
15/08/2025
Der Wolf und die Hexe.
Der Wolf hatte genug.
Genug, der Bösewicht der Geschichte zu sein, in jedem Märchen den bedrohlichen Schatten zu verkörpern.
Er hatte genug von ängstlichen Blicken und voreiligen Urteilen und beschloss, zu gehen.
Er wollte unbekanntes Land betreten, wo niemand seinen Namen kannte, wo ihm Vorurteile nicht vorausgegangen waren.
Dort hoffte er, eine neue Geschichte anzufangen, eine Geschichte, in der er nicht mehr gehasst würde, in der kein Wesen im Voraus verurteilt wird. Er lief lange. Die Stille des Waldes war wohltuend, aber die Einsamkeit begann ihn zu belasten. Da sah er sie. Auf einem Felsen am Wegesrand saß eine Frau weinend. Ihre Hände verdeckten ihr Gesicht. Ihr schwarzes Kleid, das schlicht und elegant zugleich war, ließ eine ungewöhnliche Schönheit erahnen. Ihr Haar fiel ungezähmt aus der Kapuze, und ihre schwarzen Schuhe trugen die Spuren von langen Reisen. Der Wolf näherte sich langsam und fragte sie: „Hallo …“ Was machst du hier ganz alleine? Die Frau hob ihren Kopf, überrascht, und ihre tränenroten Augen trafen seine. Sie antwortete mit klarer Stimme, aber mit uralter Müdigkeit beladen: — Ich versuche, dem Übel anderer zu entkommen. Wer aus Blicken geboren wird, die dich beurteilen, bevor sie dich kennen, Seelen, die sich rein nennen, aber ihre Heuchelei unter schönen Worten verbergen. Ich fliehe vor diesen Wesen, die Güte predigen, aber Grausamkeit praktizieren. Der Wolf spürte eine vertraute Wärme in seiner Brust. Er wusste, wovon sie sprach. Langsam näherte er sich, vorsichtig, in der Hoffnung, dass sie ihn nicht ablehnen würde. — Möchtest du Gesellschaft? Ich kann mit dir spazieren gehen, wenn du willst. Sie wischte ihre Tränen mit der Hand ab und schaute ihn aus ihren tiefen Augen an, leuchtend wie zwei Mondscherben. - Natürlich. Aber bitte bleib bei mir aus Mitgefühl, nicht aus Mitleid. Ich möchte akzeptiert werden, wie ich bin, ohne mich mit diesen Idealen der Güte zu messen, die letztendlich noch grausamer werden. Der Wolf nickte mit dem Kopf und sagte mit sanfter Stimme: — Ich bleibe, weil ich es will. Ich bleibe, weil ich es leid bin, missverstanden zu werden. Und in meinem Herzen spüre ich, dass du und ich Mauern durchbrechen und gemeinsam Glück finden können. Sie lachte sanft, eine leichte Melodie, während er seinen Kopf gegen ihre Füße legte und nach der menschlichen Wärme suchte, die er nie erlebt hatte. — Du bist lieb, sagte sie und streichelte sein Fell. Es sieht so aus, als wäre dein Aussehen nur eine Rüstung. Im Inneren spüre ich Liebe und unerwartete Zärtlichkeit. Der Wolf schaute auf sie mit einem Blick, so rein, so voller Zuneigung, dass sie davon gerührt war. — Dann bleibe ich an deiner Seite, bis der Mond aufhört, die Dichter zu inspirieren, und die Sterne den Nachthimmel verlassen. Um ihren Mund erstrahlte ein warmes Lächeln. — Setz dich neben mich, Wolf. Nicht zu meinen Füßen, sondern an meiner Seite. Er hob den Kopf hoch, überrascht, aber glücklich. — Wie kann man eine solche Einladung ablehnen? Du hast etwas in dir, das mich verzaubert. Vielleicht sind es deine Augen, die so tief sind. Vielleicht deine Stimme,süß, frohlockend wie ein altes, unbekanntes Lied, dessen Melodie ich erkenne. Sie blickte nach unten, mit leicht erröteten Wangen. Aber ihm entging ihre Aufgeregtheit nicht. Die Kapuze ihres Kleides verdeckte ihr Gesicht, und das Licht des Mondes spielte mit ihren Schatten. Er konnte nur ihr Lächeln sehen, und dieses Lächeln alleine war genug, um