Psychotherapeut Philipp Lioznov, MSc.

Psychotherapeut Philipp Lioznov, MSc. Mein Name ist Philipp Lioznov MSc und ich bin Psychotherapeut und Psychologe in Wien. Ich spreche Deutsch, Englisch und Russisch.

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, über Sexualität zu sprechen, obwohl sie für so viele Menschen ein so zentraler ...
02/02/2026

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, über Sexualität zu sprechen, obwohl sie für so viele Menschen ein so zentraler Teil ihres Lebens ist? Wir leben in einer Zeit, in der Körper, Sexualität und Beziehungen überall präsent sind. Auf Social Media, in Dating-Apps, in Serien, in Werbung. Es gibt unzählige Bilder davon, wie Begehren, Lust und Nähe aussehen sollten. Und trotzdem bleiben viele mit ihren ganz persönlichen Fragen allein. Mit Unsicherheiten, mit Druck, mit dem Gefühl, nicht zu genügen oder nicht richtig zu sein. Diese Themen kommen dann irgendwann in einer Psychotherapie an die Oberfläche.

Sexualität ist selten nur etwas Körperliches. In ihr zeigen sich unsere Sehnsucht nach Nähe, unsere Angst vor Zurückweisung, alte Erfahrungen aus Beziehungen, manchmal auch Verletzungen, die nie wirklich ausgesprochen wurden. Viele der Fragen, die als sexuelle Probleme auftauchen, sind eigentlich Fragen an das eigene Leben: Darf ich fühlen, was ich fühle? Darf ich Grenzen haben? Darf ich etwas wollen? Oder auch nicht wollen? Wie nah lasse ich jemanden wirklich an mich heran in einer Welt, die immer schneller wird und in der echte Begegnung oft zu kurz kommt?

Gerade heute scheint der Druck groß, zu funktionieren, auch in der Sexualität. Leistungsfähig zu sein, offen zu sein, immer zu wissen, was man will. Dabei ist genau das oft nicht der Fall. Viele Menschen spüren eine große Unsicherheit, vergleichen sich ständig und ziehen sich innerlich zurück, weil sie glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Schweigen verstärkt dieses Gefühl. Reden kann es auflösen.

Ich glaube, wir brauchen mehr Orte, an denen über Sexualität ehrlich gesprochen werden darf. Ohne Bewertung, ohne schnelle Antworten, ohne das Gefühl, etwas richtig oder falsch zu machen. Orte, an denen Fragen Platz haben und Ambivalenz erlaubt ist. Deshalb spreche ich darüber. Nicht, weil ich fertige Lösungen habe, sondern weil Verbindung entsteht, wenn wir Dinge aussprechen, die sonst im Verborgenen bleiben. Weil Sexualität mit all ihrer Unsicherheit, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Kraft etwas sehr menschliches ist.

Über Sexualität zu reden heißt nicht, alles zu wissen.

Mit

und

Einsamkeit sieht man oft nicht.Damals, als junger Psychotherapeut (noch vor der Covid-19-Pandemie) war ich irritiert von...
29/01/2026

Einsamkeit sieht man oft nicht.

Damals, als junger Psychotherapeut (noch vor der Covid-19-Pandemie) war ich irritiert von der Aussage einer jungen Patientin.
Sie erzählte von einer großen Familie, einem großen Freundeskreis, vielen Kontakten an der Universität.
Und sagte dann: „Trotzdem fühle ich mich einsam. Sogar, wenn ich mit meiner Familie im Raum sitze.“

Vor über zehn Jahren wusste ich noch nicht, wie unsichtbar Einsamkeit sein kann.
Diese Begegnung war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, meine PhD-Arbeit diesem Thema zu widmen.

Heute wissen wir aus der Forschung sehr klar:
Einsamkeit hat nicht immer mit der Anzahl von Kontakten zu tun.
Besonders gefährdet sind Menschen, die sozial „gut eingebunden“ wirken, aber innerlich keine Resonanz, kein Gesehen-Werden, kein emotionales Ankommen erleben. Die Forschung nennt das „lonely but connected“.

