30/05/2026
Sie sass mir gegenüber und blickte ruhig in die Kamera. Man merkte, wie viel Energie es sie kostete, ruhig zu klingen.
Ihre Chefin war ihre Mentorin. Eine Frau, die sich in Räumen voller Männer selbstverständlich bewegte, mitsprach und anderen einen Stuhl am Tisch ermöglichte. So jemanden, wie es sich viele wünschen würden.
Aber sie wollte nach 8 Jahren gehen. Sie sagte: «Wenn ich den Absprung jetzt nicht schaffe, bleibe ich bis zur Pension. Und das will ich nicht. Ich will andere Unternehmen sehen, neue Erfahrungen sammeln.»
Und nach kurzem Zögern: «Aber es fühlt sich wie persönlicher Verrat an meiner Chefin an.»
Ich nickte. Weil sind wir ehrlich: Loyalitätskonflikte lösen wir nicht auf, indem wir sie ignorieren.
Dann fasste ich zusammen: «Es gibt in deinem Kopf nur zwei Varianten: Entweder bist du deiner Chefin gegenüber loyal oder dir selbst gegenüber. Beides scheint in dieser Situation nicht möglich zu sein.»
Der Stress, den diese Zusammenfassung auslöste, war unverkennbar. Tränen stiegen auf, sie brauchte einen Moment, um sich zu fassen.
Loyalität wird zum Pflichtprogramm und es fühlt sich an, als gäbe es keine anderen Optionen mehr.
Aber Loyalität hat eine Grenze, und diese Grenze heisst: du selbst. Deiner Chefin gegenüber loyal zu sein bedeutet nicht, dein eigenes Wachstum für sie zu opfern. Es bedeutet, ehrlich zu gehen, sorgfältig zu übergeben, respektvoll zu kommunizieren.
Und ich kenne keine Führungskraft, die das von ihren Mitarbeitenden wollen würde.
Das Grösste, was du jemandem geben kannst, ist nicht dein Verbleiben um jeden Preis, sondern deine Integrität bis zum letzten Tag.
Sie hat gekündigt. Mit einem Gespräch, das schwer war, und das trotzdem, oder genau deshalb, richtig war.
Wenn du gerade in einem ähnlichen Loyalitätskonflikt steckst, findest du den Link für ein erstes Gespräch mit uns in der Bio. 🤍