03/04/2026
Aussprechen (dürfen), was ist (längerer Text)
Vor etwa zehn Jahren sass eine Klientin bei mir im Coaching. Schweizerin, um die 60. Mitten im Gespräch sagte sie: „Ich beneide Sie.“ Ich fragte sie, weshalb.
Sie antwortete: „Sie sind eine junge Frau. Und ausserdem Deutsche. Sie dürfen sagen, was Sie wirklich denken. Als Schweizerin, als Frau – und vor allem in meiner Generation – darf ich das nicht.“
Das hat mich damals getroffen und seitdem nie ganz losgelassen. Ich hatte mir bis dahin nie wirklich bewusst gemacht, welchen Einfluss gesellschaftliche Rollenbilder und Erwartungen auf uns haben können. Und dass mir – allein durch meine Herkunft – eine Art „Erlaubnis“ zugeschrieben wird: direkt zu sein, Dinge auszusprechen, Unangenehmes zu benennen.
Nur: Ehrlicherweise konnte ich das lange Zeit überhaupt nicht.
Ich bin mit einem narzisstischen Elternteil aufgewachsen.
Meine Gefühle und Wahrnehmungen wurden relativiert, verdreht oder bestraft:
• Ich war traurig → „Ist doch gar nicht schlimm.“
• Ich war wütend → „Mach nicht so ein Theater.“
• Ich habe mich gewehrt → „Du bist böse. Entschuldige dich und sei netter“
• Ich fand etwas gut → „Das ist schlechter Einfluss.“
• Ich fand etwas nicht gut → wurde trotzdem durchgesetzt.
Dieses Muster hat sich im Erwachsenenleben fortgesetzt.
In Beziehungen wurde meine Wahrnehmung ebenfalls permanent infrage gestellt.
Wenn ich traurig war: „Ist doch nicht schlimm.“
Wenn mich etwas gestört hat: „Das Problem liegt bei dir.“
Usw. Generell lag immer ich falsch.
Darüber hinaus wohne ich seit etwas über 20 Jahren in einem Land, in dem die „Fuuscht im Sack“ („Faust in der Hosentasche“) kulturell verankert ist. Ärger wird nicht gezeigt, Grenzen werden selten klar formuliert, Höflichkeit steht über Ehrlichkeit.
Also habe ich weitergemacht wie als Kind:
geschluckt, angepasst, mich zurückgenommen.
Denn jedes Aussprechen war mit Angst verbunden und mit der tiefen Überzeugung, dass ich damit Beziehungen gefährde.
In den letzten Jahren habe ich viel an diesen (und anderen) Themen gearbeitet. Mit Logosynthese, Therapie etc.
Und diese Woche ist etwas passiert.
Ich habe bei zwei Menschen ausgesprochen, was für mich nicht stimmt, sehr direkt. Ich hatte noch nicht einmal mehr Angst. Auf einmal ging das, was ich vorher nie getan hätte. Früher hätte ich einfach bloss nachts ewig wach gelegen und hätte innerlich Gespräche geführt, die ich mich im Aussen nie getraut hätte zu führen.
Und dann ist noch etwas passiert.
Es war in Ordnung.
Ich war in Ordnung.
Meine Wahrnehmung war stimmig.
Bei der einen Person hat es Reflexion ausgelöst, den Wunsch sich zu ändern und eine Entschuldigung. Bei der anderen ein echtes Zuhören, Verstehen und mit beiden danach einen offenen, ehrlichen, wertschätzenden Austausch.
Kein Bruch.
Kein Rückzug.
Sondern Verbindung.
Jetzt, beim Schreiben, merke ich erst, was das mit mir macht. Und wie viel mir das bedeutet.
Es fühlt sich an, als würde sich etwas lösen, als würde ein alter Knoten aufgehen. Und gleichzeitig ist da Trauer über all die Jahre, in denen ich das nicht erleben durfte. Nicht wirklich gesehen wurde. Und die so anstrengend waren dadurch, weil ich das Gefühl hatte, immer kämpfen zu müssen.
Kämpfen und Anstrengung möchte ich nicht mehr. Ich werde daher - auch an diesem Ort - versuchen, weiter offen und ehrlich meine Wahrheit aussprechen. Das zu sagen, was ist.
Und falls du dich in Teilen wiedererkennst: Du bist nicht allein.
Es gibt Wege, deine eigene Wahrnehmung (wieder) ernst zu nehmen und die eigene Sprache zu finden. Schreib mir gerne, wenn du mehr wissen möchtest.