Neuere Studien zeigen sogar:
Diese Form der Einsamkeit erhöht das Risiko für Depressionen! Gerade bei jungen Menschen.
Nicht weil sie „zu wenig tun“, sondern weil Beziehungen ihre psychologische Funktion verlieren.

Einsamkeit ist daher kein individuelles Versagen, sondern ein Signal:
für gesellschaftlichen Druck, Leistungslogik, Vereinzelung, fehlende Zeit, fehlende Räume für echte Beziehung.

Vor allem chronische Einsamkeit verändert nicht nur, wie wir uns fühlen, sondern wie wir die Welt, andere Menschen und uns selbst verstehen.

Heute sehe ich Einsamkeit in allen Schichten der Gesellschaft.
Und genau deshalb müssen wir mehr darüber sprechen.

Weil Entstigmatisierung schützt.
Weil Einsamkeit behandelbar ist.
Und weil Verbindung nicht durch mehr Kontakte entsteht, sondern durch Bedeutung.

Einsamkeit ist lösbar. Wenn wir sie ernst nehmen, entstigmatisieren und nicht den Einzelnen dafür verantwortlich machen. Einsamkeit ist kein individuelles Versagen. Sie ist ein gesellschaftliches Signal.

Danke an .tv und und für den Raum, dieses Thema sichtbar zu machen.
Lasst uns weiter darüber reden.

Vom 25. November bis zum 10. Dezember stehen weltweit die „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ im Kalender – eine Kampagne, ...
25/11/2025

Vom 25. November bis zum 10. Dezember stehen weltweit die „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ im Kalender – eine Kampagne, die seit den 1990er-Jahren daran erinnert, dass Gewalt gegen Frauen kein Randthema ist, sondern ein weltweites Menschenrechtsthema. In diesen Tagen wird auf Demos, in Bildungsinstitutionen, in sozialen Medien und in Therapieräumen darüber gesprochen, was im Alltag oft überdeckt wird: dass Gewalt nicht erst dort beginnt, wo Spuren am Körper sichtbar werden. Sie beginnt viel früher und oft in Momenten, in denen Frauen ihre eigene Unsicherheit oder ihren Ekel zuerst wegdrücken und erst später verstehen, was eigentlich passiert ist.

Und Gewalt kann viele Gesichter haben. Eine Patientin erzählte mir erst vor kurzem von einem dritten Date mit einem Mann, den sie eigentlich mochte. Die Stimmung war gut, das Vertrauen schien zu wachsen. Doch dann…

Gewalt an Frauen ist längst kein Randthema mehr, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Warum ist das so – und was brauchen wir für mehr Sicherheit?

Es hat sich eine Form der kurzzeitigen effektiven messbaren Psychotherapie etabliert, die als hyperrational beschrieben ...
20/11/2025

Es hat sich eine Form der kurzzeitigen effektiven messbaren Psychotherapie etabliert, die als hyperrational beschrieben werden kann: standardisiert, symptomfokussiert und weitgehend entkoppelt vom echten Leben.
Sie funktioniert wie ein Training: „Denk anders, fühl anders!“
Aber Menschen funktionieren nicht wie Maschinen.

Ich habe gelernt bewusst einen anderen Weg zu gehen. Und dies ist nach vielen Fehlern passiert. Vieles habe ich von meinen Patient:innen gelernt. Jeden Tag. Es geht nur gemeinsam.

->Kontext statt Korrektur
Schlechte Therapie betrachtet Leid als „Denkfehler“.
Ich betrachte Leid als sinnvolle Reaktion auf Biografie, Beziehungserfahrungen und soziale Bedingungen. Bei Trauma wirkt Hyperrationalität sogar retraumatisierend („Warum fühle ich mich noch so?“).
EMDR integriert Körper, Beziehung, implizite Netzwerke.

->Beziehung statt Protokoll
In standardisierter Therapie wird Beziehung zum Randfaktor.
In meiner Arbeit ist sie ein zentraler, regulierender Heilfaktor.

->Körper statt Kopf
Hyperrationalität macht den Körper unsichtbar.
Ich arbeite mit EMDR und körperorientierten Verfahren, weil Trauma auch im Körper gespeichert wird und nicht in negativen Gedanken.

