19/01/2026
Kinderwunsch aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
1) In der TCM ist die Fruchtbarkeit immer ein Zusammenspiel von Substanz, Bewegung (Dynamik) und Ruhe:
Substanz: ausreichende „Essenz“ (Jing 精), Blut (Xue 血) und Körpersäfte (Jin Ye 津液)
Dynamik: freie Bewegung von Qi 气 und Blut, gute Transformation und Wärme dort, wo sie gebraucht wird
Ruhe/Geist: stabiler Shen 神 (Schlaf, Stressregulation, emotionale Balance)
Wichtig: Die TCM sieht Kinderwunsch nicht isoliert in den Geschlechtsorganen, sondern als Ergebnis der Gesamtregulation von Organfunktionen, Stoffwechsel, Nerven-/Stresssystem und Durchblutung.
2) Die „Achsen“ der Fruchtbarkeit in der TCM
a) Niere (Shen 肾) – Basis von Jing und Fortpflanzung
Die Niere ist in der TCM das „Depot“ der Essenz (Jing 精). Jing ist vereinfacht gesagt die Grundlage für:
Eizellqualität / Spermienqualität
hormonelle Rhythmik (Tian Gui 天癸 – „Reifungsimpuls“)
Aufbau und Stabilität von Schwangerschaft
Nieren-Yin steht eher für Substanz, Kühlung, Aufbau (z. B. Schleimhaut, Eizellnährung).
Nieren-Yang steht eher für Wärme, Aktivierung, „Zündung“ (z. B. Eisprung, Gelbkörperphase, Einnistung).
b) Milz (Pi 脾) – Nährstoffgewinnung und Blutbildung
Die Milz „macht“ in der TCM aus Nahrung und Flüssigkeit verwertbare Energie. Sie ist wichtig für:
• genügend Blut (Xue 血) und „Fülle“ im System
• stabilen Zyklus
• weniger Feuchtigkeit/Schleim (Tan 痰), was z. B. bei PCOS oft relevant ist
Wenn die Milz schwach ist, entstehen leichter:
• Müdigkeit, Völlegefühl, weicher Stuhl
• Wassereinlagerungen
• Neigung zu „Feuchtigkeit und Schleim“ (weniger klare Zykluszeichen, Zystenbildungen, träge Follikelreifung)
c) Leber (Gan 肝) – freie Bewegung, Zyklussteuerung, Emotionen
Die Leber sorgt für den freien Fluss von Qi und Blut. Das ist zentral für:
• regelmässigen Eisprung und saubere Zyklusphasen
• gute Durchblutung des Uterus
• emotionale Stabilität (Stress wirkt aus TCM-Sicht oft über die Leber)
Typisch bei Leber-Qi-Stagnation:
• PMS, Brustspannen, Reizbarkeit
• Spannungsgefühl im Unterbauch
• unregelmäßiger Zyklus oder „verschobener“ Eisprung
d) Herz (Xin 心) – Shen (Geist), Schlaf, „innere Sicherheit“
Das Herz beherbergt den Shen. Für Kinderwunsch wichtig, weil:
• Schlafqualität und Regeneration direkten Einfluss auf den Substanzaufbau hat
• anhaltender Stress/Unruhe hormonelle Achsen destabilisieren kann
• viele Menschen im Kinderwunsch „innerlich angespannt“ werden (was den Körper in einen „Kampfmodus“ bringt)
3) Die Leitbahnen: Ren Mai 任脉 und Chong Mai 冲脉
Zwei Sonderleitbahnen sind besonders wichtig:
a) Ren Mai 任脉 („Meer der Yin-Leitbahnen“)
Aufbau, Versorgung, Schwangerschaftsgrundlage
b) Chong Mai 冲脉 („Meer des Blutes“)
Zyklus, Blutfülle, Durchblutung des Beckens
In der TCM ist die Fruchtbarkeit häufig dann gut, wenn Ren und Chong reichlich genährt, frei und durchgängig sind.
