320197.html
http://www.springermedizin.at/artikel/9829-trampolin-springen-muss-gelernt-sein