11/02/2026
In meiner Praxis spreche ich viel über Resilienz.
Und in den letzten Wochen habe ich nach meinem Beitrag dazu viele berührende Gespräche geführt – vor allem mit Krebsbetroffenen.
Aber nicht über Stärke.
Nicht über Durchhalten.
Sondern über etwas anderes.
Über dieses ständige Denken.
Dieses innere Wachsein.
Dieses Gefühl, selbst im Liegen noch organisieren zu müssen.
Eine Frau sagte zu mir:
„Ich bin nicht nur körperlich müde. Mein Kopf läuft einfach immer weiter.“
Dieser Satz bleibt.
Denn genau das höre ich immer wieder.
Nicht die Schmerzen sind das Schwierigste,
sondern dass der Kopf nie Pause bekommt.
Es muss so viel organisiert und bedacht werden:
Arzttermine organisieren.
Entscheidungen treffen.
Nebenwirkungen managen.
Familie beruhigen.
Arbeit koordinieren.
An alles denken. Für alle mitdenken.
Selbst nachts läuft innerlich eine Liste weiter.
Immer.
Dafür gibt es einen Begriff: Mental Load.
Mental Load ist nicht einfach eine lange To-do-Liste.
Es ist die gesamte unsichtbare Denkarbeit im Hintergrund – das Planen, Koordinieren, Erinnern und Verantwortung tragen, dass alles läuft.
Leise.
Unsichtbar.
Aber dauerhaft aktiv.
Wie ein Hintergrundgeräusch, das nie ganz ausgeht.
Und genau das erschöpft.
Gerade mit oder nach Krebs wird diese Last oft nicht kleiner – sondern grösser.
Zur körperlichen Erholung kommen Unsicherheit, Kontrolltermine, Zukunftsfragen und der Druck von aussen: „Du bist doch wieder fit.“
Der Körper versucht sich zu erholen, aber der Kopf bekommt keine echte Ruhephase.
Und dann kommt oft der gut gemeinte Rat:
„Arbeite an deiner Resilienz. Sei positiv. Sei stark.“
Doch wenn jemand ohnehin schon zu viel trägt, wird selbst Resilienz zur nächsten Aufgabe.
Noch eine Übung.
Noch ein Tool.
Noch mehr an sich arbeiten.
Und irgendwann tut sich die Frage auf:
„Warum schaffe ich das nicht?“
Vielleicht liegt es gar nicht an fehlender Stärke.
Vielleicht ist die Last einfach zu gross.
Für dieses Muster gibt es sogar einen medizinischen Begriff: den Valebo-Effekt.
Ich erkläre ihn gerne und oft mit einem Bild:
Stell dir einen Tank vor.
Du versuchst den Tank mit Energie aufzufüllen – durch Gespräche, Pausen, Strategien.
Aber unten im Tank ist ein Leck.
Durch die Verantwortung, die du trägst.
Durch die Dauerorganisation, die du ständig leisten musst.
Durch das ständiges Mitdenken für alle(s) um dich herum.
Du tankst auf – und gleichzeitig läuft die Energie wieder aus.
Der Tank wird nie voll.
Nicht, weil du zu wenig resilient bist,
sondern weil die Belastung parallel weiterläuft.
Solange die Last gleich bleibt, kann Erholung ihre Wirkung gar nicht entfalten.
Deshalb geht es oft nicht darum, stärker zu werden, sondern weniger allein zu tragen.
Was ich Menschen in meiner Praxis konkret empfehle:
1. Die Last sichtbar machen
Einmal alles aufschreiben, was nur im Kopf läuft. Nicht nur Einkaufen, sondern: Arzttermine vereinbaren, Rezepte bestellen, an Geburtstage denken, Medikamente nachbestellen, Formulare ausfüllen, mit der Schule schreiben, Ferien planen …
Viele merken erst dann: Da ist ein zweiter Vollzeitjob im Kopf.
2. Die Verantwortung wirklich abgeben – nicht nur Hilfe annehmen
Nicht: «Kannst du mir beim Einkaufen helfen?», sondern: «Du übernimmst jetzt den Wocheneinkauf – planen, besorgen, nachdenken inklusive.»
Erst wenn auch das Mitdenken wegfällt entsteht echte Entlastung.
3. Unterstützung aktiv nutzen
Eine Freundin fährt zu den Kontrollen.
Der Nachbar holt die Kinder ab.
Die Schwester kocht einmal pro Woche vor.
Nicht, weil du es nicht kannst – sondern weil du dich erholen darfst.
4. Prioritäten radikal senken
Nicht alles muss gerade «normal» laufen.
Vielleicht gibt es eine Tiefkühlpizza statt selbst gekocht.
Vielleicht bleibt die Wäsche liegen.
Vielleicht sagst du einen Termin ab.
Perfektion verbraucht Energie, die du gerade für deine Heilung brauchst.
Deine Energie ist begrenzt. Gerade mit und nach Krebs. Und sie gehört zuerst dir.
Vielleicht ist nicht der Mensch zu wenig resilient.
Vielleicht sind die Umstände einfach zu schwer.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, nie richtig abschalten zu können.
Ein kleiner Tipp – fange bei Punkt 4 an.