06/01/2026
Licht
Emilia war fünf Jahre alt, als ihr Vater bei einem Flugzeugunglück starb.
Ihre Schwester Alisha wurde einen Tag später neun. Es war der Tag, an dem die Polizie der Familie mitteilte, dass der Papa tot ist.
Gemeinsam mit ihrer Mutter kamen die beiden Mädchen zur Familientrauerbegleitung nach Gelsenkirchen. Über lange Zeit nahmen sie an unseren Trauergruppen teil.
An besonderen Tagen, an Geburtstagen, Todestagen oder anderen bedeutsamen Momenten, bemalen die Kinder in den Lavia-Kindergruppen Grabkerzen. Manchmal gemeinsam, manchmal allein. Viele schreiben geheime Botschaften in den Kerzendeckel, innen, nur für den verstorbenen Menschen.
Als Familientrauerbegleiterin habe ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen unzählige dieser Kerzen erlebt: einzelne, stille Lichter - und große Ansammlungen. Nach dem Mord an einer 16-jährigen Schülerin. Nach dem Germanwings-Unglück. Nach Femiziden, Terroranschlägen, tödlichen Verkehrsunfällen durch Geisterfahrerinnen oder junge betrunkene Menschen.
Und ebenso nach Verlusten, die kaum öffentlich wahrgenommen werden: wenn eine Mutter bei der Geburt stirbt, ein junger Vater an einer Krankheit, ein Kind durch einen Unfall, ein Jugendlicher an einer Krankheit, eine junge Erwachsene durch einen Suizid.
Tragödien dürfen nicht zu Sensationen werden. Das lange Leid, die langwierige Trauer, darf nicht unter dem Drama verschwinden - nicht von der nächsten Schlagzeile überholt und vergessen werden. So erleben wir es jedoch immer wieder. Aber nein: Trauer ist kein Ereignis. Sie ist ein Prozess, der Zeit, Raum und qualifizierte Begleitung, also auch finanzielle Unterstützung, braucht. Viele glauben: „Das wird ja bezahlt.“
Aber kaum einer fragt mal nach der Realität: Wer das denn bezahlt. Nein, auch unser Geld kommt in allen Unglücken immer nur durch Spenden Einzelnder. (DANKE dafür!) Und es geht allen anderen KollegInnen ebenso.
Durch das Unglück in Crans-Montana erleben wir derzeit eine große kollektive Trauer. Selbst Menschen, die nicht persönlich betroffen sind, empfinden tiefes Mitgefühl oder geraten erneut in Kontakt mit eigenen Verlusten. Trauer ist eine ansteckende Emotion. Begegnet man ihr, kommen manchmal längst vergrabene Erfahrungen in Bewegung.
Vergangene Verluste steigen auf, Gefühle wirbeln durcheinander-wie in einer geschüttelten Schneekugel, in der das scheinbar Ruhende plötzlich wieder sichtbar wird.
In diesen Tagen berichten viele Medien über Trauer. Auch Familientrauerbegleiterinnen werden interviewt. Die Öffentlichkeit spürt, wie wichtig diese Arbeit ist-für die Gesellschaft, aber vor allem für die betroffenen Familien und Freundeskreise.
Doch unser Alltag spielt sich meist im Verborgenen ab. Trauerbegleiterinnen arbeiten oft im Dunkeln-um genau dort Licht hinzubringen.
Auch in der Schweiz engagieren sich spezialisierte Fachkräfte für Familientrauerbegleitung und derzeit nicht nur in den öffentlichen Trauerfällen. Ich bin dankbar, dass dort der Verein familientrauerbegleitung.ch, dem ich seit seiner Gründung als Ehrenmitglied verbunden bin, mit qualifizierten trauerpädagogisch geschulten Begleiterinnen und Begleitern zunehmend in den Blick genommen wird.
Katharina Keel, Vorsitzende des Vereins und Teammitglied von Lebensgrund - Begleitung in Übergängen hat ein wertvolles Interview gegeben.
Ich wünsche mir, dass das Licht nicht erlischt, wenn die Kerzen der aktuellen Anteilnahme ausgebrannt sind.
Dass Familientrauerbegleitung weiterhin als das gesehen wird, was sie ist: eine verlässliche Unterstützung, die Menschen in Zeiten tiefster Verluste Hoffnung auf ein Weiterleben schenkt.
Ob in der Schweiz, in Österreich nach dem Amoklauf in Graz, in Belgien, in Südtirol/Italien oder in Deutschland – etwa nach dem Germanwings-Unglück, Femiziden n oder in vielen „stillen“, aber ebenso traurigen Trauerfällen:
Unsere Arbeit erfährt zunehmend Anerkennung.
Psychiatrien, Arztpraxen, Schulen, Kitas sowie Notfallteams von Polizei und Feuerwehr empfehlen Trauernde vor, bei und nach dem Sterben naher Menschen an Familientrauerbegleitung weiter.
Und doch geschieht offiziell – finanziell - nichts.
Ohne die Spenden vieler Menschen wäre diese Arbeit in der Form, wie sie hier im Ruhrgebiet und anderswo mit großem Engagement ermöglicht wird, nicht leistbar.
Unterstützung lohnt sich. Für Familien. Für Kinder. Für unsere Gesellschaft.
Alisha, die an ihrem 9. Geburtstag vom Tod ihres Vaters erfuhr, studiert heute Psychologie und hat bereits das Lavia-Zertifikat für Familientrauerbegleitung erhalten. Sie wird in ihrem späteren Beruf vielen Menschen hilfreich durch eigene Erfahrung, die Trauerbegleitung und weitere berufliche Qualifikation sein.
Emilia, die auf dem Foto am ersten Advent eine Grabkerze für ihren Papa bemalt und beschrieben hat, fragte mich vor wenigen Tagen, wann sie selbst eine Trauerbegleitungsausbildung machen dürfe. Sie möchte gerne anderen trauernden Kinder helfen in dem Alter, in dem sie selbst damals war, aber auch ihren heutigen Schulfreundinnen.
Damit Leben nach schweren Verlusten - trotz mangelnder staatlicher Unterstützung - lebenswert bleiben kann, bitten wir immer wieder um Hilfe.
Niemand weiß, wann man sie selbst einmal im Kreise der Liebsten brauchen wird.
https://lavia-ggmbh.de/spenden/