->Tiefe statt Techniken
Tools und Checklisten klingen effizient, aber sie greifen zu kurz. Dabei habe ich diese akribisch zu Beginn gesammelt. Je mehr, desto besser! Ich hatte so viele aufgeschrieben und gelernt gehabt und fühlte mich wie ein Drache auf einem Schatz.
Ich arbeite heute mehr mit Emotionen, implizitem Gedächtnis, Teilen und Bindung. Hier passiert mehr Veränderung.

->Mensch statt Störung
Schlechte Therapie kolonisiert normales menschliches Leiden und macht daraus Diagnosen.
Sehen wir den Menschen, nicht nur die Diagnose!

->Politik & Psyche zusammen denken
Leiden entsteht nicht nur im Gehirn, sondern auch im sozialen Umfeld.
Ich arbeite kritisch-psychologisch: Symptome sind oft Antworten auf etwas. Nicht der Fehler in dir.

Gute Therapie ist nicht die Reparatur einer „defekten“ Psyche.
Gute Therapie ist ein sicherer Raum, in dem Körper, Beziehung, Geschichte und Gesellschaft zusammengedacht werden.
Ein Ort, an dem du dich nicht optimieren musst. Du kannst.

09/11/2025

Erinnerungen sind keine festen Steine. Sie sind flüssige Landschaften.
Wir denken oft, dass das, was wir erlebt haben, unveränderlich in uns eingeschrieben ist.
Doch das Gehirn schreibt ständig um.

Memory Reconsolidation beschreibt diesen Prozess des Neu-Speicherns:
Wenn eine alte, meist implizite Erinnerung aktiviert wird – etwa ein tief verankerter Glaubenssatz wie „Ich bin wertlos“ –
wird sie für kurze Zeit labil, offen für Veränderung.

Wenn in diesem Moment etwas geschieht, das diese alte Vorhersage widerlegt – eine Mismatch-Erfahrung –,
kann das neuronale Netzwerk sich neu organisieren.
Aus „Ich bin wertlos“ kann durch erlebte Wertschätzung werden:
„Ich bin jemand, der spürbar verbunden ist.“

Diese Phase ist kurz, aber machtvoll.
Sie ist das biologische Fenster, in dem psychische Transformation passiert –
das, was wir in der Psychotherapie auf unterschiedlichen Wegen nutzen.

In EMDR durch Dual Awareness – das gleichzeitige Erleben von Trauma und Sicherheit.
In der Arbeit mit Ego States, wenn das erwachsene Selbst einem verletzten Teil mit Mitgefühl begegnet.
In der Gesprächstherapie, wenn eine Emotion in Beziehung gehalten und durchlebt wird und wenn ein unbewusster Glaubenssatz bewusst erkannt und widerlegt wird. Und viele andere!

All das hat eine gemeinsame Wurzel:
Erinnerungen sind keine Gefängnisse.
Sie sind bewegliche Kunstwerke – wie in Refik Anadols Installation in meinem Post:
fließend, organisch, nie abgeschlossen.

Was wir in Therapie erleben, ist nicht das „Löschen“ des Alten,
sondern das Umschmelzen des Gewesenen in etwas Neues.

Meiner Meinung nach ist Heilung genau wie die Kunst von Refik Anadol:
Wenn die Erinnerung nicht verschwindet,
sondern zu fließen beginnt.

In der Therapie versuche ich die unbewussten Glaubenssätze, Prädiktoren unseres Systems und mentale Modelle zu entdecken und bewusst zu machen. Diese sind in subkortikalen Gehirnregionen (z.B. Amygdala) verankert und spiegeln manchmal traumatische Erstarrungen wider. Die neueste Forschung zeigt, dass gespeicherte implizite Erinnerungen verändert werden können. Das motiviert und macht Hoffnung.

Video: Refik Anadol – „Melting Memories“ Ausstellung

Mein erstes Praktikum vor fast fünfzehn Jahren war in einer tiefenpsychologisch arbeitenden Klinik.Ich fühlte mich dort ...
01/11/2025

Mein erstes Praktikum vor fast fünfzehn Jahren war in einer tiefenpsychologisch arbeitenden Klinik.
Ich fühlte mich dort hilflos.
Mir fehlte Wissen, aber auch der innere Zugang zu dem, was in der Beziehung geschah.

