01/01/2026
Mundatmung – wie sie Körper, Kiefer und Psyche beeinflusst
Viele Menschen kommen in meine physiotherapeutische Praxis mit Nackenverspannungen, Kieferproblemen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder anhaltender Erschöpfung. Häufig haben sie bereits vieles ausprobiert: Training, Massagen, Medikamente oder Entspannungsverfahren. Die Beschwerden kommen dennoch immer wieder zurück.
Was dabei erstaunlich oft übersehen wird, ist ein grundlegender Faktor, der all diese Bereiche miteinander verbindet: die Atmung.
Genauer gesagt: die Mundatmung.
Aus ganzheitlich physiotherapeutischer Sicht ist sie kein nebensächliches Detail, sondern ein zentrales Signal des Körpers – mit weitreichenden Folgen für Haltung, Nervensystem, Kieferentwicklung und Regeneration.
Was ist Mundatmung – und warum ist sie problematisch?
Von Mundatmung spricht man, wenn die Luft überwiegend über den Mund statt über die Nase aufgenommen wird – tagsüber, nachts oder unbewusst in Ruhe.
Der entscheidende Punkt dabei ist:
Der Mund ist nicht für die Atmung gedacht, sondern ein Notausgang.
Kurzfristig ist Mundatmung sinnvoll, etwa bei starker körperlicher Belastung oder einer akut verstopften Nase. Wird sie jedoch zur Gewohnheit, verändert sie die gesamte Atemmechanik – und damit den ganzen Körper.
Warum ist die Nasenatmung für den Körper so wichtig?
Aus therapeutischer Sicht ist die Nasenatmung der physiologische Normalzustand. Die Nase übernimmt Funktionen, die der Mund nicht leisten kann:
- Filterung von Staub, Keimen und Schadstoffen
- Erwärmung und Befeuchtung der Atemluft
- Produktion von Stickstoffmonoxid (NO), das:
- die Durchblutung verbessert
- die Sauerstoffaufnahme in der Lunge erhöht
- gefäßerweiternd wirkt
Darüber hinaus wirkt die Nasenatmung regulierend auf das vegetative Nervensystem. Sie unterstützt Ruhe, Stabilität und Regeneration – alles Voraussetzungen für Heilung und Belastbarkeit.
Warum atmen so viele Menschen durch den Mund?
Eine der wichtigsten Botschaften aus meiner Praxis lautet:
Mundatmung ist fast nie selbstverschuldet.
Der Körper ist intelligent. Er passt sich an – immer.
Häufige Ursachen der Mundatmung:
- Einschränkungen der Nasenatmung
Allergien, häufige Infekte, trockene Schleimhäute oder anatomische Besonderheiten führen dazu, dass die Nase ihre Funktion nicht mehr vollständig erfüllen kann. Der Körper weicht aus – über den Mund.
- Stress und innere Anspannung
Stress verändert die Atmung unbewusst. Sie wird flacher, schneller und verlagert sich in den Brustkorb. Das Zwerchfell verliert an Beweglichkeit, der Mund öffnet sich reflexartig.
- Haltung und Spannungsketten
Eine nach vorne verlagerte Kopfhaltung, verspannte Nacken- und Kiefermuskulatur oder ein eingeschränkter Brustkorb reduzieren den Atemraum. Mundatmung wird zur Kompensation.
- Prägungen aus der Kindheit
Schnuller, Fremdsauger, offene Mundhaltung, weiche Kost und wenig Kaubelastung beeinflussen Atem- und Schluckmuster oft langfristig – bis ins Erwachsenenalter.
Mundatmung und Gesichts- & Kieferentwicklung – ein unterschätzter Zusammenhang
Aus ganzheitlich physiotherapeutischer Sicht ist dieser Punkt von enormer Bedeutung. Atmung beeinflusst nicht nur Muskeln und Nervensystem, sondern auch Wachstum, Form und Struktur – insbesondere im Gesichts- und Kieferbereich.
Bei physiologischer Nasenatmung:
- liegt die Zunge entspannt am Gaumen
- ist der Mund geschlossen
- befinden sich Lippen, Wangen und Zunge in einem natürlichen muskulären Gleichgewicht
Dieses Gleichgewicht ist entscheidend für die harmonische Entwicklung von Oberkiefer, Unterkiefer und Gesichtsschädel – vor allem im Kindesalter.
Bei chronischer Mundatmung verändert sich dieses System:
Die Zunge sinkt nach unten, der formende Druck auf den Oberkiefer fehlt, der Gaumen wird schmaler und höher, die Zahnstellung verändert sich.
Mundatmung, Schlaf und psychische Stabilität
Schlechter Schlaf wirkt sich direkt auf die Psyche aus:
- emotionale Labilität
- erhöhte Stressanfälligkeit
- depressive Verstimmungen
- Angstneigung
Aus meiner therapeutischen Erfahrung heraus verbessert sich bei vielen Menschen die mentale Stabilität, sobald sich das Atemmuster – insbesondere nachts – normalisiert.
Zusammenhang zwischen Mundatmung und Angstzuständen
Ein häufig übersehener Zusammenhang besteht zwischen Mundatmung und Angst.
