09/02/2026
Es gibt Zeiten im Jahr, die uns nachdenklicher machen. Die stillen Winterwochen sind oft solch eine Zeit. Sie laden uns ein, innezuhalten und uns den großen Fragen des Lebens zuzuwenden – den Fragen nach Anfang und Ende, nach dem, was war, und dem, was bleibt.
Genau an diesem Punkt setzt Hanna Roth mit ihrem neuen Buch an, das für unsere Familie von besonderer Bedeutung ist: „Sterben Frauen anders?“
Es ist ein Buch über Erfahrungen, Lebenswege und Abschiede. Über Frauen, die ganz unterschiedlich gestorben sind. Hanna beschreibt, wie Frauen das Sterben erleben, wie sie Verantwortung übernehmen und Abschiedsrituale kreativ gestalten. Sie verbindet persönliche Begegnungen aus unserem Bestattungshaus mit kulturellen und wissenschaftlichen Perspektiven – von mexikanischen Totenfesten bis zu den Klageweibern in Griechenland. Prominente Biografien wie die von Amy Winehouse, Hannelore Kohl oder Queen Elizabeth II. stehen darin neben leisen, berührenden Geschichten von Menschen, die ihre Toten verabschiedet haben.
Der heutige Denkanstoß porträtiert eine der Frauen, deren berührende Geschichte auch im Buch einen Platz gefunden hat.
Hanna Roth stellt ihr neues Buch „Sterben Frauen anders?“ gerne im Rahmen einer Lesung bei Ihnen vor.
Herzliche Grüße
Hanna Roth & David Roth
Denkanstoß 66 - Katie hat keine Angst
„Du kommst wieder mal zu früh.“ Ein Satz, den ich seit Jahren kenne. Er gehört zu Tante Katie wie ihr Kräutertee, ihre Blechdose voller Kekse und dieses unverwüstliche Funkeln in ihren Augen. Katie ist hundert Jahre alt.
Ich klopfe nicht, wenn ich zu ihr komme. Sie hört schlecht, die Hörgeräte liegen regelmäßig in irgendeiner Schublade, meistens neben alten Rechnungen, Gummibärchen und einer Postkarte, die sie nicht mehr zuordnen kann. Also gehe ich hinein, wie immer. Und wie immer dreht sie langsam den Kopf und sagt ihren Satz: „Du kommst wieder mal zu früh.“ Dann lächelt sie. „Aber nur ein bisschen.“
Katie ist die Frau vom alten Büdchen, direkt neben unserer Schule. Der Geruch von Lakritze, Staub und Marlboro Light hängt bis heute in meinen Erinnerungen. Zu Katie ging man, wenn man Trost brauchte, eine Cola oder eine ordentliche Portion Klartext. Sie hatte für alles ein Gespür – und für die falschen Jungs erst recht. Wenn sie bei einem die Augen verdrehte, hätte man besser die Finger von ihm gelassen. Haben wir natürlich nicht.
Heute sitzt sie in ihrem Sessel am Fenster, die Hände auf der Decke gefaltet, und erzählt mir von Kowalsky, dem Mann ihres Lebens. „Einfach umgefallen, zack.“ Herzinfarkt. Männer sterben oft so. Schnell. Überraschend. Auch ein bisschen trotzig, als wollten sie der Welt beweisen, dass sie sich bis zuletzt nicht schonen müssen.
Frauen sterben anders. Nicht besser, nicht schlechter – anders.
Langsamer. Leiser. Häufig vergessen. Manchmal auch von sich selbst.
Statistiken nennen es Demenz, Alzheimer, Altersgebrechlichkeit. Ich nenne es: einen langsamen Rückzug. Und ja, zwei Drittel der Menschen mit Alzheimer sind Frauen. Weil sie älter werden, weil ihr Gedächtnis nicht immer mitkommt. Weil das Leben lang war. Und voll.
Katie aber ist noch da. Ganz da. Sie vergisst höchstens, wo sie den Keksteller hingestellt hat.
In dieser Hundertjährigen steckt mehr Gegenwart als in mancher Dreißigjährigen. Vielleicht liegt das an all dem, was sie überlebt hat. Die Nachkriegszeit, den Tod ihres Mannes, die Einsamkeit. Und trotzdem sitzt sie da, mit Tee und Humor, und sagt Sätze wie: „Ich hab den Tod ein paar Mal übersehen. Vielleicht war das mein größter Trick.“
Ein Trick, den nicht viele Menschen beherrschen. Ich sehe diese Menschen jede Woche. Ich kleide sie ein. Ich bereite sie vor. Ich begleite ihre Angehörigen.
Frauen leben länger – und sterben besser vorbereitet.
Nicht mit Checklisten. Nicht mit Formularen. Sondern mit all dem, was sie getragen haben: Kinder. Familie. Arbeit. Wut. Liebe. Verantwortung. Und diesen unzähligen unsichtbaren Aufgaben, von denen nie jemand spricht. Viele Frauen sterben mit einem Rest von „Was braucht ihr noch?“
Wir leben und sterben – kulturell, historisch, biografisch – auf zwei vertrauten, aber unterschiedlichen Wegen. Frauen gehen öfter zum Arzt. Männer zu spät. Sie sterben am Herzinfarkt oder Krebs. Frauen sterben an Demenz. An Brustkrebs. An Einsamkeit.
„Du weißt schon, was du mit mir machst, wenn’s so weit ist?“, sagt Katie.
Natürlich weiß ich das. Ich kenne jede Anweisung: ihr rotes Kleid. Der Lippenstift. Die kurze, klare Todesanzeige: „Sie war da, wenn man sie brauchte.“
„Hast du Angst?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Nicht vor dem Sterben. Nur davor, dass ich vorher noch 103 werde.“
Dann lacht sie. Heiser. Schön.
Herzlichst
Hanna Roth