05/02/2026
Once again:
Dieses Kind war drei Monate alt, als ich es kennenlernte. Drei Monate Kampf, Schmerz, Zweifel.
Die Mutter berichtete von Anfang an von massiven Stillschmerzen – nicht „unangenehm“, nicht „Anfangsschwierigkeiten“, sondern brennend, ziehend, kaum auszuhalten. Stillen als tägliche Grenzerfahrung.
Die Muttermilchmenge war anfangs moderat, nie übermäßig, aber ausreichend. Mit der Zeit nahm sie ab. Nicht aus mangelndem Willen, nicht aus fehlender Kompetenz – sondern weil die Brust nicht adäquat stimuliert wurde. Der Körper reagiert ehrlich.
Die Schmerzsituation eskalierte. Zufüttern wurde begonnen, ohne vorherige Abklärung warum das notwendig ist.
Weder Hebamme noch Kinderärzt:innen erkannten die funktionelle Einschränkung. Und genau hier liegt das Problem: Es war keine Blickdiagnose.
Was vorlag, war ein posteriores, muköses Zungenband. Subtil, "versteckt", funktionell hoch relevant.
Die Zunge konnte nicht suffizient an den Gaumen gehoben werden, der Mundboden war massiv gespannt. Beim Trinken zeigten sich deutliche Schmatzlaute, ein kompensatorisches ineffektives Saugen, unzureichende Brustentleerung.
Das Mädchen: unruhig, schnell frustriert, viele Blähungen, ausgeprägte Mundatmung, hohe Körperspannung. Ein Baby mit großen Bedürfnissen – und einem Nervensystem im Dauerstress.
Die Mutter: erschöpft, verzweifelt, schuldig fühlend
In der craniosacralen Arbeit war die Spannung sofort spürbar. Nicht nur lokal, sondern generell. Das ist kein „Stillproblem“. Das ist ein strukturell-funktionelles Geschehen mit systemischen Folgen.
Nach Hinzuziehen meiner Still- und Zungenfunktionseinschätzung war die Einschränkung eindeutig. Das weitere Prozedere – interdisziplinär, begleitet, sorgfältig – zog sich über mehrere Wochen. Insgesamt vier Wochen nach Feststellung der Funktionseinschränkung.
Trotz aller Maßnahmen, trotz enormer Motivation, trotz Fachwissen und Begleitung:
Vollstillen war nicht mehr erreichbar.
Und das ist der Punkt, den man aussprechen muss, auch wenn er weh tut:
Manchmal kommt die Erkenntnis zu spät. Nicht, weil die Mutter zu spät war – sondern weil das System zu langsam hinschaut!!!! 🖕🏽
Ich nenne das: Strukturelles Problem 2.0.
Nicht das Band allein, sondern das Übersehen. Das Bagatellisieren, das „Das verwächst sich“.
Tut es nicht. Nein, verdammt. DIE STRUKTUR VERWÄCHST SICH NICHT.
Frühe, fundierte Zungenfunktionsdiagnostik ist kein Luxus. Sie ist Prävention für Stillbeziehungen, für mütterliche und kindliche Gesundheit, für kindliche Regulation.
Und ja – manchmal retten wir nicht das Vollstillen.
Aber wir retten Verständnis, Selbstwirksamkeit und die Wahrheit.