Das hat mich in die nächste Richtung getrieben: kognitiv-behaviorale Einrichtungen.
Kurzzeittherapie, Effizienz, klare Strukturen.
Ich arbeitete in Systemen, die Erfolg in messbaren Zahlen sehen wollten. Ich spürte den Druck, darin funktionieren zu müssen.

Obwohl mein Studium die therapeutische Beziehung betont hatte, wusste ich nicht, wie ich sie wirklich verstehen sollte.
Ich hörte nicht, ich suchte nach Möglichkeiten, meine Methoden einzusetzen.

Entschlossen, das Beste aus jeder Stunde zu machen, plante ich jede Sitzung im Voraus, gab Hausaufgaben auf, hatte für jedes Thema ein Arbeitsblatt. Wenn meine Vorschläge mit Schweigen beantwortet wurden, dachte ich, ich müsste einfach bessere Vorschläge machen.

Manchmal dachte ich sarkastisch:
„Patient:innen sollen ihre Ressourcen aktivieren und Tools erlernen, um wieder zu funktionieren – aber genau dieses Funktionieren-Müssen hat sie doch in die Klinik gebracht.“

Dann kam ein Patient, der alles ins Wanken brachte.
Er kam regelmäßig, doch zwischen uns lag spürbare Enttäuschung.
Je mehr ich mich bemühte, desto schlechter wurde es.
Ich fühlte mich schuldig, wütend, hilflos.

Ich begann wieder psychoanalytische Texte zu lesen. Mir dämmerte es, dass meine eigenen Emotionen keine Störung, sondern klinische Daten sind.
Ich erkannte meine Angst, nicht helfen zu können, meinen Wunsch nach Anerkennung, mein Bedürfnis zu funktionieren.

„Der Patient hat keine Verpflichtung, unseren Erwartungen zu entsprechen.“

Dieser Satz hat mich verändert.
Ich verstand, dass Heilung nicht durch Effizienz geschieht, sondern durch Beziehung.

Mein Scheitern wurde zur produktiven Krise.
Ich lernte, vom Handeln zum Halten überzugehen.
Vom Machen zum mentalen Raum.
Vom Plan zum Resonanzfeld.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst der Psychotherapie:
Nicht mehr zu wissen, sondern mehr zu spüren.

Besonders in der heutigen Zeit.

In meiner allerersten Psychologievorlesung an der Uni sagte der Professor:„Freud und die Psychoanalyse sind Humbug. Darü...
29/10/2025

In meiner allerersten Psychologievorlesung an der Uni sagte der Professor:

„Freud und die Psychoanalyse sind Humbug. Darüber werden wir nie wieder reden.“

Und tatsächlich: Wir redeten nie wieder darüber.
Auch während meiner (pragmatischen) Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten kam Psychoanalyse kaum vor – höchstens als historische Randnotiz.

Privat las ich aber fast ausschließlich Psychoanalytikerinnen: Freud, Adler, Ferenczi, Jones, Melanie Klein und Anna Freud, McWilliams, Mitchell, Ogden, Benjamin. Ihre Texte fühlten sich an wie ein Ankommen. Außer Lacan damals. Der sorgte nur für Verwirrung. Und auch Jung war mir persönlich damals zu spirituell.

So, wie Nancy McWilliams einmal schrieb:

„Als ich die Psychoanalyse entdeckte, hatte ich das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.“

Während ich mich dem kognitiv-behavioralen Mainstream anschloss, spürte ich immer wieder, dass mir dabei etwas fehlte. Zu Beginn hatte ich mich durch zu viel Fachjargon und unzugängliches Schreiben zunächst von der Psychoanalyse entfremdet – und dann doch mit der Zeit in ihr Zuhause fand. Aber ich hatte es mit wenigen Anderen geteilt. Denn die Theorie galt ja als altmodisch und überholt.

Ich konnte mich damit sofort identifizieren.
Die frühe Ausbildung betont Techniken und Effizienz – während Beziehungs- und Übertragungsprozesse kaum Raum erhalten. Mein eigenes „Nach-Hause-Kommen“ zur Psychoanalyse war auch eine Rückkehr zu einer Haltung des Nicht-Wissens und des neugierigen Mitfühlens.

