15/10/2025
Rezension meines "Schnellkurs Tarot" von Annegret Zimmer aus: „Tarot Heute“, Januar 2007, www. tarotverband. de
"Es war einmal eine Zeit, da galt das Kartenlegen als eine Fähigkeit, die von Generation zu Generation vererbt wurde, und nur der war ein echter Kartenleger, der auf eine lückenlose Folge von Vorfahren verweisen konnte, die diese Gabe besessen und ihre Geheimnisse unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiter gegeben hatten. Tarot ist heute weitgehend von solchen Vorstellungen entzaubert, und die Ansicht, dass man die Kartenschau erlernen kann wie eine Sprache, hat sich allgemein ausgebreitet. Vielerorts werden daher Tarotkurse angeboten, die Interessierte in die Kunst des Kartenlegens einweihen und sie befähigen sollen, die Karten für sich und auch für andere zu deuten. Wer aus räumlichen, zeitlichen oder finanziellen Gründen die Möglichkeit nicht hat, an einem solchen Kurs teilzunehmen, kann auf Bücher wie „Schnellkurs Tarot“ von Oliver Klatt zurückgreifen.
Als Schnellkurs entspricht das Buch der modernen Anforderung, Information effektiv und ohne zuviel schmückendes Beiwerk zu vermitteln. Es ist straff geschrieben, liest sich dabei gut und zügig und beinhaltet in systematischer Weise alle wichtigen Wissensbereiche, die man beim ersten Kontakt mit Tarot benötigt. Beginnend mit der Tarotgeschichte, führt es den Leser über den Aufbau des Spiels und die Bedeutung der Karten bis hin zur Vorgehensweise beim Deuten. Es folgen vier Legesysteme inklusive einer Beispieldeutung, die zugleich einen gut nachvollziehbaren Eindruck in die Praxis der Tarotberatung gibt. Das Buch bezieht sich auf den Rider Waite Tarot, wobei der Autor die Verwurzelung dieses Decks im Gedankengut des Golden Dawn hervorhebt und kabbalistische Hintergründe darlegt. Zwei Kapitel über die Kabbala schließen daher das Buch ab. Dem Crowley Tarot steht der Autor skeptisch gegenüber, denn angesichts Crowleys umstrittener Persönlichkeit stellt sich für ihn die Frage, mit welchen Energien diese Karten geladen sind. Er bezweifelt sogar, dass es ratsam sein, sie zur Divination zu verwenden, solange man selbst kein Anhänger Crowleys ist.
Interessant ist die Art, wie Oliver Klatt Tarot in verschiedene Ebenen einteilt. Während die Kleinen Arkana für ihn immer objektive Krafteinflüsse und somit tatsächliche Aspekte der Situation ausdrücken, wird durch die Großen Arkana das subjektive Erleben der Situation durch den Ratsuchenden charakterisiert. Damit ergibt sich für beide Kartenreihen eine unterschiedliche Perspektive beim Deuten: die Großen Arkana dienen vor allem der Selbsterkenntnis und der Verdeutlichung, wo man sich auf dem Weg der individuellen Entwicklung hinsichtlich des hinterfragten Themas befindet, während die Kleinen Arkana ganz praktisch zeigen, womit man es im tatsächlichen Leben zu tun hat. Die von Oliver Klatt vermittelte Tarotarbeit erweist sich durch diese Herangehensweise als vorwiegend situationsbezogen und weniger auf Zukunftsschau ausgerichtet.
Bei der Vorstellung der einzelnen Karten werden drei Ebenen unterschieden: Große Arkana, Zahlen- und Hofkarten. Nach einem einführenden Teil zur jeweiligen Ebene gibt es kurze Erläuterungen zu jeder Karte, die aus einem Motto, einer Folge von Schlüsselworten sowie einer kurzen Kartenbeschreibung bestehen. Der Autor hält diese Erläuterungen bewusst knapp, weil er lediglich Anstöße liefern und Raum für eine eigene Interpretation durch den Lernenden lassen möchte. Ob die hier gegebenen Informationen zu den Karten ausreichend sind, hängt von den individuellen Ansprüchen des Lernenden ab. Wer Wert darauf legt, seinen Weg möglichst von Anfang an selbst zu finden, ist hier gut aufgehoben. Wer hingegen intensivere Handreichung erwartet, wird wahrscheinlich früher oder später auf andere Tarotbücher zurückgreifen.
