19/02/2026
Wen interessieren Fakten?
Warum eigentlich dieses laute Gebrüll gegen die Schulmedizin aus den alternativen Reihen?
Warum wird sie verteufelt, während Naturheilkunde oft wie ein sanftes Wundermittel gefeiert wird? Wieso interessieren Fakten in diesem Bereich teils wenig bis gar nicht oder werden angezweifelt? Heute räume ich mal meine Gedanken auf.
Also Vorsicht - es wird lang, unbequem, ehrlich.
Als Tierphysio, Tierheilpraktikerin und Biologin sitze ich nun mal genau zwischen diesen Welten – und ehrlich gesagt: Ich verstehe diese extreme Ablehnung der Schulmedizin immer weniger. Auf der anderen Seite die Ablehnung der THPs durch Tierärzte - nicht der Naturheilkunde - immer mehr 😓.
Lasst uns doch ein paar der gängigen Argumente gegen die Schulmedizin nochmal anschauen. Und ja, alle habe ich schon gehört 👇
❌„Schulmedizin hat Nebenwirkungen!“
Ja, hat sie. Und sie stehen schwarz auf weiß im Beipackzettel. Für jeden einsehbar!
Was viele vergessen: Naturheilkunde hat sie auch.
Nur werden sie dort oft nicht benannt oder als „Erstverschlimmerung“ verkauft.
Und mal ehrlich: Solange ein Mittel als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird, dürfen gar keine Nebenwirkungen oder Indikationen draufstehen – dafür bräuchte es Zulassung und Studien.
❌„Die Pharma will doch nur unser Geld!“
Mag sein – sie müssen ihre Mitarbeiter bezahlen, Fachpersonal beschäftigen, Studien finanzieren. Ohne das gäbe es keine Medikamente.
Aber Hand aufs Herz: Wollen die selbsternannten THP-Gurus mit Wochenend-Ausbildung und fünfstelligem Coachingpreis nicht auch Geld verdienen?
Akademische Ausbildungen dauern Jahre, gehen tief in die Materie und sind streng reguliert. Diese Leute arbeiten - genau - in der Pharmaindustrie und Forschung. Im alternativen Bereich gibt es kaum Kontrolle und Standards – aber große Versprechen.
❌„Naturheilkunde ist sanfter.“
„Natürlich“ heißt nicht automatisch „harmlos“. Digitalis? Tollkirsche? Beides natürlich, hat aber nichts im Futternapf zu suchen.
Bestimmte Pflanzeninhaltsstoffe hätten in entsprechender Dosierung genauso starke Wirkung wie Schulmedizin - nur kommen sie eben nicht so hoch dosiert in Pflanzen vor. Bzw. wissen wir gar nicht genau wie viel denn eigentlich in der Pflanze vorkommt. Denn Natur hält sich nicht an Dosierungsangaben und so enthalten sie je nach Aufwuchsort oder Umgebung unterschiedliche Mengen an Inhaltsstoffen. Wir arbeiten also mit Mittelwerten.
Ihr seht - nur weil etwas pflanzlich ist, heißt das nicht, dass es weniger Wirkung im Körper hat, oder sanfter ist.
❌„Ich habe schon das Gefühl es hilft.“
Gefühle verkaufen sich gut.
Ein empathischer Mensch wirkt vertrauenswürdig – völlig unabhängig davon, ob das Gesagte fachlich korrekt ist.
Aber Sympathie ersetzt kein Wissen. Sympathie ersetzt keine Medizin.
Ein gutes Bauchgefühl heilt keine Krankheit.
Das heißt nicht, dass Erfahrungsmedizin per se schlecht sein muss. Aber die aktuelle Datenlage als kompletten Fake darzustellen oder ständig anzuzweifeln ist meiner Meinung auch der falsche Weg. Vor allem stellt sich mir die Frage, ob diese Leute wirklich guten Gewissens Geld für gewisse Methoden einsacken, obwohl es keinerlei Belege für deren Wirkung gibt.
❌„Die Schulmedizin behandelt nur Symptome.“
Stimmt manchmal. Aber Symptome sind oft das, was akut gefährlich wird.
Ein Beispiel: Eine Entzündung im Rückenmarkskanal ist gefährlich, weil Nerven Sauerstoffmangel erleiden und sie relativ schnell absterben.
Hier muss die akute Entzündung behandelt werden und dann erst ist Ursachenforschung angesagt. Und wer bei Antibiotikum davon spricht, dass es ja "nur" Symptome behandeln würde, der sollte dringend nochmal auf die Schulbank.
❌„Ich kann mir unter der Wirkung nichts vorstellen .“
Vielleicht liegt hier ein Teil des Problems: Biologie, Physiologie, Pathologie – komplexe, spannende Themen.
Wer sie nicht versteht, lehnt sie leichter ab.
„Entgiftung“, „Heilfasten“, „Ausleitung“ klingt "fassbar", biologisch komplexe Mechanismen dagegen sind weniger Marketing trächtig.
Aber ist es dann nicht sinnvoll, die Behandlung Profis zu überlassen, die genau das gelernt haben?
Jetzt könnt ihr denken: „Wieso kritisiert sie denn ihren eigenen Bereich so heftig?“
Und nein, THP ist nicht überflüssig und Naturheilkunde auch nicht.
Mich stört nur diese Überheblichkeit, die Erfahrungsmedizin als Allheilmittel verkauft.
Naturheilkunde ohne Sinn und Verstand in Tiere zu geben – und gleichzeitig Schulmedizin kategorisch abzulehnen – das geht gar nicht.
Ich arbeite selbst mit Naturheilkunde – begleitend, realistisch, evidenzbasiert, immer mit Blick auf das Wohlbefinden der Tiere. Und am liebsten in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt und ordentlichen Diagnosen.
Dieses Marketing mit Angst, Schuldgefühlen und falschen Versprechen finde ich extrem problematisch genau wie die kategorische Ablehnung der Schulmedizin.
Fazit:
Naturheilkunde ist kein Wundermittel.
Schulmedizin ist kein Feind.
Der Tierarzt sollte immer im Boot sein.
Aber: Beides hat seinen Platz – wenn man ehrlich bleibt und Fakten nicht ignoriert, nur weil sie unbequem sind.
Aber vielleicht bin ich da auch einfach zu sehr Faktenmensch.
Oder zu wenig Guru. 😏