15/11/2025
Autismus zeigt sich bei Mädchen und Frauen oft unterschiedlich.
Hier ein Ausschnitt von meiner Abschlussarbeit als gestalttheoretische Psychotherapeutin, für diejenigen unter euch, die sich für Medizin/Psychologie/Psychiatriegeschichte und Diagnostikkriterien interessieren:
"Die Wissenschaftsgeschichte des Autismus offenbart ein bezeichnendes Muster: Während Sucharewa bereits 1926/27 differenzierte, geschlechtssensible Beschreibungen vorlegte, wurden ihre Arbeiten im Westen weitgehend ignoriert. Stattdessen prägen bis heute die späteren Arbeiten von Leo Kanner (1943) und Hans Asperger (1944) den Diskurs - beides Männer, die ausschließlich oder überwiegend Jungen untersuchten und deren Perspektive die Diagnosekriterien nachhaltig formte.
Diese männerzentrierte Kanonbildung hatte weitreichende Folgen: Die von Sucharewa dokumentierten geschlechtsspezifischen Unterschiede - bessere Maskingsfähigkeiten und andere emotionale Präsentation bei Mädchen - verschwanden aus dem wissenschaftlichen Bewusstsein. Kanners „frühkindlicher Autismus“ basierte auf elf Kindern, davon nur drei Mädchen. Aspergers „autistische Psychopathen“ waren ausschließlich Jungen. Diese einseitige Stichprobe wurde zur Norm erhoben und prägt die Diagnosekriterien bis heute." (Ursula Guth)