Flache, schnelle Mundatmung ähnelt dem Atemmuster bei:
- Panik
- Stress
- Bedrohung
Der Körper interpretiert dieses Atemmuster als Gefahrensignal – selbst wenn objektiv keine Gefahr besteht. Das Nervensystem reagiert entsprechend.
Langfristig kann dies:
- Angstgefühle verstärken
- innere Unsicherheit fördern
- die Stressverarbeitung verschlechtern
Mundatmung bei Kindern – besonders kritisch
Gerade bei Kindern kann Mundatmung weitreichende Folgen haben, da sich Knochen, Muskeln und Nervensystem noch im Wachstum befinden.
Häufige Beobachtungen sind:
- schmaler Oberkiefer
- Zahnengstände
- offener Biss oder Kreuzbiss
- verlängerte Gesichtsform
In der Fachwelt wird dies unter anderem als „Long-Face-Syndrom“ beschrieben. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei nicht nur um ein ästhetisches Thema, sondern um eine funktionelle Problematik mit Auswirkungen auf:
- Atmung
- Haltung
- Schlucken
- Sprachentwicklung
Mentale Entwicklung bei Kindern und Mundatmung
Bei Kindern hat Mundatmung nicht nur körperliche, sondern auch neuropsychologische Auswirkungen.
Beobachtet werden unter anderem:
- verminderte Konzentrationsfähigkeit
- erhöhte Ablenkbarkeit
- emotionale Unruhe
- Lernschwierigkeiten
Diese Kinder werden nicht selten vorschnell als „unruhig“ oder „aufmerksamkeitsgestört“ eingeordnet, obwohl die Ursache funktionell – und damit behandelbar – sein kann.
Zusammenhang zwischen Mundatmung, Kiefer und CMD
Ein zentraler Punkt aus meiner täglichen Arbeit ist der enge Zusammenhang zwischen Mundatmung und der Kieferfunktion.
Durch Mundatmung verändert sich häufig die Position des Unterkiefers. Er neigt dazu, leicht nach hinten zu verlagern. Gleichzeitig steigt die Spannung im Kiefer-, Nacken- und Schulterbereich.
Langfristig kann dies begünstigen:
- Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD)
- Kieferknacken oder -schmerzen
- Spannungskopfschmerzen
- chronische Nackenbeschwerden
In meinem CMD-E-Book: https://berewi.com/produkt/cmd-craniomandibulaere-dysfunktion-ganzheitliche-selbsthilfe-bei-kieferbeschwerden/?ref=40 und CMD Hardcover: https://amzn.to/4hy5Bdq finden Sie ausführliche Hintergrundinformationen und sorgfältig aufgebaute Übungen. Beide führen Sie Schritt für Schritt durch meinen ganzheitlichen Therapieansatz.
Mundatmung, Haltung und der gesamte Körper
Um bei Mundatmung ausreichend Luft zu bekommen, verlagert der Körper häufig den Kopf nach vorne und überstreckt den oberen Halsbereich. Diese Anpassung beeinflusst nicht nur den Nacken, sondern die gesamte Statik der Wirbelsäule.
Was im Gesicht beginnt, setzt sich häufig im Rücken, im Becken und in der allgemeinen Körperhaltung fort. Atmung, Haltung und Spannung sind funktionell untrennbar miteinander verbunden.
Woran erkennen Sie Mundatmung?
Typische Hinweise aus der Praxis sind:
- der Mund ist in Ruhe häufig geöffnet
- trockener Mund oder Hals am Morgen
- Schnarchen oder unruhiger Schlaf
- Spannung im Kiefer- oder Nackenbereich
- flache Atmung in Stresssituationen
Diese Hinweise ersetzen keine Diagnose, können jedoch helfen, bewusster hinzuschauen.
Was kann aus ganzheitlich physiotherapeutischer Sicht helfen?
Der wichtigste Schritt ist Bewusstsein.
Es geht nicht darum, die Mundatmung zu verbieten, sondern die Voraussetzungen für freie Nasenatmung zu verbessern.
Dazu gehören unter anderem:
- Entlastung von Kiefer und Nacken
- Verbesserung der Haltung
- Mobilisation des Brustkorbs
- Förderung der Zwerchfellbewegung
- sanfte Atemwahrnehmung
Oft sind es kleine Veränderungen, die große Prozesse in Gang setzen.
Fazit: Mundatmung ist ein Signal
Mundatmung zeigt, dass der Körper versucht, mit einer Belastung umzugehen. Sie ist kein Fehler, sondern eine Information.
Aus ganzheitlich physiotherapeutischer Sicht ist Atmung die Basis für:
- Bewegung
- Haltung
- Spannung
- Regeneration
Wenn sich die Atmung verändert, verändert sich häufig der gesamte Mensch.
Und genau dort beginnt nachhaltige Therapie – nicht an der Oberfläche, sondern von innen heraus.
Die Inhalte dieses Beitrags basieren unter anderem auf den Arbeiten von Moss, M. L. und Richter, B., & Kittel, A. . Weitere Quellen nenne ich Ihnen gerne auf Wunsch.