19/12/2025
Ulrike Geiger begleitete 14 Jahre lang schwerstkranke und sterbende Menschen auf der Intensivstation. Ein Ort, an dem Tod nicht vorgesehen ist, weil alles darauf ausgerichtet ist, ihn zu verhindern. „Man funktioniert dort“, sagt sie. „Und irgendwann merkt man, dass Funktionieren keine Haltung ist.“
Für sie kam dieser Moment früh. Weil sie Fragen stellte, für die im Alltag kein Raum war: Warum werden Menschen am Lebensende unruhig? Warum warten Angehörige vor Türen? Warum fühlt sich Lebensverlängerung manchmal wie Sterben-Verlängern an? In der Intensivmedizin gilt der Tod als Versagen – nicht als Teil des Lebens.
Ulrike suchte nach Alternativen. Still, aber konsequent. Sie absolvierte eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Lebens- und Sterbebegleiterin im Hospiz und studierte später Palliative Care in Wien. Dort lernte sie, was ihr 14 Jahre Intensivpflege nicht beigebracht hatten: Sterben ist ein biografischer, kein technischer Prozess. Unruhe entsteht oft nicht körperlich, sondern dort, wo Bindung fehlt. Menschen verlieren Orientierung – und brauchen jemanden, der bleibt.
Nach Wien arbeitete sie sechs Jahre im Hospiz Leonberg, zunächst am Bett, später als stellvertretende Leitung. „Diese sechs Jahre haben mich mehr über Menschen gelehrt als die vierzehn davor“, sagt sie. Weil dort sichtbar wird, was einen Menschen getragen hat – und was gefehlt hat.
Ihre Haltung ist klar: „Niemand will am Ende allein sein.“ Für sie ist das kein emotionaler Satz, sondern ein strukturelles Problem. „Wir behandeln Körper, aber keine Biografien. Wir sprechen über Autonomie, als wären wir nicht längst voneinander abhängig.“
„Viele wissen gar nicht, wohin sie sich wenden können“, sagt sie. „Deshalb ist ein Haus wie das Hospiz Ulm so wichtig.“ Für Ulrike ist es kein Gebäude, sondern eine Haltung: „Hier darf man da sein – mit Angst, mit Fragen, mit Unsicherheit. Das ist selten geworden.“