19/01/2022
🌱 Bauchweh kann im Kopf beginnen 🌱
Legenden ranken sich um die Kräuter der Chinesischen Medizin, schöne Erzählungen, die darüber berichten, wie dieses oder jenes Kraut seinen Weg in den Schatz der Traditionellen Arzneimittel fand. Nebenbei vermitteln diese Geschichten Einblicke in die reiche chinesische Kultur und das Alltagsleben. Hier die 17. Folge der «EXTRAKT»-Serie.
zi su ye (Perillae Folium, Schwarznesselblatt)
Eine Gruppe reicher junger Männer traf sich am Chong-yang-Fest in einer Weinbar zum Krabben-Wettessen. Die Krabben schmeckten vorzüglich, und so assen sie viele davon. Die leeren Krabbenpanzer türmten sich auf dem Tisch.
Auch Hua Tuo kam in die Bar, um mit seinem Studenten etwas zu trinken. Als er die jungen Männer sah, die wie wild Krabben vertilgten, versuchte er freundlich, sie zum Einhalten zu bewegen. «Krabben sind kalt», sagte er. «Esst darum besser nicht zu viele.»
«Wir essen, was wir bestellt haben. Warum sollten wir auf Sie hören?», antworteten die jungen Männer grob.
«Wenn ihr noch mehr esst, werdet ihr Durchfall bekommen, ihr könntet sogar euer Leben aufs Spiel setzen.»
«Hören Sie doch auf! Selbst wenn wir uns zu Tode essen: Was geht Sie das an?»
Ohne den Rat von Hua Tuo zu beachten, fuhren die jungen Männer fort mit ihrem ausschweifenden Essen und Trinken. «Krabben sind köstlich! Lasst uns so viele davon essen, dass der alte Mann vor Missgunst stirbt», rief einer aus.
Als Hua Tuo sah, wie unbesonnen sich die jungen Leute benahmen, ging er zum Wirt. «Sie dürfen ihnen nicht noch mehr Wein und Krabben bringen, sonst sterben sie daran», sagte Hua Tuo.
«Selbst wenn etwas geschieht: Was geht Sie das an? Kümmern Sie sich um Ihre Geschäfte und mischen Sie sich nicht in meine ein», schnaubte der Wirt.
Mit einem Seufzer setzte Hua Tuo sich hin, um sich seinem Glas Wein zuzuwenden. Um Mitternacht klagten die jungen Männer plötzlich lauthals über Bauchschmerzen. Einigen von ihnen trat der Schweiss aus allen Poren, andere wälzten sich unter dem Tisch. «Was ist denn mit euch?», fragte der herbeigeeilte Wirt.
«Wir haben schreckliche Bauchschmerzen. Bitte rufen Sie sofort einen Arzt, sonst sterben wir.»
«Ich bin Arzt», sagte Hua Tuo und kam herbei.
«Oh», seufzten die jungen Männer, und wurden vor Schreck noch bleicher. Aber es war nicht der Moment, sich um einen Gesichtsverlust zu sorgen. «Bitte, Meister, geben Sie uns ein Heilmittel!»
«Habt ihr nicht soeben meine Ratschläge zurückgewiesen?», fragte Hua Tuo.
«Eine Person von Rang schert sich nicht um die Fehler gewöhnlicher Leute. Seien Sie gnädig und retten Sie uns! Wir bezahlen so viel wie Sie wollen»
«Ich will kein Geld. Ich will, dass ihr mir etwas versprecht.»
«Tausend Dinge versprechen wir, auch zehntausend. Sagen Sie, was wir versprechen sollen.»
«Dass ihr von nun an auf die Ratschläge alter Männer hört und nicht so fahrlässig seid.»
«Versprochen! Retten Sie uns jetzt!»
Hua Tuo ging mit seinem Studenten hinaus, um ein paar Stängel und Blätter eines Krauts mit lilafarbenen Blättern zu sammeln. Daraus bereitete er ein Dekokt für die jungen Männer. Nachdem sie davon getrunken hatten, hörten die Bauchschmerzen auf. Unter vielen Dankesbezeugungen verabschiedeten sich die jungen Männer und gingen nach Hause.
Es gab zu jener Zeit keinen Namen für dieses Heilkraut. Weil die Patienten sich nach der Einnahme so wohlfühlten, nannte Hua Tuo es zi shu, aus «lila» und «wohl».
«In welchem Buch steht, dass dieses Kraut eine Krabbenvergiftung mildern kann?», fragte der Student.
«Dieses Wissen gibt es nicht in Büchern», sagte Hua Tuo. Er habe es bei Tieren abgeschaut. Einmal, im Sommer, als Hua Tuo an einem Flussufer Heilkräuter sammelte, sah er, wie ein Otter einen grossen Fisch fing. Der Otter ass so lange, bis sein Bauch anschwoll wie eine Trommel. Manchmal hielt er sich im Wasser auf, manchmal am Ufer, wobei er entweder bewegungslos dalag oder sich ganz und gar wild gebärdete. Es schien ihm sehr schlecht zu gehen. Aber dann kletterte das Tier auf einen Flecken Land und ass von dem Kraut mit den lilafarbenen Blättern. Nachdem er eine Weile stillgelegen hatte, wurde der Otter so munter wie eh und je.
Weil Fisch von kalter, das lila Kraut aber von warmer Natur ist, dachte Hua Tuo, dass das Kraut vielleicht gegen Fischgift wirken könnte. Das hatte er im Kopf behalten.
Später bereitete Hua Tuo Pillen und Pulver aus den Stängeln und Blättern des Krauts. Er beobachtete, dass es Kälte ausleiten konnte und gut war für die Milz. Es konnte auch die Lunge befeuchten, Husten heilen und Schleim klären. Niemand weiss, weshalb die Leute begannen, das Kraut zi su ye zu nennen.
Quelle
Flanagan, Chris (ed.). Chinese Herbal Legends: 50 Stories for Understanding Chinese Herbs. Beijng 2006. People’s Medical Publishing House