21/04/2026
Stillen ist ein Recht.
Und gleichzeitig keine Pflicht.
Ein Satz, der so klar klingt – und doch ein Spannungsfeld öffnet, das man erst versteht, wenn man mitten darin steht.
Denn da ist auch dieses andere, unbequeme Wissen:
Jeder Mensch hat ein Recht auf artgerechte Ernährung.
Und wenn wir ehrlich sind – radikal ehrlich – dann ist Muttermilch die einzige biologisch vorgesehene Nahrung für Säuglinge.
Und genau hier beginnt der innere Konflikt.
Zwischen Haltung und Herz.
Zwischen Evidenz und Empathie.
Zwischen dem Schutz des Kindes und der Würde der Frau.
Ich stehe dazwischen.
Wir stehen dazwischen.
Als Still- und Laktationsberaterinnen.
Wir sehen die Daten. Wir kennen die Vorteile. Wir wissen, was möglich wäre.
Und gleichzeitig sitzen wir Frauen gegenüber, mit Geschichten, mit Wunden, mit Grenzen, mit Entscheidungen.
Frauen, die nicht stillen wollen.
Oder nicht können.
Oder nicht mehr können.
Und dann passiert etwas, das selten ausgesprochen wird:
Es ist nicht leicht, diesen Wunsch einfach stehen zu lassen.
Nicht, weil wir ihn nicht respektieren.
Sondern weil wir beides sehen.
Das Kind.
Und die Frau.
Und beide verdienen Schutz.
Beide verdienen Würde.
Beide verdienen, gesehen zu werden – ohne Bewertung, ohne Druck, ohne leise Schuldzuweisungen zwischen den Zeilen.
Die Würde der Frau ist unantastbar.
Das ist kein verhandelbarer Punkt.
Aber echte Würde bedeutet auch, dass Entscheidungen informiert getroffen werden dürfen.
Dass wir aufklären – ohne zu überreden.
Dass wir begleiten – ohne zu lenken.
Dass wir da bleiben – auch wenn der Weg nicht der ist, den wir fachlich als optimal kennen.
Das ist die eigentliche Herausforderung.
Nicht das Stillen.
Sondern das Aushalten.
Aushalten, dass es nicht schwarz oder weiß ist.
Aushalten, dass wir manchmal mit zwei Wahrheiten gleichzeitig leben müssen.
Aushalten, dass Fürsorge nicht immer bedeutet, eine Richtung vorzugeben.
Sondern Raum zu halten.
Für Selbstbestimmung.
Für Gesundheit.
Für Menschlichkeit.
Und vielleicht ist genau das unsere Aufgabe:
Nicht zu entscheiden, was richtig ist.
Sondern dafür zu sorgen, dass Frauen ihre Entscheidung in Würde treffen können –
und dass kein Kind dabei aus dem Blick gerät.
Das ist kein einfacher Weg.
Aber ein ehrlicher.