In einer Welt aus Worksheets, Manualen und Leistungsdruck habe ich meine Beziehung zum eigentlichen therapeutischen Erleben verloren. Und über die Psychoanalyse wiedergefunden.
Ich spürte eine soziokulturelle Entfremdung zwischen einer Sprache der Tiefe und einer Psychotherapie, die heute oft auf Effizienz, Outcome-Daten und Manuals fixiert ist.

Heute sehe ich sie wieder aufblühen! In Kliniken, Podcasts, Supervisionen, auf Social Media.
Vielleicht, weil viele Therapeut:innen wieder spüren:
Dass psychoanalytisches Denken kein Luxus, sondern eine Sprache ist, die das Unbewusste im Alltag hörbar macht. Aufgabe:
Psychoanalyse nicht zu bewahren, sondern wieder verständlich zu machen.
Altes Photo 😊

Was meiner Meinung nach in der Psychotherapie verbessert werden könntePsychotherapie, Psychiatrie und Neurowissenschafte...
23/10/2025

Was meiner Meinung nach in der Psychotherapie verbessert werden könnte

Psychotherapie, Psychiatrie und Neurowissenschaften arbeiten oft nebeneinander her.
Was wir brauchen, ist mehr echte interdisziplinäre Zusammenarbeit. Nicht nur auf Konferenzen, sondern im klinischen Alltag. Nur so lassen sich biologische, psychologische und soziale Faktoren wirklich integrieren.

Viele Therapieansätze werden unter perfekten Studienbedingungen erforscht, funktionieren aber in der Praxis nur bedingt. Da hilft nur viel Erfahrung.
Wir brauchen eine „learning healthcare system“-Mentalität. Rückmeldung aus der echten Praxis, die Forschung und Behandlung fortlaufend verbessert.

Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigma sind keine Nebenschauplätze. Sie sind entscheidende Risikofaktoren für psychische Erkrankungen.
Psychotherapie sollte nicht nur Symptome behandeln, sondern auch soziale Determinanten psychischer Gesundheit mitdenken und benennen.

Ungefähr drei Viertel aller psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 25. Lebensjahr.
Wir brauchen mehr frühe Interventionen, bessere Aufklärung und niedrigschwellige Angebote für Kinder und Jugendliche. Also nicht erst Behandlung, wenn alles schon eskaliert ist.

Menschen mit eigener Erfahrung sollten gleichberechtigt an Forschung und Therapieentwicklung beteiligt sein.
Nur wenn Betroffene mitsprechen, entstehen Behandlungsansätze, die tatsächlich wirken und entstigmatisieren.

Psychotherapie muss und wird sich weiterentwickeln, ich bin mir sicher. Hin zu einer vernetzten, sozialen und partizipativen Praxis, die Komplexität nicht reduziert, sondern integriert.
Wissenschaft, Praxis und Erfahrung gehören an einen Tisch.

„Herr Lioznov, ich will einfach nur wissen: Woher kommt das? Warum bin ich so?“Verständlich. Viele Menschen wünschen sic...
22/10/2025

„Herr Lioznov, ich will einfach nur wissen: Woher kommt das? Warum bin ich so?“

Verständlich. Viele Menschen wünschen sich eine einfache Antwort auf komplexes Leiden. Eine klare Ursache, einen Grund, einen Schuldigen.

Doch die Psyche funktioniert selten linear. Zwischen Ereignis und Symptom liegt ein Geflecht aus Erfahrungen, Temperament, Bindung, Körper, Kultur und Geschichte.

In der modernen Psychotherapie ist die Versuchung groß, alles auf ein Trauma, ein bestimmtes Ereignis oder eine familiäre Dynamik zurückzuführen. Auch für mich. Solche Erzählungen geben Orientierung. Aber manchmal auf Kosten der Wahrheit.
Wenn wir Leid ausschließlich aus sozialen oder biografischen Ursachen erklären, übersehen wir vielleicht die Vielschichtigkeit psychischer Prozesse: Genetik, Epigenetik, Neuroentwicklung, Interaktion, Zufall, Kultur und Beziehung. Und vor allem sind wir Menschen immer noch unerbittliche Sinnsucher.