4) Der Zyklus in TCM-Sprache:
• Menstruation: „Loslassen und Reinigen“
Blut fliesst ab – wichtig ist, dass es frei fliessen kann (nicht stockend, nicht zu schmerzhaft).
• Follikelphase: „Aufbauen und Nähren“
Yin, Blut und Säfte werden aufgebaut. Ziel: gute Schleimhaut, gute Eizellreifung.
• Ovulation: „Bewegen und Öffnen“
Qi und Blut müssen dynamisch sein. Ein Eisprung ist in TCM-Sicht ein Bewegungsereignis.
• Lutealphase: „Wärmen und Halten“
Yang stabilisiert, hält, unterstützt die Einnistung. Ziel: ruhige, warme, gut durchblutete Gebärmutterumgebung.
Viele Kinderwunsch-Themen entstehen, wenn eine Phase nicht „ihre Arbeit“ machen kann (zu wenig Aufbau, zu wenig Bewegung, zu wenig Wärme/Stabilität).
5) Häufige TCM-Muster bei unerfülltem Kinderwunsch:
a) Nieren-Jing-Mangel (Essenzschwäche)
Typisch: längerer Kinderwunsch, höheres Alter, Erschöpfung, schwacher Rücken/Kniesymptome, reduzierte Reserve, ggf. frühe Menopausen-Tendenz.
TCM-Ziel: Jing aufbauen, Niere stärken, Basis stabilisieren.
b) Blut-Mangel (Xue Xu 血虚)
Typisch: eher blasse Haut, Schwindel, trockene Haut, wenig/kurze Mens, Schlafstörungen, Herzklopfen, Konzentration schwächer.
TCM-Ziel: Blut nähren, Milz stärken, Ren/Chong füllen.
c) Leber-Qi-Stagnation (Stress-/Spannungsmuster)
Typisch: PMS, Brustspannen, Stimmungsschwankungen, Zyklus unregelmässig, Eisprung „verschiebt sich“, Schmerzen durch Spannung.
TCM-Ziel: Leber regulieren, Qi bewegen, Stressmuster lösen.
d) Blutstase (Xue Yu 血瘀)
Typisch: stechende Schmerzen, dunkles Blut, Klümpchen, Endometriose-Verdacht, Narbenprobleme, „fixe“ Schmerzen.
TCM-Ziel: Durchblutung verbessern, Stase lösen, Gewebe „weich und durchlässig“ machen.
e) Feuchtigkeit/Schleim (Shi/ Tan 湿/痰) – häufig bei PCOS
Typisch: Übergewicht oder „teigige“ Konstitution, Müdigkeit, Völlegefühl, Zysten, träge Zyklen, klebriger Zungenbelag.
TCM-Ziel: Milz stärken, Feuchtigkeit transformieren, Schleim lösen, Zyklusrhythmus anregen.
f) Kälte im Uterus (Han 寒) bzw. Yang-Schwäche
Typisch: starke Kälteempfindlichkeit, kalte Hände/Füsse, Schmerzen besser durch Wärme, heller Ausfluss, lange Zyklen, evtl. niedrige Basaltemperatur.
TCM-Ziel: Yang wärmen, Uterus „durchwärmen“, Zirkulation fördern.
g) Yin-Mangel mit Hitze (Xu Re 虚热)
Typisch: innere Unruhe, Nachtschweiss, trockene Schleimhäute, kürzere Zyklen, Schmierblutungen, „Hitzespitzen“.
TCM-Ziel: Yin nähren, Hitze beruhigen, Shen stabilisieren.
