15/03/2020
Liebe Patientinnen und Patienten,
die letzten Wochen waren für die meisten von uns etwas Neues.
Es gibt besorgniserregende Symptome im Alltag und in den Nachrichten: Masken, Kittel, Warteschlangen, Einschränkungen in der persönlichen Freiheit. Diese Bilder lösen in unserem Unterbewussten Lebenserhaltungsreflexe aus: Leere Regale assoziieren wir mit Krieg, Masken lassen uns an blutüberströmte Sterbende beim „Outbreak“ denken, Kittel gibt es auf der Intensivstation, wo jeder zweite Patient zu sterben scheint.
Angst hat eine wertvolle psychologische Funktion, sie ist aber alleine kein guter Berater und will verarbeitet werden. Ohne Angstbewältigung gäbe es kein Flugzeug, keinen Herzkatheter, keine Weltmeisterschaft im Skispringen und kein erstes Date.
Es gibt keinen Sinn, sich dunklen Gefühlen hinzugeben, sondern wir erleben eine Prüfung, bei der wir ruhig, stark und bedacht bleiben müssen.
Warum haben die Skispringer keine Angst? Sie haben eine gute Kenntnis der Umstände! Was sind denn die neuen Umstände?
Die Welt hat ein neues Virus, das auf Menschen übertragbar ist. Das Virus ist sehr infektiös. Die große Mehrheit übersteht eine Infektion damit sehr gut. Etliche bemerken sie gar nicht, für Kinder scheint das durchweg zu gelten. Wenige Menschen (v. a. Vorerkrankte oder Betagte) werden schwer oder lebensgefährlich krank, sehr wenige versterben leider.
Was können wir Sinnvolles tun?
Schützen wir die Risikopersonen, indem wir sie keinem unnötigen Kontakt aussetzen. Das kann bedeuten, mal für den Nachbarn einkaufen zu gehen, leider aber auch, dass Oma Helga aktuell keinen Besuch erhält. Meiden wir nicht notwendige Menschenansammlungen, besonders in geschlossenen Räumen. Reduzieren wir körperlichen Kontakt außerhalb des persönlichen Umfelds. Wenn wir unter Menschen sind, halten wir uns an die wohlbekannten Hygieneregeln. Und so weiter…
Informieren wir uns und das am besten an der Quelle. Zum Beispiel beim Robert-Koch-Institut (www.rki.de), dem Bundesgesundheitsministerium (www.bundesgesundheitsministerium.de) oder bei seriösen Medien.
Ich bin persönlich erschüttert darüber, was ich von intelligenten, geschäftsfähigen, volljährigen Menschen in der letzten Zeit an Irrsinn zugesandt bekommen habe. Meiden Sie Sensationsmeldungen und Gerüchte auf WhatsApp, Facebook, Twitter, was auch immer. Und vor allem: Verbreiten Sie keine Nachrichten unsicheren Inhalts. Haben Sie wie ich die Courage, denen, die Unfug verbreiten, die Meinung zu sagen!
Die Hamsterkäufe der Angstbürger sind für mich das beste Beispiel dafür, wohin das Ausschalten des Verstandes führt.
Bleiben wir sozial! Wir leben in einer der stärksten Volkswirtschaften mit dem wohl besten Gesundheitssystem der Welt. Wer sollte weniger in Sorge sein? Lassen Sie uns zusammen stehen: geistreich, barmherzig, besonnen, am besten humorvoll. Sprechen Sie! Mit den Freunden und Angehörigen, dem Arbeitgeber, telefonieren Sie mit Oma: die hat wirklich schon Schlimmes erlebt. Alles wird wieder gut – wahrscheinlich schon vor der Schwimmbadsaison…
Mit herzlichen Grüßen, Dr. T. Hanfstingl