18/11/2025
Ich habe meine Großmutter Elfriede nie kennen gelernt. Sie ist im Januar 1945 ums Leben gekommen. Irgendwo in Ostpreußen, in den Wirren am Ende des 2. Weltkriegs. Aber meine Mutter hat mir immer wieder von ihr erzählt: von ihrer „Mutti“ – meiner Oma Elfriede. Wie sie zum Beispiel ihre Kinder im Winter nicht vor die Tür lassen wollte, weil draußen klirrende Kälte mit über 20 Grad Frost geherrscht haben. Und dass sie für jedes ihrer Kinder zu Weihnachten immer etwas Kleines, Besonderes in den bunten Teller gelegt hat.
In diesen Sommer ist auch meine Mutter gestorben - und mit ihr ein zweites Mal auch meine Oma Elfriede – so kommt es mir jedenfalls vor: Ihr Bild, das meine Mutter noch lebendig vor Augen hatte, verblasst jetzt mehr und mehr. Und nach mir wird es wohl ganz verschwunden sein - versunken im Meer vergangener Zeiten.
Mich beschäftigt das sehr. Denn meine Mutter hat mir zwar immer schöne Dinge erzählt von damals. Aber da war auch immer ein tiefer Schmerz, den ich ihr abspüren konnte. Und der hat sie begleitet bis kurz vor ihrem Tod. Darüber, dass meine Oma im Krieg ums Leben gekommen ist - wahrscheinlich gewaltsam, in den Wirren der Flucht aus Ostpreußen – und niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Darüber, dass auch ihr Vater nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist – wie so viele Männer. Dass sie ihre Heimat verloren hat, und die Familie zerstört war – wie so viele Familien damals - und heute wieder.
Darf das sein, dass dieser Schmerz meiner Mutter nun auch gestorben ist? Und die Erinnerung an meine Großmutter und an all das Unrecht, das ihre Familie getroffen hat – mehr und mehr verblasst und bald ganz vergessen sein wird?
Ich finde, das darf nicht sein, und ich wehre mich gegen das Vergessen – wie gestern am Volkstrauertag, als ich zur Gedenkveranstaltung für die Opfer von Krieg und Gewalt gegangen bin.
Noch wichtiger für mich ist aber der Sonntag, der jetzt kommt: Der Ewigkeitssonntag, oder auch Totensonntag genannt. Ich will es hören, wenn sie im Gottesdienst den Namen meiner Mutter vorlesen und vor Gott stellen. Ich will es hören, dass unsere Toten und ihre Geschichten vor Gott nicht verblassen. Dass sie bei ihm aufgehoben sind. Ich will Gottes großes Versprechen hören und es glauben, wenn er verspricht:
„Ich werde dich nicht vergessen. Siehe in meine Hände habe ich dich eingezeichnet.“ (Jes. 49.15)
/ Barbara Wurz mit „Im Meer der Zeit“ in den SWR1 Anstößen BW