19/02/2025
Interview
Eine Ärztin stemmt sich gegen das System
Dr. Laura Dalhaus gewinnt derzeit stetig mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Sie prangert über verschiedene Kanäle den Umgang der Politik mit den Niedergelassenen an. Was treibt die Allgemeinmedizinerin an? Der änd hat mit ihr über ihre Situation und ihre Pläne gesprochen.
Sie sind seit 2019 als Allgemeinmedizinerin niedergelassen und prangern in den sozialen Medien das Gesundheitssystem, auch aus eigener Erfahrung an. Auch hier im änd berichteten Sie schon davon. Was hat sich in letzter Zeit getan?
Wenig, muss man sagen. Im Gegenteil. KI führt auf Seiten der Krankenkassen dazu, dass diese relativ automatisiert nach Fehlern von uns suchen. Und diese Fehler sind oft formale Fehler. Also zum Beispiel, wenn wir Verschlüsselungen vergessen haben. In Nordrhein gab es beispielsweise kürzlich einen drohenden Pregabalin-Regress durch die AOK. Da wird geguckt, ob der Arzt, der Pregabalin rezeptiert hat, auch wirklich neuropathische Schmerzen verschlüsselt hat. Und wenn nicht, kommt der Regress. In dem Fall konnte der Regress abgewendet werden, aber da sieht man mal die Herangehensweise der Kassen. Und das hat für mich überhaupt nichts mit Versorgungsqualität zu tun, sondern da geht es ums Geldeintreiben, und zwar auf unsere Kosten. Und das prangere ich an.
Sie haben in letzter Zeit auch die Erfahrung mit einem Regress durch die AOK gemacht. Können Sie schildern, was passiert ist?
Es ist so: Die Stiko, die Ständige Impfkommission, hat schon im Frühjahr 2023 die Ablösung des Pneumokokken-Impfstoffs Pneumovax® durch Apexxnar® empfohlen. Dann hat das alles ein bisschen gedauert – und schließlich hat der Gemeinsame Bundesausschuss am 16. November entschieden, dass wir Apexxnar zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnen können und Apexxnar Pneumovax ablösen soll, weil es der bessere Impfstoff ist. Dann haben wir, und das ist ein formaler Fehler, einen Tag später schon Apexxnar auf Sprechstundenbedarf bestellt. Im November ist Infekthochsaison und zu dem Zeitpunkt rief der Minister Lauterbach zum Impfen auf. Und bitte auch gegen Lungenentzündung. Da stehen die Leute dann Schlange. Wir haben das Apexxnar also bestellt, nicht wissend, dass wir warten müssen, bis diese Entscheidung des GBA im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wird. Die Bürokratie geht aber noch weiter: Die 17 Landes-KVen müssen das noch in eine Impfstoffverordnung gießen, bis wir den Impfstoff rezeptieren dürfen. Da war uns dieser bürokratische Formalismus nicht klar.
Was ärgert Sie besonders?
Wir haben ja in einer Infektwelle den AOK-Versicherten, also unseren Patienten, einen besser verfügbaren Impfstoff zur Verfügung gestellt und die AOK sagt uns: „Das ist uns egal. Hier wurde gegen Formalia verstoßen und wir möchten das Geld zurück.“
Was mich auch ärgert: Wenn man jetzt die Politik fragt, warum sie neben der Entbudgetierung im Versorgungsstärkungsgesetz nicht auch gleich die Verbesserungen bei den Regressen umgesetzt hat, dann kommt sowas Lapidares wie: „Dafür war keine Zeit.“ Das ist doch Quatsch! Da haben die Kassen Lobbyarbeit betrieben und wir werden jetzt mit Regressen überschüttet! Das sehe ich nicht mehr ein! Ich trage das jetzt in die Öffentlichkeit. Wenn die Kassen dabeibleiben, dass wir für formale Fehler bestraft werden, dann ist der eine formale Fehler offensichtlich wichtiger als eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung ihrer Versicherten.
Kriegen Sie denn mehr Regresse in letzter Zeit?
