18/11/2021
Reaktion von Physiobern auf den Tamedia-Artikel «Nach der Nullrunde droht 2023 ein grösserer Prämienschub»:
Physiotherapie – bitte dort Sparen, wo Sparpotential vorhanden ist
Physiotherapeut:innen verdienen seit 20 Jahren gleich viel. Logisch, denn wir haben seit dieser Zeitspanne einen abgewerteten Taxpunktwert bei gleichgebliebenen Fallpauschalen. De facto ist unser Reallohn unverändert geblieben und unsere Kaufkraft schlechter geworden. Laut Krankenkassen soll nun aber die Physiotherapie schuld am prognostizierten Prämienschub in 2023 sein, obwohl sie noch keine Erklärung für den Anstieg haben. Und zu diesen Vorwürfen nehmen wir gerne Stellung: Wir legen dar, wie absurd diese Vorwürfe sind, weil sich die Krankenkassen nur auf die wirtschaftliche Optik fokussieren und die Versorgungsoptik der Bevölkerung ausblenden.
Die Kostensteigerung im gesamten Gesundheitswesen ist enorm. Und es gibt eine unbestrittene, aber eben logische Kostensteigerung im Bereich der Physiotherapie aufgrund einer Mengenausweitung. Diese Mengenausweitung ist einfach zu erklären:
Fakt 1: Die demografische Veränderung bedingt, dass mehr ältere Menschen Physiotherapie brauchen, um möglichst selbständig zu bleiben.
Fakt 2: Ambulant vor stationär ist in aller Munde; die Menschen sind nach Operationen viel schneller wieder zu Hause und brauchen Physiotherapie zur Nachbehandlung.
Fakt 3: Neuere wissenschaftliche Studien belegen, dass konservative Behandlungen den Operationen oft zumindest ebenbürtig sind. Daher ist die kostengünstige Physiotherapie zu forcieren.
Fakt 4: Es gibt immer mehr palliative Behandlungen von Menschen mit unheilbaren Erkrankungen, die wir u.a. mit Physiotherapie abdecken.
Fakt 5: Es gibt eine wachsende Erwartungshaltung der Patient:innen, die Therapie benötigen.
Fakt 6: Es gibt generell mehr Menschen in der Schweiz, die Therapie beanspruchen.
Fakt 7: Wir haben keinen freien Markt und werden durch die Arztverordnungen sowieso reguliert.
Fakt 8: Grundsätzlich wird unterschätzt, dass wir Patient:innen aufklären und beraten. Wir beraten die Patient:innen uneigennützig nach den von der Politik geforderten WZW Kriterien im Sinne von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit. So wirkt Physiotherapie kostenbewusst und kostendämpfend. Offensichtlich sind sich die Krankenversicherer dieser erwähnten Fakten nicht bewusst.
Interessanterweise haben wir nie Reklamationen über hohe Physiotherapiekosten von Patient:innen erhalten. Warum nicht? Weil sie sich im Gegenteil wundern, wie kostengünstig die Physiotherapie im Gegensatz zu anderen Tarifen im Gesundheitswesen ihre Arbeit leistet. Es ist nämlich die wahrscheinlich kostengünstigste therapeutische Intervention im gesamten Gesundheitswesen überhaupt. Kaum ein Beruf mit Fachhochschulabschluss wird so schlecht honoriert, wie die Physiotherapie. Daher haben wir eine Ausfallquote von 35 % der ausgebildeten Physiotherapeut:innen, die dem Beruf den Rücken kehren; meist eben wegen der schlechten Entlöhnung. Trotzdem ist unser Berufsstand seit Jahren motiviert, den wichtigen Grundversorgungspart im Gesundheitswesen abzudecken.
Solange aber unsere Entschädigung gleich schlecht bleibt, müssen wir ganz sicher nicht über das Kostensparpotential in der Physiotherapie diskutieren.
Michaela Hähni und Dr. Martin Verra
Co-Präsidenten Physiobern