20/01/2026
Wenn die Tore offen stehen
Die Sage von der Wilden Jagd
Huldas Zug durch die Nächte zwischen den Jahren
Höret, Kinder des Nebels und löscht die Lichter, ehe der Wind an die Türen klopft. Denn was ich euch nun erzähle, ist eine Sage, die man einst nur flüsternd weitergab, wenn der Winter am tiefsten stand und die Welt den Atem anhielt.
Es ist die Sage von der Wilden Jagd, jenem Zug der Seelen, der nicht jagt, um zu töten,
sondern zieht, weil die Ordnung es verlangt.
In den ältesten Überlieferungen heißt es, dass es Nächte gibt, in denen Himmel und Erde nicht festgefügt sind. Die Rauhnächte, die Zeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr,
gehören nicht den Menschen. In diesen Nächten ruht das Spinnen, das Arbeiten schweigt und die Türen zwischen den Welten stehen offen. Denn dann zieht sie wieder:
Hulda, die Verborgene
Holda, die Gnädige
Frau Holle, die Seelenmutter
Perchta, die Prüfende
Nicht reitend wie ein Kriegerkönig, sondern schreitend wie eine Macht, die kein Ziel sucht,
sondern Gleichgewicht.
Die Alten sagten, man höre sie zuerst. Ein fernes Brausen. Ein Heulen wie von vielen Winden. Hunde, die anschlagen, ohne etwas zu sehen. Dann kommt der Zug:
Seelen der Verstorbenen, Ungeborene, die noch keinen Leib haben, Wesen des Waldes und der Nacht.
Sie fliegen nur so dahin. Sie jagen, weil es das einzige ist was ihnen Hoffnung gibt. Sie ziehen,
weil alles, was keinen Ort mehr hat, einen neuen finden muss.
Hulda geht voran, weiß gekleidet, still, ihr Blick durchdringend wie Frost. Sie hält den Zug zusammen. Ohne sie wäre es Chaos. Mit ihr ist es Ordnung im Übergang.
Die Sage warnt:
Wer der Wilden Jagd begegnet und lacht, spottet oder folgt, der verliert sich. Doch wer sich niederkniet, den Blick senkt und schweigt,
den lässt der Zug unberührt.
Manche aber wurden berührt, wie durch einen Flügelschlag der Berufung.
So heißt es, dass Seherinnen, Hebammen und Weise oft in diesen Nächten geboren wurden.
Sie hatten den Zug gehört, aber nicht gefürchtet.
Später, als neue Götter kamen, veränderte man die Erzählung. Aus Huldas Zug wurde:
ein Dämonenheer
ein Strafgericht
ein Fluch
Man setzte einen männlichen Reiter an die Spitze, nannte ihn Wotan, Odin oder den Teufel,
denn man fürchtete die alte Mutter, die niemand beherrschte. Doch in den tiefsten Überlieferungen bleibt wahr:
Die Wilde Jagd ist kein Fluch. Sie ist die Bewegung des Lebens selbst, wenn es sich neu ordnet.
Auch heute, Kinder des Nebels, zieht die Wilde Jagd. Nicht sichtbar, doch spürbar:
in plötzlichen Abschieden
in Umbrüchen, die niemand geplant hat
in Nächten, in denen alte Träume sterben und neue noch keinen Namen haben
Wenn ihr in solchen Zeiten den Wind hört
und eine leise Ehrfurcht fühlt, dann steht ihr näher an der Wahrheit, als ihr denkt.
Fürchtet die Wilde Jagd nicht. Fürchtet nur,
wenn ihr den Übergang verweigert. Denn Hulda führt nicht in den Untergang, sondern hindurch.
Und wer ihr Maß ehrt, wer loslassen kann,
wenn die Zeit es fordert, der wird vom Zug nicht fortgerissen, sondern getragen.
Mögen die Gottheiten stets über euch wachen!