23/04/2026
Der Buckelwal in der Ostsee bewegt viele Menschen. Mich bewegt vor allem, was er in uns auslöst. 🤔
Ich habe lange überlegt, ob ich zu dem Buckelwal in der Ostsee überhaupt etwas schreiben soll. Das Thema war in den letzten Wochen ohnehin überall präsent.
Jetzt, wo er sich offenbar freigeschwommen hat und weiterzieht, möchte ich trotzdem noch etwas dazu sagen. Allerdings weniger über den Wal selbst als über das, was sich rund um ihn gezeigt hat.
Mich irritiert, wie schnell ein wildes Tier in unserer Öffentlichkeit zur Projektionsfläche wird.
Menschen geben ihm Namen.
Sie sprechen über ihn, als sei er ein tragischer Held.
Sie deuten sein Verhalten durch die Brille ihrer eigenen Gefühle.
In einem Interview sah ich eine Frau, die mit Tränen in den Augen sagte, dieser Wal sei „so ganz allein“ - und sie kenne dieses Gefühl sehr gut. 😥
Das hat mich berührt. Und gleichzeitig hat es mich nachdenklich gemacht.
Denn natürlich ist das zutiefst menschlich: Wir erkennen uns in anderen Lebewesen wieder.
Aber genau darin liegt auch eine Gefahr.
Wir schauen dann nicht mehr auf den Wal als Wal.
Wir schauen auf ihn als Spiegel unserer eigenen Sehnsucht, Einsamkeit, Angst oder Hoffnung.
Das Tier verschwindet hinter unserer Projektion. (In einer Naturtherapie könnte das äußerst aufschlussreich sein, aber darum geht es ja hier nicht)
Ich frage mich, ob das wirklich Naturverbundenheit ist.
Oder ob es oft eher eine Form von Selbstbezug ist, die wir mit Mitgefühl verwechseln.
Noch irritierender finde ich allerdings etwas anderes:
Ein einzelner Buckelwal löst landesweit Anteilnahme aus.
Während gleichzeitig tagtäglich unzählige Tiere in unseren Ställen und Schlachthöfen leiden und sterben, ohne dass dies auch nur annähernd vergleichbare Gefühle oder öffentliche Anteilnahme hervorruft.
Ein Wal wird zum Sympathieträger.
Ein Schwein zur Ware.
Diese Form der selektiven Empathie irritiert mich schon lange.
Offenbar gibt es Tiere, denen wir Würde, Eigenwert und Schutzbedürftigkeit zusprechen - und andere, die wir so konsequent als "Nutztiere" in unsere Gewohnheiten und Konsummuster einsortiert haben, dass ihr Leid kaum noch als Leid erscheint.
Vielleicht ist genau das das Verstörende an dieser Geschichte:
Nicht, dass sich ein Buckelwal in die Ostsee verirrt hat.
Sondern dass an ihm sichtbar wird, wie widersprüchlich, projektiv und selektiv unser Verhältnis zur Natur oft ist.
Mich interessiert sehr, wie Ihr das seht:
Ist das ein Ausdruck von echtem Mitgefühl?
Oder zeigt sich hier vor allem, wie sehr wir Tiere nach unserem eigenen emotionalen Bedarf bewerten?
Bis bald im Wald! 🌳
Sandra Knümann