18/12/2025
Am Vormittag des 24. Dezember fuhr ich eilig mit dem Fahrrad vom Supermarkt nach Hause. Ich hatte noch etwas schnell besorgen müssen. Meine kleine Tochter würde in wenigen Stunden ihren weihnachtlichen Chorauftritt in der Kirche haben. Die Vorbereitungen für den Heiligabend mussten unbedingt abgeschlossen sein, bevor wir uns auf den Weg machten. In den Tagen zuvor war ich durch Seminare so eingespannt gewesen, dass mir in diesem Moment die gewünschte Gelassenheit fehlte.
Der Weg führte zum Teil bergauf, weshalb ich langsamer wurde. Dabei fiel mir eine schlanke ältere Frau auf, die auf dem Bürgersteig mit ihrem Gehwagen Mühe hatte, den Anstieg zu bewältigen.
Mein erster Impuls war anzuhalten. Doch ich schob diesen Gedanken sofort beiseite: Es muss doch nicht immer ich helfen; schließlich waren viele Menschen unterwegs. Vielleicht würde die Seniorin meine Unterstützung ohnehin ablehnen – so wie es kürzlich passiert war. Ich redete mir ein, dass ich diesmal wirklich keine Zeit hatte. Mein Kind wartete.
Oben angekommen, blickte ich noch einmal zurück. Es sah so aus, als wäre die zierliche Frau kaum vorangekommen. Andere Passanten gingen hastig an ihr vorbei. Ich stellte mein Fahrrad zur Seite und ging den Berg wieder hinunter.
„Darf ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ich freundlich.
„Ja, gerne“, antwortete sie nach einem kurzen Zögern. In diesem Moment war ich froh, dass ich angehalten hatte.
Wir besprachen kurz, wie ich ihr am besten helfen konnte, und gingen dann langsam weiter. Nun hatte ich Zeit, sie mir genauer anzusehen. Neben mir ging eine ausgesprochen hübsche Frau: feine Gesichtszüge, kaum tiefe Falten, eine fast porzellanartige Haut, schlank, mit aufrechter Haltung. Ihr Erscheinungsbild beeindruckte mich so sehr, dass ich nach ein paar Minuten des Schweigens nicht länger an mich halten konnte.
„Sie sind sehr, sehr hübsch“, sagte ich.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass diese Bemerkung für sie überraschend war.
„Was glauben Sie, wie alt ich bin?“, fragte sie mich lächelnd.
„Hm… vielleicht 75?“, antwortete ich nachdenklich. Ich wollte ehrlich sein und nicht unnötig schmeicheln. Sie lebte, wie sie mir erzählte, in einer nahegelegenen Seniorenresidenz und wirkte trotz ihrer Grazie etwas gebrechlich.
„Ich bin 88“, sagte sie. Ich spürte wie sie die darauffolgende kurze Stille genoss.
„Das ist unglaublich“, erwiderte ich beeindruckt.
„Was ist Ihr Geheimnis?“ wollte die Gesundheitsforscherin in mir wissen.
Sie lächelte nur und schwieg zunächst. Als wir oben die Straße überquert hatten und sich unsere Wege trennten, sagte sie zum Abschied mit heller Stimme:
„Sie werden auch schön altern, weil Sie mir geholfen haben.“
Für mich klang das wie ein Segen.
Wir verabschiedeten uns dankend voneinander und wünschten uns ein schönes Fest.
Ich fuhr anschließend mit meinem schweren Damenfahrrad weiter, als hätte ich Flügel – und lobte mich innerlich mehrmals dafür, angehalten zu haben.
Nun, rund zwanzig Jahre später, steigt diese Begegnung wieder aus der Tiefe meiner Erinnerungen empor. Meine Tochter ist heute eine erwachsene Frau; ich könnte bereits Großmutter sein. Und ich bin längst nicht mehr im Galopp wie damals.
Eine gewisse Weisheit gestehe ich mir heute zu. Sie sagt mir: Schön zu altern hat viel mit der inneren Haltung zum Leben und zu sich selbst zu tun. Wenn wir in Dankbarkeit und Demut leben, strahlt die wahre Schönheit von innen heraus und zeigt sich auch im Äußeren.
Es ist etwas Besonderes, jemandem ein schönes Altern zu wünschen. Es bedeutet ein langes Leben – und dabei die eigene Schönheit zu bewahren. Wer würde das nicht wollen? Es ist tatsächlich eine Form des Segens, und das sei uns allen gegönnt.
Ich wünsche Dir/Euch von Herzen ein schönes Weihnachtsfest.
Herzlichst, Nana
P.S. Das Beitragsthema für den Januar lautet: Die Beziehung zur Mutter und ihr Einfluss auf unser Leben. Du erhältst den Beitrag per E-Mail. Bitte abonniere dafür meinen Infoletter. den Link findest Du im Kommentar.