05/05/2026
Genau - wie so oft, gilt auch hier: alles mit Maß und Ziel - oder: die Dosis macht das Gift.
Kortisol ist ein erstaunlich missverstandenes Hormon. Aktuell wird es auf Social Media gern zu einem Bösewicht erklärt, den man angeblich „entgiften“ müsse. Unter dem Hashtag werben Influencer dafür, den Spiegel über irrwitzige Maßnahmen in Form einer 30-Tage-Challenges zu senken. Das helfe zuverlässig gegen Fettleibigkeit, Erschöpfung und Alterungsprozesse.Gestern wurde ich als Leiter der Stressambulanz unserer Klinik hierzu für ein Zeitungsinterview angefragt, das in Kürze erscheinen wird.
Um es kurz zu machen: Hände weg von einem solchen Unsinn! Bereits der Begriff ist aus biologischer Sicht falsch. Kortisol ist kein Gift, sondern ein wichtiges „Akuthormon“ der Nebennierenrinde, das Stress erkennt und daraufhin Energie bereitstellt, Teile des Immunsystems reguliert und Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse koordiniert. Ohne Kortisol wären wir in Stresssituationen nicht in der Lage zu überleben.
Erst bei chronischer (Über-)Aktivierung verkehren sich manche Funktionen ins Nachteilige. Hierfür ist aber nicht ausschlaggebend, wie das Hormon im Serum punktuell konzentriert ist, sondern wie gut es im natürlichen Tagesverlauf schwankt. Kortisol unterliegt nämlich einem komplexen Steuerungsprozess des Gehirns mit zirkadianem Rhythmus: morgens hoch (aktivierend), abends niedrig (beruhigend). Diese Regulation kann bei anhaltenden Stress aufgehoben sein und ist der entscheidende Marker in der Stressphysiologie! Daher ist Vorsicht geboten vor einfachen Selbsttests, die statische Blutwerte erheben, sie sagen kaum etwa aus. Und alle Versuche das Kortisol mit aller Gewalt senken zu wollen, konterkarieren das eigentliche Ziel, die natürliche Schwingungsfähigkeit wieder herzustellen.
Besser als Detox-Versuche sind deshalb (u.a.):
🧠 Rhythmus stabilisieren: Feste Schlafzeiten, sowie frühes Licht am Morgen, und rechtzeitige Dunkelheit am Abend. Das unterstützt die innere Taktung für die Kortisol-Sekretion.
🧠 Körperliche Aktivität: Das reduziert hohe Wirkstoffspiegel effektiv, da Kortisol in die Muskeln aufgenommen und abgebaut wird.
🧠 Mentale Entlastung: Probleme mit jemandem besprechen oder aufschreiben hilft, Gedanken zu ordnen und Grübelschleifen zu lockern.
🧠 Pausen: Bereits Mikropausen können die Stressachse messbar beruhigen, wenn man sie diszipliniert einhält.
Eine akute Erhöhung von Kortisol ist nicht die Ursache für Stress, sondern Teil des Lösungsversuchs. Wenn die Hütte brennt, verhält es sich wie ein Rauchmelder und das Löschwasser.
Erst eine chronische Erhöhung macht es notwendig, genauer hinzuschauen und die Gründe für die Dysregulation zu ermitteln, statt einfach nur den Spiegel zu senken. Denn wer würde bei häufigen Bränden im Haus schon auf die glorreiche Idee kommen, die Feuerwehrmaßnamen einschränken?
Die bessere Lösung wäre, stattdessen die Brandursachen aufzudecken, um künftig rechtzeitig Schutzmaßnahmen zu ergreifen... 🔥
Ihnen allen einen sonnigen Tag - ohne Hausbrand 😊