24/11/2025
Die Legende vom Flößer von Toruń
Kommt, Kinder des Nebels. Heute will ich euch von einem Bruder des Rattenfängers berichten. Kein Bruder im Blute, aber ein Bruder im Geist. Von einem jungen Mann erzähle ich euch heute, aus dem stolzen Volk der Polen entsprungen. Keiner konnte es ihm mit der Geige aufnehmen und so lauscht nun seiner Geschichte und der uralten Melodie.
In einer Zeit, da die Stadt Toruń noch jung war, standen ihre Häuser aus Holz, und die Weichsel wanderte ungezähmt durch das Land. Die Menschen lebten vom Fluss und manchmal auch mit seiner Laune. Eines Jahres aber geschah etwas, das die Stadt in Angst und Schmutz tauchte.
Die Plage
Nach einem ungewöhnlich warmen Frühling stiegen die Frösche aus den Sümpfen rings um Toruń empor, zu Hunderten, zu Tausenden. Zuerst quakten sie nur. Dann sprangen sie in die Gassen, in die Vorratskammern, auf die Märkte. Die Bürger konnten weder schlafen noch handeln; selbst in den Kirchen hallte ihr Gequake wider.
Manche sagten:
„Der Fluss ist erzürnt.“
„Die Sümpfe fordern ihren Tribut.“
Andere flüsterten, es sei ein böses Omen.
Der arme Flößer
Da lebte in der Stadt ein junger Flößer namens Iwo, arm an Besitz, doch reich an Herz. Er stammte aus einer Familie, die seit Generationen die Weichsel hinabfuhr und das Holz der Wälder nach Danzig brachte. Doch Iwo hatte etwas, das die anderen Flößer nicht hatten:
Er spielte die Geige, und zwar so, als wären seine Melodien aus Wasser und Nebel gewebt.
Er spielte am Ufer, wenn die Sonne sank. Und manchmal, so sagten die Alten, hielt sogar der Fluss selbst den Atem an, um zu lauschen.
Der Hilferuf des Bürgermeisters
Als die Froschplage unerträglich wurde, versprach der Bürgermeister:
„Wem es gelingt, die Stadt zu befreien, dem will ich Gold geben und die Hand meiner Tochter, wenn er ein ehrbarer Mann ist.“
Viele versuchten es: Priester mit Weihwasser, Soldaten mit Stangen, Händler mit Kräutern und Rauch. Nichts half.
Iwo tritt hervor
Da trat Iwo, der Flößer, schüchtern vor den Rathausplatz. Viele lachten ihn aus, einen armen Flößer! Einen Jungen mit einer Geige!
Doch der Bürgermeister, verzweifelt, erlaubte es.
Iwo setzte sich auf den Brunnenrand, hob das Instrument, schloss die Augen und spielte.
Nicht laut, nicht prunkvoll.
Sondern weich, wie Mondlicht auf Wasser.
Sanft, wie die Strömung der Weichsel im Frühling.
Der Zug der Frösche
Zuerst verstummten die Gassen.
Dann kroch aus jedem Winkel ein Frosch hervor.
Aus Kellern, aus Ritzen, aus Brunnen.
Dutzende, Hunderte, Tausende.
Sie folgten der Melodie, wie verzaubert. Als hätten sie einen uralten Klang wiedererkannt, der sie heimrief.
Iwo erhob sich, spielte weiter, ging langsam zum Chełmno-Tor, der Nordpforte der Stadt.
Und die Frösche folgten ihm im Gleichschritt.
Durch das Tor hinaus führte er sie, bis zu den Sümpfen von Mokre, wo Nebel über dem Wasser schwebten wie silberne Schleier. Dort änderte er seine Melodie, von lockend zu ruhend. Eine Melodie des Einschlafens.
Die Frösche ließen sich nieder.
Und sie kehrten nie wieder in solcher Zahl in die Stadt zurück.
Die Belohnung
Als Iwo zum Rathaus zurückkehrte, jubelte die ganze Stadt. Der Bürgermeister wollte Wort halten, doch da geschah etwas, woran niemand gedacht hatte.
Die Tochter des Bürgermeisters, eine sanfte und kluge junge Frau, war bei dem Zug der Frösche am Rand mitgegangen. Und sie hatte den Flößer gesehen, nicht nur seine Tat, sondern den Frieden in seinen Augen.
Und so war es ihr, nicht dem Vater, der sagte:
„Vater, halte dein Versprechen.
Dies ist ein guter Mann, und sein Herz ist rein.“
Und so geschah es: Iwo erhielt Gold, und er erhielt die Hand der Tochter des Bürgermeisters. Doch er blieb weiterhin Flößer, fuhr weiter auf der Weichsel – nun jedoch mit einem Lachen, das die Menschen noch heute in der Legende spüren.
Und so sagt man…
Wenn die Frösche an warmen Sommerabenden an den Brunnen von Toruń kommen und dort leise sitzen, so tun sie es nicht aus Hunger, sondern weil sie die Melodie des Flößers noch immer hören, irgendwo im Nebel über der Weichsel.
Mögen die Gottheiten stets über euch wachen!