10/10/2020
Was macht eine glückliche Beziehung aus?
Gibt es Umstände, die wir positiv bewerten und solche, die wir besser meiden sollten?
Ich habe schon öfters über die Probleme innerhalb von Paarberziehungen und/oder Familien berichtet. Nun könnte man glauben, eine Partnerschaft sei immer problematisch und würde im Laufe der Zeit vielleicht von den Partnern als belastend empfunden. Nicht zu Letzt zeigen steigende Scheidungszahlen an, dass es schlecht bestellt ist um die große Liebe, die das ganze Leben lang halten soll. Wie bereits erwähnt habe ich viele Artikel über die üblichen und weniger bekannten Störgrößen einer Ehe bzw. Partnerschaft geschrieben. Patchwokfamilien, bikulturelle Partnerschaften, narzisstische Partner, Eifersuchtsprobleme, Untreue, differente Wertesysteme, schlechte Kommunikation, häufiges Streiten, Übergriffe, unerfüllter Kinder-wunsch, Familienplanung, Erziehungsprobleme, Alkohol- und Drogenprobleme, Spielsucht, Internetsucht, S*xuelle Funktionsstörungen, Bindungsstörungen, AD(H)S in der Partnerschaft oder Familie, Überschuldung, betriebliches Mobbing, Wunsch nach Trennung oder Auszeit, usw. wir könnten die Liste der häufigsten Probleme in meiner Praxis noch beliebig erweitern.
Richten wir aber mal den Blick weg von den Problemen und hin zu den Ressourcen. Was macht eine Beziehung nun stabil und lebenswert? Was können Paare tun, um nicht in die üblichen Fallen zu tappen, die ein Zusammenleben vielleicht unmöglich machen. Vielleicht ist das Zusammenleben noch nicht unmöglich geworden, sondern verlangt „nur“ recht viel Energie von den beiden Menschen ab.
Das erste, was den meisten Befragten einfällt ist die Liebe. Völlig richtig, ohne Liebe wird es keine ausgewogene Partnerschaft. Es gibt Paare, die von Anfang sich nicht geliebt haben. Ich hatte solche Paare schon in meiner Praxis. Beide waren schon in der Kindheit einander von den Eltern versprochen worden. Sie haben geheiratet und bekamen auftragsgemäß auch ihre Kinder. Jedoch geliebt hat sich das Paar nie. In einer fremden Kultur brach dann der Packt auf und das Paar stand vor dem Aus.
Ferner ist eine gute S*xualität nicht unwichtig. Auch wenn viele glauben, „S*xualität sei nicht so wichtig“, so gehen doch viele Beziehungen auseinander, weil der S*x als unbefriedigend oder gestört wahrgenommen wird. Nicht zuletzt sind es sexuell motivierte Affären, die für eine Beziehung das aus bedeuten können. Ich lege Wert darauf, dass ein erklärtes Ziel der Ratsuchenden u.a. eine echte erotische S*xualität sei. Was das ist und wie ich dabei helfen kann, erkläre ich in meinen Sprechzeiten und in meinen Seminaren. S*xualität ist immer noch für viele Menschen ein heikles Thema. Darüber zu sprechen ist oft mit großem Scham verbunden. In einer sexuellen (erotischen) Beziehung ist es jedoch von größter Bedeutung sich über seine Vorlieben oder sein Vermeidungsverhalten zu committen. Wie soll der Partner wissen was mir gefällt und was nicht? Wichtig sind auch in diesem Zusammenhang die sexuellen Phantasien. Ich muss mir diese Phantasien als Treibstoff in meinem Gehirn eingestehen. Vielleicht sollte ich diesen Treibstoff auch hegen und pflegen. S*xuelle Phantasien entstehen nun einmal durch äußere (extrinsische) Reiz, die in meinem Gehirn verarbeitet werden.
Bestes Beispiel ist der erotische Traum, den jeder schon einmal erlebt hat. Hier werden echte Erlebnisse mit Phantasien vermischt und zu einem erotischen Traum verarbeitet. In der S*xualtherapie wird heute regelmäßig über erotische Phantasien gesprochen. Neben funktionelle Störungen, die in die Hände von Fachärzten gehören, spielen auch kindliche Traumata eine entscheidende Rolle. Kinder neigen zu Abspaltungen, wenn das erlebte als zu belastend empfunden wurde. Später können diese Abspaltungen sich wieder einen Weg in das Bewusstsein suchen. Die abgespaltenen (negativen) Gefühle von damals, werden heute erneut empfunden und stören das aktuelle Erleben. Hier können starke negative Gefühle vorherrschen, die eine befriedigende S*xualität hemmen. Im Falle einer solchen Thematik empfehlen wir die parallele Therapie in einer psychotherapeutischen Praxis.