ihn innerlich zu wärmen. — Wusstest du, sagte sie, dass die hellsten Sterne nicht immer am nächsten sind? Manchmal sind es die entferntesten, die so glitzern, dass sie trotz der Entfernung gesehen werden. Der Wolf schloss für einen Augenblick die Augen und reflektierte über diese Worte. Dann flüsterte er: — Ja, das stimmt. Und das gilt auch für einige Seelen. Manche leuchten in so hellem Licht, dass keine Entfernung, kein Hindernis es auslöschen kann. Er schüttelte sich und schaute sie intensiv an. – Du bist eine dieser Seelen. Sie zuckte mit den Schultern und lächelte traurig. – Du kennst mich noch nicht. Du weißt nichts über meine Verrücktheiten, meine Wut oder meine dunkelsten Seiten. — Ich muss nicht alles wissen. Ich kenne dich schon, weil ich mich selbst kenne. Ich liebe dich, weil ich gelernt habe, mich selbst zu lieben. Ich schaue in deine Augen und sehe Welten, in denen ich mich verlieren könnte. Ich sehe Sterne. Ich sehe ein Zuhause. Es folgte eine lange Stille. Aber es brauchte keine Worte mehr. Ihre Herzen sprachen für sich selbst. Sie saßen da, eng nebeneinander, tauchten in ihre Gedanken ein, die sich ineinander mischten. — Ich wurde immer gefürchtet, sagte schließlich der Wolf und brach das Schweigen. Alle haben Angst vor mir, sie rennen vor mir weg wegen meiner Reißzähne, meiner Krallen, sie fürchten sich zutiefst vor mir und meiner Gestalt. Sie sehen in mir nur ein Raubtier. Sie nickte langsam. — Ich verstehe. Ich werde auch nach meinem Aussehen beurteilt. Ich habe immer gehört, dass eine Frau helle Kleider und Bänder tragen muss, um gut zu sein. Ich bevorzuge Schwarz. Und das reicht, um mich zu einer „Hexe“ zu machen. Der Wolf schaute sie zärtlich an. — Mir gefällt, was ich sehe. Ich liebe dein schwarzes Kleid und deine schattenlose Schönheit. Aber nicht nur deshalb liebe ich dich. Das ist etwas, was ich in dir fühle. Sie lachte sanft, aber ihr Lachen hatte etwas Schmerzhaftes. — Das sagst du, aber du kennst mich noch nicht. Du weißt nichts über meine verrückten Momente oder stürmischen Zeiten. Der Wolf richtete sich auf und schaute zärtlich in ihre goldenen Augen. – Du musst mir deine Stürme nicht zeigen. Ich habe meine. Ich muss nicht jede deiner Verrücktheiten kennen, denn ich trage ähnliche Schatten in mir. Ich kenne dich, weil ich mich kenne. Ich liebe dich, weil ich gelernt habe, mich selbst zu lieben. Und wenn ich in dein Inneres schaue, sehe ich ein Licht, das ich sonst nirgendwo gesehen habe. Von diesem Tag an begann eine neue Geschichte. Ein Märchen ohne Stereotype, perfekte Prinzen oder verfluchte Hexen. Ein Märchen, in dem das Aussehen nicht mehr das letzte Wort hatte und Liebe über den Schein hinaus gewebt wurde. Man sagt, dass sich in Vollmondnächten die Hexe in einen Wolf verwandelt. Sie streift dann neben dem Wolf durch den Wald und sie teilen ihre Freude durch lautes Geheule mit der sternenklaren Nacht. An anderen Nächten kehrt sie wieder in ihre menschliche Gestalt zurück, während der Wolf dank ihrer Tränke sein Fell ablegen kann, um sich in Menschenhaut zu kleiden. Nicht die eines Prinzen Charming, sondern die eines einfachen, starken und leuchtenden Mannes mit Sternen in den Augen. Er trägt sie in seinen Armen zu einem Bett aus Moos, bedeckt sie mit Zärtlichkeit und Liebe. Sie lieben sich, nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern wegen ihnen. Denn schließlich …
Wer sagt, dass die »Bösen« nicht lieben können?
Lea Morgat, danke
Aus dem Französischen frei übersetzt: Mara.Asura