11/05/2026
Sehr gut geschrieben, danke für diese wahren Worte 🙏🙏🙏👏👏👏
Nicht jedes „schwierige Pferd“ ist schwierig.
Manche Pferde sind nicht dominant, nicht frech, nicht respektlos und auch nicht einfach nur „stark im Charakter“. Manche Pferde haben Schmerzen. Manche haben Angst. Manche sind überfordert. Und manche haben längst aufgehört, deutlich zu kommunizieren, weil sie irgendwann gelernt haben, dass ihnen ohnehin niemand wirklich zuhört.
Das tut weh, ich weiß. Denn es stellt nicht nur das Pferd infrage, sondern vor allem uns Menschen. Unsere Entscheidungen. Unser Training. Unsere Haltung. Unseren Umgang mit dem, was wir nicht sofort verstehen.
In der Pferdewelt feiern wir oft die Menschen, die ein Pferd „wieder zum Funktionieren bringen“. Die sich „durchsetzen“. Die aus einem angeblich schwierigen Pferd wieder ein reitbares, nutzbares, kontrollierbares Pferd machen. Aber viel zu selten fragen wir, warum dieses Pferd überhaupt an den Punkt gekommen ist, an dem es nicht mehr konnte. Warum es sich wehren musste. Warum es dichtgemacht hat. Warum es vielleicht nur noch laut wurde, weil sein leises Nein über Wochen, Monate oder Jahre überhört wurde.
Wir nennen es Korrektur, wenn wir den Druck erhöhen. Wir nennen es Konsequenz, wenn wir nicht nachgeben. Wir nennen es Durchsetzen, wenn wir nicht mehr zuhören. Und wir nennen es Training, wenn das Pferd äußerlich zwar mitmacht, innerlich aber längst abgeschaltet hat.
Sobald ein Pferd Nein sagt, suchen wir den Fehler oft zuerst beim Pferd. Es ist widersetzlich. Es testet Grenzen. Es will nicht. Es muss da jetzt durch. Doch wie oft fragen wir wirklich ehrlich: Kann es überhaupt? Versteht es, was wir wollen? Hat es Schmerzen? Ist es mental überfordert? Hat es Vertrauen verloren? Oder ist dieses Nein vielleicht keine Respektlosigkeit, sondern die letzte Möglichkeit, überhaupt noch gehört zu werden?
Vielleicht ist genau das die Wunde, in die wir öfter hineinschauen müssten: Ein Pferd, das nicht funktioniert, wird schnell zum Problem. Ein Mensch, der nicht hinsieht, bleibt dagegen oft einfach „konsequent“.
Ich wünsche mir eine Pferdewelt, in der wir weniger stolz darauf sind, Pferde „in den Griff“ zu bekommen, und mehr Verantwortung dafür übernehmen, sie wirklich zu verstehen. Eine Pferdewelt, in der ein Nein nicht sofort bekämpft, sondern erst einmal ernst genommen wird. Eine Pferdewelt, in der wir nicht nur fragen, wie wir ein Verhalten abstellen können, sondern was dieses Verhalten uns sagen will.
Denn manchmal ist nicht das Pferd schwierig.
Manchmal ist es nur der einzige im Stall, der noch ehrlich ist.
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