20/01/2026
„Wie ein Weber habe ich mein Leben zu Ende gewebt; du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.“ (Jes, 38,12)
Vor acht Tagen ist meine Welt stehengeblieben. Nie hätte ich geglaubt, dass ich bei einer 96jährigen einmal sagen würde „plötzlich und unerwartet“ bist du verstorben. Doch so war es. Am Morgen telefonierten wir noch lange, ich war ja am Abend zuvor erst aus Föhr zurückgekehrt und hatten uns viel zu erzählen, obwohl wir täglich telefoniert hatten. Du warst stark erkältet, übtest dich in Geduld, dass du nicht so schnell auf die Füße kommst, wie sonst. Ich solle aber nicht kommen, du kämst schon klar. Am Abend dann dein Notruf „Bitte mache Dich so schnell wie möglich auf den Weg“.
Du warst völlig klar. Übergibst mir noch ein paar wichtige Dinge und Infos. Ich bringe dich ins Bett. Es musste das frische Rotkehlchen-Nachthemd sein und das volle Programm im Bad inkl. deinem Rollgriff durch die Niveadose. Wenig später rufst du mich zu dir. Ich höre staunend zu, wie du dankbar dein Leben reflektierst. Du warst schon auf dem Weg und ich wagte nicht zu widersprechen …
Dein Sterben ist kraftvoll, wie eine Geburt. Heute fühlt es sich für mich an, als hättest Du Wehen veratmet. Bis dann der Durchschlupf da war und es ganz still wurde. Papa und Elisabeth standen bereit, da warst du ganz sicher.
Deinen Abschied haben wir so gestaltet, wie Du es Dir gewünscht hast. Im „Papst-Sarg“ standest du auf den Stufen, wie Du es mir im Jahresabschlussgottesdienst noch erklärt hast. Es gab ein Lichtermeer und einen Umtrunk mit Deinem geliebten „De geele Köm“. Alle waren da. Alle, die Dich lieben und vermissen werden. So voll war die Kirche lange nicht.
Du hast Dein wunderschönes, buntes Lebenstuch zu Ende gewebt und uns viele Fäden hinterlassen, mit denen wir unser Leben weiterweben werden.
Ach Mama, ich hab dich lieb und suche Dich. Im Morgenhimmel. In den Rotkehlchen. In deinem Schmuck, den Du mir an Weihnachten übergeben hast. In allem, was mir gerade von dir in die Hände fällt.
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