15/04/2026
Hebamme Valeria erzählt:
Am Montagmorgen um 9 Uhr löse ich Hebamme Eva im Geburtshaus ab. Eva ist mit L. und ihrem Partner C. seit 03:45 im Geburtshaus. Jetzt beginnt meine Rufbereitschaftswoche. L. musste lange auf den Geburtsbeginn warten, sie ist inzwischen in SSW 41+6 angekommen. Umso größer war die Freude darüber, dass es endlich losgeht. Morgen wäre die Geburt eingeleitet worden.
Noemi als Zweithebamme und Studentin Katharina sind schon da. Als ich ankomme, sind L. und Noemi mit Spinning-Babies-Übungen beschäftigt. L.s Baby liegt nämlich mit dem Rücken nach hinten – eine geburtsmögliche Position, aber oft verbunden mit einem langsameren und intensiveren Verlauf. Wir versuchen daher, dem Baby Raum zu geben, sich mit dem Rücken nach vorne zu drehen.
Ruhig, konzentriert und zuversichtlich arbeitet L. sich durch die Wehen und die Übungen. Nach etwa einer Stunde möchte sie sich ausruhen.
Sie zieht sich zurück, hört „Die friedliche Geburt“ und bleibt ganz bei sich. Die Wehen sind teilweise regelmäßig alle 2-3min und dann gibt es wieder unregelmäßigere Phasen.
L. wechselt in den nächsten Stunden zwischen Ruhephasen und kurzen Schläfchen und aktiver Arbeit – immer wieder Übungen und Positionen, die ihrem Baby helfen sollen, sich in eine günstigere Haltung zu drehen. Dabei ist sie gleichzeitig sehr kraftvoll und ganz ruhig bei sich und ihrem Baby.
Die Wehen sind für L. gut aushaltbar. Sie hat sich intensiv auf die Geburt vorbereitet, das merkt man. Und auch ihr Partner ist gut vorbereitet, so weiß er sehr gut, wie er L. unterstützen kann, massiert ihr zum Beispiel den Rücken.
Gegen Mittag verändern sich die Wehen – sie werden unregelmäßig. Wir entscheiden gemeinsam, dass eine vaginale Untersuchung Sinn macht. Der Muttermund ist etwa 3cm geöffnet, weich – ein stimmiger und guter Befund für diese frühe Phase der Geburt.
Über die Bauchdecke taste ich, dass das Baby seine Position noch nicht verändert hat. Aber: Ich spüre, dass genügend Platz zum Drehen da wäre. Noemi arbeitet weiter mit L. durch Übungen, die ziemlich anstrengend aussehen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie fokussiert und gleichzeitig entspannt L. bleibt. Anschließend findet sie wieder in ruhige Positionen und veratmet ihre Wehen mit geschlossenen Augen, sie wirkt tiefentspannt.
Am frühen Nachmittag verändert sich für einen Moment das Herztonmuster. Um genauer hinzuschauen, schreiben wir ein CTG. Nach etwa 15min zeigt sich ein kurzer Herztonabfall – nicht akut bedrohlich, aber ein Zeichen, aufmerksam zu bleiben. Ich bitte L. sich anders zu positionieren und sofort normalisieren sich die Herztöne. Trotzdem entscheiden wir uns, vorbereitet zu sein. Wir legen einen venösen Zugang und richten Medikamente her – eine vorsorgliche Maßnahme, die leider die ruhige Atmosphäre im Raum stört. Zum Glück werden wir nichts davon benötigen. Aber sicher ist sicher.
Gemeinsam besprechen wir den weiteren Verlauf. Die Wehen sind unregelmäßig, es gab diesen kurzen Herztonabfall, und L. schon seit über 12 Stunden bei uns. Wir schlagen vor, den Muttermund erneut zu untersuchen, um den Verlauf besser einschätzen zu können. L. Ist damit einverstanden.
Leider zeigt sich am Muttermund kein Geburtsfortschritt. Das ist in dieser Geburtsphase (Latenzphase) nicht ungewöhnlich – in der Gesamtsituation jedoch ein wichtiger Hinweis. L. ist zunehmend erschöpft nach vielen Stunden Wehenarbeit und wenig Schlaf.
Wir besprechen alles offen mit den Eltern. Die hintere Hinterhauptshaltung (Rücken hinten) des Babys, die unregelmäßigen Wehen, die Erschöpfung, die fortgeschrittene Schwangerschaftsdauer und der Herztonabfall – gemeinsam kommen wir zu dem Entschluss, dass eine Verlegung ins nahegelegene Krankenhaus jetzt die sicherste Option ist.
Da es Mutter und Kind gut geht, können wir die Verlegung in Ruhe gestalten. Wir fahren gemeinsam im Privatauto 700m in das Krankenhaus und übergeben an das diensthabende Personal.
Die Geburt verläuft ganz anders als ursprünglich erhofft und erfordert einige medizinische Interventionen. Nach insgesamt etwa 27 Stunden Wehen (unglaublich, wie tapfer L. ist!!!) gebärt L. ihre Tochter am Dienstag um 5:27 Uhr.
Herzlichen Glückwunsch an die Familie! Ihr habt eine wirklich lange, kräftezehrende Geburtsreise hinter euch! Wahnsinn, was du geschafft hast, L.! 🤩