Ich plädiere nicht das subjektive Erleben zu entwerten. Ich glaube wir dürfen uns nicht verleiten lassen es immer zu simplifizieren und müssen es auch in der Komplexität denken, die es bietet.

Menschen und Symptome sind keine linearen Produkte einzelner Ursachen. Wenn wir das Unbehagen vorschnell einem einzigen Faktor zuschreiben („Das kommt sicher von deiner Mutter“, „Das ist dein Trauma“), dann trösten wir. Aber dann verfehlen wir die manchmal die ganze Realität.

Therapie ist kein Ort, um einfache Antworten zu finden, sondern um Mehrdeutigkeit zu halten.
Heilung entsteht, wenn wir Komplexität zulassen. Wenn Patient:in und Therapeut:in gemeinsam ein vielschichtiges Narrativ entwickeln, das Widersprüche, Unsicherheit und Entwicklung zulässt.

In einer Zeit, in der einfache Erklärungen populär sind, ist psychische Tiefe ein Akt der Bringschuld und der Verantwortung.

Psychotherapie heißt nicht, einen Schuldigen zu finden, sondern ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass menschliches Erleben immer mehr ist als die Summe seiner Ursachen.

Oder?

„Herr Lioznov, ich weiß nicht, warum ich immer sofort nachgebe, anderen alles recht machen will und kaum Grenzen setzen ...
03/10/2025

„Herr Lioznov, ich weiß nicht, warum ich immer sofort nachgebe, anderen alles recht machen will und kaum Grenzen setzen kann. Ich habe doch eigentlich nichts Schlimmes erlebt.“

Viele Menschen stellen sich genau diese Frage: Wie kann es sein, dass ich mich ständig anpasse und eigene Bedürfnisse zurückstelle, ohne dass ich eine eindeutige traumatische Erfahrung erinnere?

Kleine Kinder entwickeln Überlebensmechanismen. Wenn sie spüren, dass ihre Eltern belastet, traurig oder wütend sind, versuchen sie intuitiv, die Harmonie wiederherzustellen. Sie lernen: Wenn ich brav bin, lieb lächle, keine Probleme mache. Erst dann geht es den Erwachsenen besser.

So entsteht das People Pleasing: ein inneres Muster, das sagt „Ich bin nur sicher und geliebt, wenn ich keine Belastung bin.“
Und das Fawning: ein reflexartiges Unterwerfen und Beschwichtigen, um Konflikte oder Zurückweisung zu vermeiden.

Doch was in der Kindheit überlebenswichtig war, wird im Erwachsenenalter zur Last. Denn das ständige Anpassen entlastet die Anderen nicht wirklich..und es nimmt den nun Erwachsenen die Möglichkeit, ein stabiles Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu entwickeln.

Diese Dynamiken sind nicht nur individuelle Muster, sondern haben auch eine soziale Dimension. In einer Gesellschaft, in der Anpassung, Gehorsam und „Unauffälligkeit“ belohnt werden, verstärken sich solche Überlebensstrategien. Menschen geraten so in doppelte Bindungen: Wer sich anpasst, wird gelobt…aber verliert den Kontakt zu sich selbst.

Wenn wir diese Mechanismen nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich betrachten, öffnen wir Räume für mehr Authentizität und für Beziehungen, in denen nicht Leistung oder Anpassung, sondern gegenseitige Achtung trägt.

„Herr Lioznov, ich weiß nicht, warum ich immer sofort nachgebe, anderen alles recht machen will und kaum Grenzen setzen ...
03/10/2025

„Herr Lioznov, ich weiß nicht, warum ich immer sofort nachgebe, anderen alles recht machen will und kaum Grenzen setzen kann. Ich habe doch eigentlich nichts Schlimmes erlebt.“

Viele Menschen stellen sich genau diese Frage: Wie kann es sein, dass ich mich ständig anpasse und eigene Bedürfnisse zurückstelle, ohne dass ich eine eindeutige traumatische Erfahrung erinnere?