Ja! Die Kassen schicken die nicht alles auf einmal, die sind ja nicht blöd. Aber wir haben jetzt das Thema Impfung, dann gibt das Thema Entresto und es gab das Thema Pregabalin. Das kommt immer wellenförmig. Bezüglich unseres Regresses hat KV mit der AOK Kontakt aufgenommen, die haben aber keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Auch der Hausärzteverband hat es noch mal versucht, und da wurde ebenfalls keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Und das in einer Situation, in der jeder weiß, dass die medizinische Versorgung in diesem Land ausnahmslos sowieso nur noch auf Kosten der Akteure geht – da schließe ich die Pflege mit ein! Es geht auf Kosten der Ärztinnen und Ärzte, auf Kosten der jungen Ärztinnen und Ärzte, die alle ausgebrannt sind, weil sie drei bis vier 24-Stunden-Dienste in einer Woche machen, auf Kosten der Pflege! Wir haben einen Exodus der Healthcare Professionals und alle, die für Formalia und Bürokratie verantwortlich sind, legen die Hände in den Schoß und sagen: „Ich halte mich nur an Richtlinien.“
Das war für Sie der Punkt, an dem Sie sich entschieden haben, in den sozialen Medien noch aktiver zu werden?
Ja, genau! Ich nehme die Öffentlichkeit jetzt mit. Ich bekomme auch viele private Nachfragen, ob ich denn nicht mit Verleumdungsklagen rechne und ob ich mir schon einen Anwalt genommen habe. Aber ich verleumde ja nicht, sondern ich prangere die Fakten an! Die bisher nie in der Öffentlichkeit gelandet sind, weil dieses ganze System so komplex ist und jeder immer gesagt hat: „Das versteht die Öffentlichkeit sowieso nicht. Das ist zu kompliziert!“ Und ich bringe diese Rahmenbedingungen, unter denen ich arbeite, an die Öffentlichkeit und ich sage: Wenn sich jetzt alle auf Formalismus zurückziehen, dann ziehe ich mich auch auf meinen Formalismus zurück. Ich bin nicht mehr bereit, diese Rahmenbedingungen zu verteidigen.
Welche Pläne haben Sie konkret? Sie haben unter anderem kürzlich einen Podcast gestartet?
Ja, genau, ich baue unter anderem durch den Podcast die Öffentlichkeitsarbeit aus. Viele Follower sind ja auch eine Art Öffentlichkeit. Ich kommuniziere auch öffentlich, dass ich für die AOK keine DMP’s mehr mache, wenn die AOK bei ihrem Regress bleibt. Ich werde meine Patienten im Wartezimmer darüber informieren, welche Kasse uns welchen Regress beschert. Ich rufe die Patienten nicht dazu auf, irgendwelche Kassen zu wechseln. Aber ich informiere sie, welche Krankenkassen welche Probleme machen, und dann muss man eben schauen, welche Konsequenzen die Patienten daraus ziehen.
Treffen Sie denn auf Verständnis von Ihren Patienten und Patienten?
Enormes Verständnis! Alle sagen: „Endlich spricht es mal jemand aus!“ Sie finden es total gut, sie unterstützen das. Sie haben nur Sorge, dass ich der medizinischen Versorgung irgendwann nicht mehr erhalten bleibe und was anderes mache, als mich um meine Patienten zu kümmern.
Haben Sie denn darüber schon mal nachgedacht?
Also unter den aktuellen Bedingungen mache ich das nicht bis zur Rente. Das halte ich für ausgeschlossen, das sind nämlich noch 30 Jahre. Und definitiv mache ich nicht diese Schlagzahl, das mittags Durcharbeiten mit dem permanenten Gefühl, die Patienten nur noch zu verwalten. Insbesondere Pflegeheim-Patienten kann man ja so nur noch verwalten und keine gute Medizin mehr machen – bis der erste Fehler passiert, für den ich ja vollumfänglich verantwortlich bin. Unter diesen Bedingungen schaffe ich das jetzt mit Anfang 40. Aber das mache ich nicht mehr mit über 60, das ist so sicher das Amen in der Kirche.
Es besteht also ein Missverhältnis zwischen den Leistungsanforderungen, den eigenen Ressourcen und der Bürokratie?