Über die Kommunikation habe ich schon viel geschrieben. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass das Paar in allen erdenklichen Lagen, miteinander kommunizieren kann. So sollte es vermieden werden zu streiten. Die Annahme Streit sei ein wichtiges Element einer Liebesbeziehung ist völlig Unsinn. Streit ist ein Notfallsystem. Oder ist der Streit am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Verein, im Geschäft im Restaurant, also überall dort, wo Menschen miteinander umgehen normal?
Mit Nichten. Streit ist ein Notfallprogramm, das wir wählen, wenn wir nicht mehr miteinander reden können und zwar nicht mehr über unsere negativen Gefühle sprechen können. Ich kenne kein Paar, dass über die eigenen negativen Gefühle, wie Angst, Wut, Zorn, Verzweiflung, Trauer, Eifersucht, Hass, Misstrauen, Kontrollbedürfnis, Minderwertigkeit… immer konstruktiv miteinander reden können.
In meiner Sprechstunde und in meinen Seminaren lernen die Paare ohne Stress und Streit wieder miteinander zu kommunizieren.
Der Freizeit kommt heute eine sehr wichtige Bedeutung zu. Die Beziehungen in den 50 – 60ff.Jahren hatten andere Sorgen. Die Freizeit wurde selten miteinander verbracht. Im Vordergrund stand die Familie und das Schaffen von Werten, Das typische Wertsystem war das eigene Haus. Das Eigenheim. Alles wurde dem Eigenheim untergeordnet. Vater musste, wenn er nicht noch einem Nebenjob oder Überstunden nachging auf die Baustelle des Eigenheims, um möglichst viel Muskelhypothek zu leisten. War die Familie endlich eingezogen, wurde der Garten erstellt oder der Wohnraum im Dachgeschoß ausgebaut, denn bei der ganzen Schufterei waren die Kinder größer geworden und kamen nun in die Pubertät. Nach einer gewissen Verschnaufpause gönnte sich die Familie dann endlich einen ersten wohlverdienten Urlaub.
Die Freizeit, wenn denn eine solche zur Verfügung stand, verbrachte Mann und Frau meist getrennt. Er ging zum Fußballplatz und sie besuchte ihre Eltern oder erledigte liegengebliebene Hausarbeiten. Abend setzte man sich vor den Fernseher und lies sich unterhalten.
Heute sind viele Paare wesentlich aktiver. Immer neue Sportarten und Reiseziele locken die Paare vom Sofa herunter. Im Partner wird oft auch der Freizeit-Partner gesehen, mit dem man die kostbare Zeit neben der Arbeit aktiv verbringen möchte. Viele Paare investieren eine Menge Geld in ihre Freizeit. Nicht selten fahren beide Motorräder oder gehen Hobbys wie dem Tauchen, Segeln, Golfen oder dem Tennis nach. Auch wenn die Freizeit nicht gemeinsam bestritten wird, sind die Kosten und die anfallenden Zeiten beträchtlich. In der aktiven Freizeitgestaltung, besonders wenn sie gemeinsam erlebt wird, sehen wir große Ressourcen für die Beziehungen. Es ist keine Garantie für eine glückliche Partnerschaft. Jedoch leben Paare mit einer aktiven (gemeinsamen) Freizeit glücklicher und zufriedener.
Wir sehen uns nicht mehr nur in der Rolle als Vater / Mutter, sondern als Wettstreiter, Als Buddy oder als Teampartner. Die Gespräche der aktiven Paare drehen sich nicht mehr nur noch um den Job, die schulischen Probleme der Kinder und um die Nachbarschaft, sondern um gemeinsame Hobbys bzw. Leidenschaften. Viele Hobbys, wie das gemeinsame Kochen, das Tanzen oder die Musik und die Kultur sind zusätzlich von einer gewissen Sinnlichkeit geprägt, die wieder in den anderen Bereichen, die ich zuvor beschrieben habe sich widerspiegeln.