Kleine Kinder entwickeln Überlebensmechanismen. Wenn sie spüren, dass ihre Eltern belastet, traurig oder wütend sind, versuchen sie intuitiv, die Harmonie wiederherzustellen. Sie lernen: Wenn ich brav bin, lieb lächle, keine Probleme mache…dann geht es den Erwachsenen besser.

So kann das People Pleasing entstehen: ein inneres Muster, das sagt „Ich bin nur sicher und geliebt, wenn ich keine Belastung bin.“
Und das Fawning: ein reflexartiges Unterwerfen und Beschwichtigen, um Konflikte oder Zurückweisung zu vermeiden.

Doch was in der Kindheit überlebenswichtig war, wird im Erwachsenenalter zur Last. Denn das ständige Anpassen entlastet die anderen nicht wirklich. Und es nimmt den Menschen die Möglichkeit, ein stabiles Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu entwickeln.

Diese Dynamiken sind nicht nur individuelle Muster, sondern haben auch eine soziale Dimension. In einer Gesellschaft, in der Anpassung, Gehorsam und „Unauffälligkeit“ belohnt werden, verstärken sich solche Überlebensstrategien. Menschen geraten so in doppelte Bindungen: Wer sich anpasst, wird gelobt. Aber verliert den Kontakt zu sich selbst.

Wenn wir diese Mechanismen nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich betrachten, öffnen wir Räume für mehr Authentizität und für Beziehungen, in denen nicht Leistung oder Anpassung, sondern gegenseitige Achtung trägt.

„Herr Lioznov, Ich weiß nicht woher ich dieses Symptom/Gefühl/Glaubenssatz oder diesen Überlebensmechanismus habe, ich h...
29/09/2025

„Herr Lioznov, Ich weiß nicht woher ich dieses Symptom/Gefühl/Glaubenssatz oder diesen Überlebensmechanismus habe, ich habe eigentlich Nichts Schlimmes erlebt.“

Viele Menschen stellen sich genau diese Frage: Wie kann es sein, dass ich Symptome oder Belastungen spüre, ohne selbst etwas „Schlimmes“ erlebt zu haben?

Kleine Kinder halten sich für heldenhaft und mutig, sie würden alles tun.
Vor allem dann, wenn sie merken, dass es ihren Eltern nicht gut geht.
Dann laden sie sich die Probleme der Eltern auf ihre kleinen Schultern – in der Hoffnung, ihnen damit Erleichterung zu verschaffen.

Doch am Ende bringt das weder den Kindern noch den Eltern Entlastung.
Die Aufgabe der Eltern ist es, ihre eigenen Probleme zu tragen.
Die Aufgabe der Kinder ist es, darauf zu vertrauen, dass ihre Eltern das schaffen werden.

Trauma wird nicht nur durch eigene Erfahrungen geprägt. Es kann sich über Generationen hinweg fortsetzen. Und zwar vermittelt durch Verhaltensweisen, emotionale Muster, Bindungsdynamiken und sogar epigenetisch durch veränderte Stresshormon-Systeme. Kinder übernehmen dabei oft Gefühle von Angst, Hilflosigkeit oder Wut, die ihre Eltern oder Großeltern erlebten, ohne die ursprünglichen Ereignisse selbst erfahren zu haben.

Unbewusste Weitergaben zeigen sich in neurobiologischen Mustern und in unserem emotionalen Erleben. Dies kann zu erhöhter Stressreaktivität, Schwierigkeiten im Vertrauen oder zu einem inneren Gefühl von Zerrissenheit führen. Betroffene spüren die Spuren einer Geschichte, die älter ist als sie selbst.

Ein entscheidender Weg zur Heilung liegt darin, die eigene persönliche und familiäre Geschichte bewusst zu erzählen. Methoden wie EMDR, körper- und kunstbasierte Zugänge, sowie das gemeinsame Erinnern helfen, Traumata zu verarbeiten, das Nervensystem zu regulieren und die Weitergabe an kommende Generationen zu unterbrechen.

Wenn wir diese transgenerationalen Zusammenhänge anerkennen, eröffnen wir Räume für individuelle Heilung und kollektives Verständnis. Das stärkt Resilienz. Und zwar nicht nur in Familien, sondern in ganzen Gemeinschaften, die von historischen Traumata betroffen sind.

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