Bei der Behandlung der Zahlenkarten wird darauf hingewiesen, dass jede Karte eine gewisse Zahlenqualität beinhaltet. In Abhängigkeit von den Eigenheiten der Farbreihe kann diese Qualität sich entweder gut entfalten oder eher gehemmt sein. Klatt vergleicht das mit der Aspektierung in der Astrologie, was er auch mit Beispielen untermauert. Es ist schade, dass er nicht konkret auf die Bedeutungsinhalte aller Zahlen von 1 bis 10 eingeht, wie sie im Rider Waite Tarot auftreten. Da sich diese ja nicht nur aus der bekannten abendländischen Numerologie sondern auch aus dem weniger verbreiteten System des kabbalistischen Lebensbaums ableiten, wäre eine wenigstens tabellarische Nennung der Zahlenqualitäten wünschenswert gewesen.
Einen ungewohnten Blickwinkel eröffnet das Buch auf die Deutung der Hofkarten. Charaktereigenschaften oder gar Personen, die in die Situation des Fragenden involviert sind, werden bewusst ausgeklammert, da diese in den Augen des Autors eine Trivialisierung der Hofkarten darstellen und sie gar nicht selten dem Wunschdenken des Fragenden überlassen. Der Autor erläutert stattdessen die bereits vom Golden Dawn hergestellte Beziehung der Hofkarten zu den kabbalistischen vier Schöpfungswelten. Im Kapitel über die Kabbala findet man dazu eine Beschreibung der Vier-Welten-Lehre als allumfassende Darstellung kreativer Abläufe vom Schöpfungswillen (Aziluth) über die Definition der Idee (Beriah), den konkreten Plan (Jezirah) bis hin zum tatsächlichen Schöpfungsvorgang (Assia). Durch die Zuordnung der Hofkarten zu diesen vier Welten, entsteht allerdings ein auf den ersten Blick etwas problematisches Bild: Die Hierarchie der Hofkarten kehrt sich um, und der Page (Erde, Assia, Schöpfungsakt) scheint plötzlich einen höheren Entwicklungsstand erreicht zu haben als der König (Feuer, Aziluth, reiner Wille). Diese Umkehrung ist gewöhnungsbedürftig, denn sie entspricht nicht unserer traditionellen Sicht der Rangfolge an einem Königs- oder Fürstenhof. Der scheinbare Widerspruch klärt sich jedoch auf, wenn man weiß, dass die Vier-Welten-Lehre in erster Linie eine Emanationslehre, d. h. eine mystische Vorstellung ist, wie das göttliche Wesen stufenweise – durch die Passage verschiedener Stadien oder Welten – in die Materie einfließt. In diesem System kommt daher der göttlichen Absicht, also dem Prinzip Aziluth, und nicht der in so vielen Aspekten unvollkommenen materiellen Manifestation in Assia der höchste Rang zu. Eine solche Betrachtungsweise von Wachstums- oder Schöpfungsvorgängen ist in unserer auf den Enderfolg ausgerichteten Welt m. E. leider nicht ohne Erklärung verständlich und bedarf daher genauerer Erläuterung. Wenn man jedoch die kabbalistischen Hintergründe kennt, erscheint Oliver Klatts Entsprechungssystem der Hofkarten überaus bemerkenswert und hat es verdient, einmal ausprobiert zu werden.
„Schnellkurs Tarot“ ist ein guter Leitfaden zum Erlernen des Tarot. Wie jedes interessante Lehrbuch macht er Lust auf mehr und liefert durch Literaturverzeichnis und Glossar Anhaltspunkte zum fortführenden Studium der Karten. Insbesondere lädt das Buch ein, sich mit den geheimnisvollen kabbalistischen Hintergründen des Tarot näher zu befassen. Auch für Tarotkenner bietet es durch die systematische Betrachtung der verschiedenen Ebenen des Tarot interessante neue Gesichtspunkte. Nicht umsonst kündigt der Autor im Untertitel „Hilfreiches, Interessantes und Neues“ an."