Genau. Die Arbeitszeit ist einfach begrenzt, ich kann jede Minute nur einmal vergeben und man kann auch nicht mehr mit der Bedarfsplanung aus den Achtziger- und Neunzigerjahren um die Ecke kommen. Wir werden alle immer älter werden, und auch mit Krankheiten immer älter, und damit steigt der Bedarf an Arztzeit natürlich unglaublich an. Das deckt diese ganze Bedarfsplanung überhaupt nicht mehr ab. Und das Fass will natürlich auch keiner aufmachen. Weil dann dabei herauskommen würde, dass die KV längst nicht mehr den Versorgungsauftrag deckt.
Würden Sie den anderen Ärztinnen und Ärzten, ihren Kolleginnen und Kollegen raten, bei öffentlichen Missständen, wie zum Beispiel bei Regressen, auch stärker an die Öffentlichkeit zu gehen?
Unbedingt! Wir Mediziner sind ja ein Volk von unglaublich hierarchisch denkenden Menschen, wir haben ja alle ein unglaubliches Hörigkeitsdenken, wir sind ja so sozialisiert. Es gibt kaum einen Berufszweig, der noch so hierarchisch aufgebaut ist wie die Medizin. Das verstehe ich eigentlich nicht, denn ich bin als selbständige Ärztin niemandem verpflichtet. Ich muss gute Medizin machen und für meine Patienten da sein. Denen bin ich verpflichtet, das ist mein Anspruch. Aber dem kann ich nicht mehr gerecht werden und es ist nicht so, dass die Probleme neu sind. Die kennen wir seit Jahren und Jahrzehnten und die werden negiert. Solange das alles nur in Fachkreisen diskutiert wird, in geschlossenen vier Wänden, mit Krankenkassenvertretern und Politik, nicken alle fleißig und sagen: „Ja, wissen wir, das ist alles schwierig.“ Aber es passiert nichts. Der deutsche Ärztetag verabschiedet seit zehn Jahren diese Problematik – und es tut sich nichts. Wir waren letztes Jahr auf der Straße, das hat auch keinen interessiert. Und die örtliche Politik beruft sich eher darauf, dass die KV für die Sicherstellung verantwortlich ist. Ich habe gelernt, dass Politik nur auf öffentlichen Druck reagiert.
Das Gesundheitssystem scheint bei den kommenden Wahlen nicht auf der Agenda zu stehen. Was denken Sie darüber?
Ja, das ist das Schlimme und das regt mich auch so auf! Das fände ich auch gut, wenn darauf hingewiesen wird! Wir haben ja mit dem Thema Gesundheit einen klaren innenpolitischen Auftrag und der ist doch unabhängig von Trump oder Putin oder der EU oder sonst wem. Es besteht dringender Handlungsbedarf, aber wenn man ins Wahlprogramm schaut, dann stehen da nur zweieinhalb Sätze. Und dann man guckt sich das Kanzlerduell an und es kommt nur ein Satz zu dem Thema.
Der Stress in der Praxis und Ihr hohes Engagement in den sozialen Medien, bei Podcasts, Chats und Co. – haben Sie nicht Angst, dass Sie mit Ihrer Energie bald am Limit sind?
Ich habe für mich persönlich beschlossen, dass ich in diesem Jahr mit der Öffentlichkeitsarbeit noch einmal so richtig Gas geben will. Das auch neben meinen 45 Stunden Patientenkontakt pro Woche. Es geht so nicht mehr weiter! Wir haben ein echtes Qualitätsproblem und es muss etwas passieren. Ob bei mir die Bild-Zeitung anruft oder mich eine Kasse verklagt – ich kann damit umgehen. Womit ich nicht umgehen könnte, wäre das Gefühl, es nicht versucht und für Veränderung gekämpft zu haben.
18.02.2025 14:31, Autor: Dr. Ulrike Koock, © änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG
Quelle:
Dr. Laura Dalhaus gewinnt derzeit stetig mehr Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Sie prangert über verschiedene Kanäle den Umgang der Politik mit den Niedergelassenen an. Was treibt die Allgemeinmedizinerin an? Der änd hat mit ihr über ihre Situation und ihre Pläne gesprochen.