11/05/2026
Wenn Doppelblind plötzlich alles verändert – eine neue Studie stellt Mantrailing auf die Probe
Die neue Studie von Volmary et al. (2026) sorgt derzeit international für intensive Diskussionen in der Mantrailing-Szene, weil sie eine Frage untersucht, die viele Trainer und Hundeführer seit Jahren beschäftigt: Können Mantrailing-Hunde unter streng kontrollierten Doppelblindbedingungen tatsächlich zuverlässig den richtigen Individualgeruch verfolgen und die Zielperson identifizieren? Genau diese Fragestellung wurde in der Arbeit wissenschaftlich überprüft.
Die Forscher arbeiteten dabei mit einem Doppelblind-Design. Weder die Hundeführer noch die Versuchsleiter wussten, wo sich die Zielperson befand oder welcher Trail korrekt war. Ziel war es, unbewusste Einflussnahme, Erwartungshaltungen und sogenannte Kluge-Hans-Effekte möglichst auszuschließen. Gleichzeitig wurden die Hunde mit sogenannten „Matching-to-Sample“-Aufgaben konfrontiert. Dabei erhält der Hund zunächst einen Geruchsartikel und soll anschließend genau den dazugehörigen Trail identifizieren und verfolgen. Genau dieser Punkt gilt in der Geruchsforschung als besonders anspruchsvoll, weil hier nicht einfach irgendeinem menschlichen Geruch gefolgt werden darf, sondern exakt dem Individualgeruch der Zielperson.
Die Studie bestand aus mehreren Versuchsanordnungen. Im sogenannten „Single-Trail-Test“ sollte der Hund anhand eines Geruchsartikels den richtigen Trail aufnehmen und die Zielperson finden. Die Ergebnisse fielen überraschend niedrig aus. Die Hunde orientierten sich nur in etwa 28 % der Durchgänge eindeutig korrekt zum Zieltrail. Tatsächlich erfolgreich gefunden wurde die richtige Zielperson lediglich in ungefähr 15 % der Tests. In einem zweiten, noch schwierigeren Versuchsaufbau – dem „Scent-Discrimination-Test“ – mussten die Hunde zwischen mehreren möglichen Trails unterscheiden oder teilweise sogar erkennen, dass kein passender Trail vorhanden war. Hier lagen die korrekten Entscheidungen nur bei etwa 18 %, während rund 82 % der Entscheidungen falsch waren. Die tatsächliche Zielperson wurde sogar nur in etwa 9 % der Durchgänge korrekt lokalisiert.
Diese Zahlen wirken auf viele erfahrene Mantrailer zunächst schockierend. Schnell entsteht die provokante Frage, ob Mantrailing überhaupt funktioniert. Genau hier ist jedoch Vorsicht wichtig. Die Studie beweist nicht, dass Hunde grundsätzlich nicht trailen können. Sie zeigt vielmehr, dass die getesteten Hunde unter diesen spezifischen Versuchsbedingungen keine stabile diskriminative Leistung über Zufallsniveau zeigen konnten. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Gerade deshalb wird aktuell intensiv diskutiert, wie aussagekräftig die Ergebnisse tatsächlich sind. Ein zentraler Kritikpunkt betrifft den Ausbildungsstand der getesteten Hunde. Denn wenn Hunde nie gelernt haben, Geruchsartikel sauber auszuwerten, Verleitspuren aktiv auszuschließen oder unter echten Doppelblindbedingungen zu arbeiten, dann testet die Studie möglicherweise weniger die Fähigkeiten der Hunde selbst als vielmehr die Qualität des Trainingssystems. Genau hier liegt vermutlich einer der wichtigsten Beiträge dieser Arbeit: Sie zwingt die Szene dazu, sich kritisch mit den eigenen Trainingsmethoden auseinanderzusetzen.
Besonders interessant ist dabei die Frage, was viele Hunde im Training tatsächlich lernen. Zahlreiche Systeme bestätigen Hunde möglicherweise unbewusst bereits dann, wenn sie irgendeinem menschlichen Geruch folgen oder sich allgemein „suchend“ verhalten. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Hund wirklich exakt den Geruch der Zielperson diskriminiert. Genau diese Differenz versucht die Studie sichtbar zu machen. Damit greift sie zentrale Themen auf, die in der Geruchsforschung und auch praktisch im Einsatzbereich seit Jahren diskutiert werden: Kluge-Hans-Effekte, Hundeführereinfluss, Erwartungshaltung, Geruchsdiskriminierung und die Bedeutung von Doppelblindtraining.
Hinzu kommt, dass Doppelblindarbeit für viele Teams eine enorme Veränderung darstellt. Sobald der Hundeführer keine Informationen mehr hat, verschwinden oft unbewusste Hilfen wie Körperspannung, Bewegungsrichtung, Timing oder minimale Leinenimpulse. Manche Trainingssysteme brechen unter solchen Bedingungen regelrecht zusammen. Genau deshalb sehen viele Wissenschaftler Doppelblindtraining als eine der wichtigsten Möglichkeiten, die tatsächliche Leistung eines Teams objektiv zu überprüfen.
Trotz aller Kritik ist die Studie wissenschaftlich ausgesprochen wertvoll. Sie liefert keinen endgültigen Beweis gegen Mantrailing, sondern wirkt vielmehr wie ein Belastungstest für Trainingsqualität, Methodik und wissenschaftliche Ehrlichkeit. Sie zwingt die Szene dazu, unangenehme Fragen zu stellen: Folgen Hunde wirklich Individualgeruch? Wie stark beeinflussen wir unsere Hunde unbewusst? Wie belastbar sind unsere Trainingsbestätigungen? Und wie objektiv können reale Einsätze tatsächlich bewertet werden?
Gerade weil die Ergebnisse unbequem sind, dürfte die Studie in Zukunft eine große Rolle in der wissenschaftlichen Diskussion rund um Mantrailing, Geruchsdiskriminierung und Suchhundearbeit spielen.