29/05/2026
Mit 20 hatte ich keine Angst vor dem Tod. Ich wusste nicht, dass es ihn gibt.
Ich bin Motorrad gefahren wie ein Verrückter. Serpentinen, immer auf die letzten Millimeter vom Reifen, so tief in die Kurve, dass die Fußraste auf dem Asphalt geglüht hat. Wenn sie nicht geglüht hat, bin ich umgekehrt und nochmal angetreten. Das war keine Lebensfreude, das war Lebensgefahr. Ich habe sie nicht gesehen.
Heute würde ich das alles nicht mehr machen.
Ich habe viele Unfälle gesehen. Ich habe Menschen beim Sterben begleitet. Das verändert dich. Du verstehst irgendwann, dass das Leben endlich ist. Nicht akademisch. Nicht philosophisch. Wirklich.
In den letzten Stunden eines Lebens vervielfacht sich jede Emotion. Die guten genauso wie die schlechten. Und es geht nichts mehr zurück.
In einem Gespräch mit meinem Nachfolger Dr. Micha haben wir vor Kurzem genau darüber gesprochen. Er zitiert dazu gerne Seneca. „Was interessiert mich der Tod. Solange ich da bin, ist er nicht da. Und wenn er da ist, bin ich nicht mehr da.”
Ich finde, da ist viel dran.
Mein eigener Weg ist ein anderer. Ich habe gelernt, das Endliche zu sehen, ohne mich davor zu fürchten. Weil ich weiß, dass jeder Tag gezählt ist, gehe ich anders mit ihm um. Das ist nicht morbide. Das ist befreiend.
Das Leben ist endlich.
Genau das macht es kostbar.