02/05/2023
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Ein Schritt nach dem anderen - Die wunderbare Geschichte von Beppo dem Strassenkehrer :
Beppo liebte die Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit.
Wenn er so die Strassen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.
Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Strasse und hinter sich die saubere, kamen ihm oft grosse Gedanken. (…) Nach der Arbeit, wenn er bei Momo sass, erklärte er ihr seine grossen Gedanken. (…)
"Siehst du, Momo", sagte er (…), "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man."
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: "Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz ausser Puste und kann nicht mehr. Und die Strasse liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen."
Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: "Man darf nie an die ganze Strasse auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten." Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: "Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein."
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: "Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie und man ist nicht ausser Puste." Er nickte vor sich hin und sagte abschliessend: "Das ist wichtig."»
Wie oft erwischen wir uns selbst als «gehetzten Beppo». Wir setzen uns grosse Ziele und Projekte oder haben Zukunftsszenarien und scheinbar unmögliche Hürden vor Augen, die gleichzeitig gross wie ein Berg und endlos wie eine Strasse bis zum Horizont erscheinen.
Dabei vergessen wir, dass der längste Weg aus lauter einzelnen, kleinen Schritten besteht.
Die Weisheit der kleinen Schritte, das Bewusstsein für das «Hier und Jetzt», ohne zu viele Sorgen über Dinge, deren Zeit noch nicht gekommen ist, kann uns wieder in unsere Handlungsmacht zurückbringen. Bei der Besinnung auf den Moment kommen wir zu dem zurück, wo wir täglich Gutes im Kleinen schaffen können und Freude erleben, anstatt in Ängsten und Gedankenspielen zu erstarren.
Vielleicht fangen wir die nächste lange Strasse einmal mit der allerkleinsten Teil-Aufgabe an, ganz bewusst. Danach kommt ein tiefer Atemzug und Freude darüber – und dann schauen wir nach dem nächsten Schritt. Daraus kann ein zarter Rhythmus entstehen, mit der Zeit eine gewisse Leichtigkeit und bald tanzt man die lange Strasse scheinbar mühelos entlang. Schritt für Schritt für Atemzug für Besenstrich. 🧹