6) Männer aus TCM-Sicht (oft unterschätzt)
TCM betrachtet die männliche Fruchtbarkeit ebenfalls über:
• Nieren-Jing (Spermienqualität, Vitalität)
• Leber (freie Bewegung, Stress, Durchblutung)
• Milz (Nährstoffumsetzung; Schleim/Feuchtigkeit kann Qualität beeinträchtigen)
Typische Muster:
• Jing-/Yang-Schwäche (Erschöpfung, Libido niedrig, Kälteempfindlichkeit, Rückenschmerzen)
• Feuchtigkeit/Hitze im Unteren Erwärmer (z. B. Entzündungsneigung, „Hitzezeichen“)
• Leber-Qi-Stagnation (Stress, Anspannung, Schlafdefizit)
7) Behandlung in der TCM: die 4 Säulen
a) Akupunktur (Zyklusregulation + Nervensystem)
Akupunktur wird häufig eingesetzt, um:
• Zyklus zu stabilisieren und die Phasenlogik zu unterstützen
• Durchblutung im Becken zu verbessern
• Stressachse zu beruhigen (Schlaf, innere Ruhe, Verdauung)
• bei IVF/IUI unterstützend rund um Transfer/Stimulationsphase zu begleiten
b) Kräutertherapie (substanziell und „systemisch“)
Kräuter werden in der TCM genutzt, um:
• Blut, Yin, Jing aufzubauen
• Stagnation/Stase zu lösen
• Feuchtigkeit/Schleim zu transformieren
• Wärme/Kälte auszugleichen
• den „Uterus zu regulieren“ (funktionell: bessere Versorgung, bessere Rhythmik)
Wichtig: Kräuter werden meist den Zyklusphasen angepasst eingesetzt (Aufbau vs. Bewegung vs. Stabilisierung).
c) Ernährung (Milz stärken, Entzündungs- und Schleimlast senken)
TCM-orientierte Basis, allgemein verständlich:
• warm, regelmäßig, möglichst naturbelassen
• weniger Zucker, weniger stark verarbeitete Produkte
• bei Schleim/Feuchtigkeit: weniger Milchprodukte/kalte Rohkost (je nach Typ)
• ausreichend Eiweiß und gute Fette (Substanzaufbau)
• Kaffee/Alkohol je nach Muster reduzieren (v. a. bei Hitze/Unruhe)
d) Lebensstil (Schlaf, Rhythmus, Stress, Wärme)
Kinderwunsch ist „Rhythmusmedizin“:
• Schlaf vor Mitternacht, Regeneration priorisieren
• moderate Bewegung (zu viel Training kann „Substanz verbrennen“)
• Wärme für das Becken bei Kälte-/Yang-Schwäche
• Atem/Entspannung zur Leber- und Shen-Regulation
8) Wie lange dauert die TCM-Therapie für den Kinderwunsch typischerweise?
Als Faustregel (kein Versprechen, eher Orientierung):
• Zyklusregulation: oft innerhalb von 1–3 Zyklen sichtbare Veränderungen (PMS, Schmerz, Timing)
• Substanzaufbau (Blut/Jing/Yin): eher 3–6 Monate oder länger
• Spermienreifung: grob ca. 2–3 Monate als biologischer Zeitraum
9) TCM versus Schulmedizin:
Viele nutzen TCM:
• als alleinige Regulation bei funktionellen Zyklusproblemen
• begleitend zu Kinderwunschklinik/IVF (Stress, Schleimhaut, Durchblutung, Schlaf)
• zur Unterstützung nach einer Fehlgeburt, bei Endometriose, PCOS, Schilddrüsenthemen, etc.
10) Fazit: Was TCM im Kinderwunsch besonders gut kann
TCM ist ideal, weil sie:
• den Zyklus als dynamischen Prozess betrachtet (nicht nur Laborwerte)
• oft gleichzeitig Verdauung, Schlaf, Stress und Durchblutung verbessert
• Muster erkennt, bevor es „harte Diagnosen“ gibt
• Substanzaufbau und Regulation kombiniert: nähren + bewegen + halten
Der zentrale Gedanke lautet:
Fruchtbarkeit entsteht, wenn genügend Substanz vorhanden ist, die Bewegung frei ist und der Körper in einen sicheren, regulierten Zustand kommt.