Das Wertesystem ist von entscheidender Bedeutung. Zu Beginn einer Beziehung wird es tunlichst vermieden über die beiden unterschiedlichen Anteile des jeweiligen Wertsystems zu diskutieren. Die Natur hat es so eingerichtet, das wir glauben, wir hätten im Partner einen Seelenverwandten gefunden. Jemand, mit dem wir über alles reden könnten, der uns versteht und der auch so tickt, wie wir selbst. Was ist nach ein paar Jahren der Beziehung von diesen „himmlischen“ Gefühlen noch übrig? Wo ist der Partner, mit dem man über alles reden konnte hin? Der Grund dafür sind die „versteckten“ Wertesysteme. Niemand benennt zum Beginn einer Beziehung, in der ersten Kennenlernphase seine besonderen „Macken“. Teile eines Wertesystems, von dem wir ausgehen können, dass eine neue Partnerin / ein neuer Partner diese nicht für sonderlich toll bewertet. So könnte ich doch sagen, übrigens ich bin öfters misstrauisch und gelegentlich eifersüchtig. Am liebsten liege ich auf dem Sofa und esse Chips. Freundschaften pflege ich nicht sonderlich und meine Kinder aus erster Ehe gehen mir über alles. Meine Partnerin möchte ich gerne dominieren und Besuche im Sw***er Club sind schon sehr reizvoll für mich. Ach ja, in früheren Beziehungen war ich meist oft nicht treu und wenn auf einer Party Haschisch die Runde macht bin ich dabei.
Jede neue Beziehung würde schon in den Anfängen erstarren und der Flirt wäre beendet, noch bevor er begonnen hat.
Stattdessen zeigen wir uns von unserer Schokoladenseite. Zum Teil wird auch gefakt, was das Zeug hält. Nicht nur das Alter oder die Berufsausbildung wird geschönt, auch frühe Beziehungen und deren Verlauf werden verändert, nur um den Anschein zu wahren, man sei kompetent und beziehungsfähig.
Wichtig ist auch die Betrachtung der Herkunftsfamilie. Meine eigene Herkunftsfamilie, aber auch die meiner Partnerin /Partner gilt es zu betrachten. Die Geschwisterkonstellation gibt eine Menge Auskünfte über meinen Partner / Partnerin. Bin ich vielleicht ein Einzelkind, ein Erstgeborener, ein Sandwichkind (in der Mitte der Reihenfolge geboren) oder ein Nesthäkchen (das letztgeborene Kind) in der Geschwisterreihenfolge? Von entscheidender Bedeutung ist auch die Geschlechterverteilung in der Geschwister Schaft und die zeitlichen Abstände der Geburten. Gab es Fehlgeburten bzw. Totgeburten oder Abtreibungen?
Existieren Halbgeschwister oder waren wir eine Patchworkfamilie?
Bin ich bei meinen Großeltern aufgewachsen oder in einer Pflegefamilie. Vielleicht bin ich oder mein Partner adoptiert worden? Aus welchen gesellschaftlichen Schichten kamen die Familien meiner Eltern? Welche Überzeugungen (Glaubenssätze) wurden in den Familien vertreten? Die Fragen könnten wir noch vervielfältigen. Eine gute Übersicht gibt ein Genogramm wieder, das in keiner Familien- oder Paarberatung fehlen sollte. Ich erstelle mit den Klienten immer genaue Geno-Sozio-Gramme, um versteckte Informationen in den Familiensystemen sichtbar und verwertbar zu machen.
Zu guter Letzt möchte ich noch auf die verschiedenen Bindungstypen nach John Bowlby hinweisen. Jeder Mensch ist von einer bestimmten Bindung zu seiner primären Bezugsperson, meist die geprägt. Es gibt nach dem englischen Psychologen John Bowlby eine Art der sicheren Bindung und drei Arten von unsicherer Bindung. Welche Bindungstypen meine Klienten sind, finde ich durch entsprechende Befragungen und Selbst-Explorationen der Klienten heraus. Von entscheidender Bedeutung ist die Bindung, die ich bereits in der Kleinkindphase erlebt habe. Sie hat mein gesamtes Leben begleitet. John Bowlby sagte über seine Arbeit: „was der Mutter nicht mitgeteilt werden kann, kann nicht an das selbst weitergeben werden“.
Es bleibt ein spanender Prozess, den wir alle durchleben dürfen. Bitte verzweifeln sie nicht. Sie müssen diesen Prozess nicht alleine bewältigen. Ich helfe Ihnen dabei.
Ihr Georg Krause