01/12/2025
Zahlreiche
Reaktionen auf
Pflege-Interview
Seniorenheim-Leiter
antwortet seinen Kritikern
Es war ein Gespräch, das ein gro-
ßes Echo auslöste. Allein auf der
Homepage von welt.de kom-
mentierten Hunderte Leser das In-
terview, das WELT am SONNTAG
mit Joachim Knollmann, Chef des Se-
niorenzentrums Bethel in Bad Oeyn-
hausen, jüngst veröffentlichte. Der
CDU-Kommunalpolitiker und erfolg-
reiche TikToker („Der Pflegeflüste-
rer“) riet darin zu einem Umdenken
bei der Pflege und deren Finanzie-
rung – und hielt in diesem Zusam-
menhang auch die Rückkehr zu Dop-
pelzimmern für notwendig.
In den Kommentaren werden
Knollmanns Thesen vehement disku-
tiert. So heißt es mehrfach, eine Un-
terbringung in einem Doppelzimmer
sei unzumutbar, gerade ältere Men-
schen hätten ein Anrecht auf Privat-
sphäre. „Einer sachlichen Kritik stel-
le ich mich gern“, sagt Knollmann:
„Es ist gerade in diesen Zeiten wich-
tig, dass wir miteinander reden.“
Inzwischen erreichen Knollmann
allerdings auch regelrechte Hassbot-
schaften, ausgelöst durch einen Be-
richt über das Gespräch in einem On-
line-Medium, das dem Lager der Co-
rona-Leugner zugerechnet wird. Un-
ter der Überschrift „Massenhaltung
für die Alten?“ zeigt die Redaktion
ein KI-generiertes Foto, das 17 Senio-
ren eingepfercht in einem kleinen
Zimmer mit Stockbetten zeigt. „Eine
derartige Verdrehung der Inhalte des
Gesprächs hat mich dann sehr getrof-
fen“, sagt Knollmann: „Ich arbeite
seit vielen Jahren im Pflegebereich.
Und die Menschenwürde steht dabei
für mich immer an erster Stelle.“ Er
habe nichts gegen Einzelzimmer ein-
zuwenden: „Mir ging es nur darum
aufzuzeigen, dass die gesetzlich ver-
ankerte Einzelzimmerquote mit 80
Prozent in Bestandsbauten und 100
Prozent in Neubauten auf Dauer
nicht zu finanzieren ist.“
Knollmann macht dies an der de-
mografischen Entwicklung fest: „Bis
2035 wird die Zahl der über 80-Jähri-
gen in Deutschland auf rund 6,7 Mil-
lionen Menschen ansteigen. Und da-
mit wächst die Zahl derer, die auf
professionelle Pflege angewiesen
ist.“ Um die stationäre Versorgung in
Zukunft zu sichern, würden die der-
zeitigen rund 914.000 Pflegeheim-
plätze nicht reichen: „Selbst bei mo-
deraten Prognosen brauchen wir in
Deutschland rund 70.000 Plätze
mehr. Wenn wir dies allein mit Ein-
zelzimmern schaffen wollen, müss-
ten wir knapp 900 neue Einrichtun-
gen mit jeweils 80 Zimmern bauen.
Wer soll das bezahlen?“ Nur bei ei-
nem sehr ambitionierten „Ambulant
vor stationär“-Pflegekonzept würde
der jetzige Bestand reichen: „Aber da
bin ich sehr skeptisch.“ Zudem gebe
es, sehr wohl Pflegebedürftige, die
ein Doppelzimmer vorziehen wür-
den: „Die wollen die Geselligkeit, es
kommt mehr Besuch. Und auch öfter
die Pflegekraft.“ Trotz der Angriffe
wird sich Knollmann weiter klar po-
sitionieren: „Wir dürfen solche Dis-
kussionen nicht den rechten Populis-
ten überlassen. Darunter leidet die
Demokratie.“ PETER WENIG