27/03/2026
Aus dem Newsletter von Jan Gysi:
Dissoziation im Therapieraum – auch Therapeut:innen können an Grenzen geraten
Mezard, E., El Husseini, M., Radjack, R., Moro, M. R., & Minassian, S. (2026).
The experience of professionals receiving patients with manifestations of traumatic dissociation: A qualitative study.
European Journal of Psychotraumatology, 17(1), 2634587.
https://doi.org/10.1080/20008066.2026.2634587
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Wie erleben Therapeut:innen dissoziative Zustände ihrer Patient:innen?
Eine aktuelle qualitative Studie untersuchte, wie Fachpersonen reagieren, wenn Patient:innen während einer Sitzung traumatische Dissoziation zeigen. Dafür wurden 23 Psychiater:innen, Psycholog:innen und Assistenzärzt:innen zu ihren Erfahrungen befragt.
Die Auswertung identifizierte drei zentrale Themen:
Reaktionen der Fachpersonen auf Dissoziation
Therapeut:innen reagieren gemäss der Studie mit unmittelbaren Stabilisierungsmassnahmen. Sie versuchen, Patient:innen durch Orientierung im Hier-und-Jetzt, sensorische Übungen oder körperbezogene Strategien zu reorientieren. Gleichzeitig spielt eine ruhige, präsente therapeutische Haltung eine zentrale Rolle. Einige Fachpersonen berichten jedoch auch von Unsicherheit oder emotionaler Distanz – insbesondere dann, wenn wenig Erfahrung mit dissoziativen Symptomen vorhanden ist.
Emotionale und dissoziative Reaktionen der Therapeut:innen
Viele Therapeut:innen berichten von intensiven Emotionen wie Angst, Wut, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen oder Verwirrung. Teilweise erleben Fachpersonen selbst vorübergehende dissoziative Zustände oder eine Form emotionaler „Ansteckung“. Diese Resonanz kann belastend sein, kann aber – wenn sie erkannt und reflektiert wird – auch zu einem tieferen Verständnis der Patient:innen beitragen.
Kontextfaktoren und Auswirkungen auf Fachpersonen
Die Studie zeigt einen deutlichen Mangel an Ausbildung zum Thema Dissoziation. Viele Therapeut:innen berichten, dass sie den Umgang mit dissoziativen Zuständen erst im klinischen Alltag erlernen. Weiterbildung, Supervision, Austausch im Team und Selbstfürsorge werden als wichtige Schutzfaktoren genannt, um Überforderung und Isolation zu vermeiden.
Fazit
Dissoziation beeinflusst nicht nur Patient:innen, sondern auch die therapeutische Beziehung und das Erleben der Behandelnden. Die Autor:innen plädieren daher für mehr Ausbildung zu dissoziativen Symptomen, stärkere Supervisionsstrukturen sowie ein bewussteres Arbeiten mit körper- und emotionsbezogenen Interventionen.
Kommentar: Wenn Dissoziation Therapeut:innen überfordert
Die Studie von Mezard und Kolleg:innen zeigt eindrücklich, dass dissoziative Symptome nicht nur Patient:innen betreffen, sondern auch starke Reaktionen bei Therapeut:innen auslösen können. Fachpersonen berichten von Angst, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen oder Frustration. Einige beschreiben auch Zustände innerer Distanz, Verwirrung oder Erstarrung, wenn Patient:innen dissoziieren. Solche Reaktionen können das Vertrauen in die eigene therapeutische Kompetenz erschüttern und das Verhalten gegenüber Patient:innen beeinflussen – mit der Gefahr von Retraumatisierungen. Sie könnten auch dazu beitragen, dass manche Fachpersonen die Arbeit mit Betroffenen meiden oder dissoziative Störungen grundsätzlich infrage stellen.
Damit bestätigt die Studie, was viele Menschen mit dissoziativen Störungen über frühere Therapieerfahrungen berichten: Wenn Dissoziation nicht erkannt oder verstanden wird, reagieren manche Therapeut:innen mit Distanz, Unsicherheit oder Abwehr. Für Betroffene kann dies als Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit oder als Ablehnung erlebt werden.
Die Ergebnisse unterstreichen daher die Bedeutung spezifischer Ausbildung zu dissoziativen Störungen sowie von Supervision und kollegialem Austausch. Ein besseres Verständnis kann dazu beitragen, dissoziative Zustände nicht als irritierende Störung der Therapie zu betrachten, sondern als wichtigen klinischen Hinweis auf traumabezogene – und behandelbare – Symptome.
Traumatic dissociation is defined as a disruption or disturbance in the integration of various cognitive functions in response to a traumatic event and has been the subject of extensive research in...