07/01/2026
Faulheit
Mein Bruder hat sich mal wieder über seinen faulen Bruder „beschwert“.
Nun ja, ein idealer Aufhänger für diesen Text. „Schreiben liegt dir“ habe ich schon mal gehört. Patienten meinen dass – wenn man nicht den Effekt merken würde – was ich tue „nichts“ ist. Wobei letzteres um so besser ist um so anstrengungsloser es ist. Es ist wirklich harte Arbeit nur wirklich das zu tun was nötig ist aber auch genau das zu tun. Diese Arbeit merkt man von außen nicht, im Gegenteil – es sieht einfach aus. Was durchaus so beabsichtigt ist.
Was Texte angeht – würde ich auf Papier schreiben würde ich mich ob der Papierverschwendung totschämen (ich mag Bäume). Allein schon mich an den Computer zu setzen kostet mich Überwindung. Und zwar die Überwindung zu Überwinden. Also erst einmal innere Blockaden lösen. Dazu muss man sie erst einmal erkennen und dann auflösen ohne sie zu bekämpfen – letzteres führt zu noch mehr Blockaden.
Alles Arbeit die niemand sieht. Alles Arbeit die wichtig ist. Arbeit die Faulheit nicht nur mit einbezieht, sondern einen Großteil des Erfolgs ausmacht.
Heißt: wir tun zu viel. Was wir als „richtiges“ Tun deklarieren liegt im Arbeitsbereich des Sympathikus, der Teil des autonomen Nervensystems das bei (auch leichtem) Stress anläuft. Nun will ich Stress ganz bestimmt nicht per se verteufeln. Er hat klar wichtige Funktionen in unserem Leben. Aber vor allem zwei Faktoren an Stress sind in unserer Kultur schlecht. Erstens haben wir zu viel davon. Das ist klar für unsere Gesundheit schlecht, aber auch für unser Denken. Sympathikotones Denken zeichnet sich durch einen Tunnelblick aus: in unserem Gehirn dominieren Funktionen die auf das blanke Überleben ausgerichtet sind, heißt wir bleiben zwanghaft an Verhaltensmechanismen hängen die bis jetzt unser Überleben gesichert haben – mehr nicht. Und merken das noch nicht mal. Um darüber zu reflektieren braucht man Funktionen die im vagotonen Zustand aktiviert werden. Beide sind aber Gegenspieler, also einer unterdrückt die Funktion des anderen.
Um den Parasympathikus zu aktivieren braucht man also das Gegenteil, also das Gegenteil von Stress, sprich Ruhe. Damit ist aber nicht nur äußerliche Ruhe gemeint. Sympathikotone Menschen – also die meisten in unserer Kultur – sind auch in äußerlichen Ruhephasen innerlich immer noch im Stressmodus. Was heißt dass diese Ruhephasen eigentlich keine Ruhephasen sind, der Sympathikus nicht herunter gefahren wird. Das heißt wir leben einseitig. Und da diese eine Seite alles in unserem Leben ausmacht, sie auch noch von unserer Kultur als gut und richtig erachtet wird verschrauben wir uns immer mehr in diese Einseitigkeit. Was heißt der innere Stresspegel fixiert sich immer mehr und wird immer normaler. Eine Entwicklung die schon jetzt bedenklich ist aber erschreckend voran schreitet.
Was ist die Lösung ? Nun, natürlich etwas was einer sympatikotonen Gesellschaft nie einfallen würde: die Kultivierung von Faulheit. Logischerweise das Gegenteil von den was wir nicht nur tun, sondern auch noch als Ultimo ratio feiern (und dieses Wort benutze ich wirklich ungern und selten).
Nur leider sind wir in unserer Gesellschaft so auf Computer fixiert dass wir uns selbst als lebendigen Computer sehen. Wir denken man müsste nur ein Reset-Knopf drücken und damit wäre alles gut: das System startet neu und alles wird sich richten. Ja, das System startet neu, aber mit den alten Bedingungen. Wirklich ändern tut sich also nichts. Für uns ist die Kultivierung der Faulheit, der wirklichen inneren Ruhe in der man wirklich persönlich „nichts“ tun harte Arbeit.
Der Hauptfaktor vagotonen Denkens ist das Gehirn quasi von der Leine zu lassen um spazieren zu denken – nur so kommt es aus seinem sympathikotonen Hamsterrad heraus und kann spielerisch - anders geht es nicht – neue Sichtweisen und Lösungswege finden. Aber auch für etwas anderes ist der Parasympatikus wichtig: Regeneration läuft nur richtig wenn dieser Arm des autonomen Nervensystems aktiv ist. Heilen und Regenerieren sind das selbe, deshalb ist das Wichtigste was man zum Heilen tun kann den Parasympatikus zu unterstützen.
Was ich mit meiner Arbeit tue ist zu mindestens 80 % Stressreduzierung.Und das wird immer schwerer. Aber deshalb auch immer wichtiger.