08/03/2016
RESPEKT FÜR DIE GRENZEN DES PFERDES
Die meisten von uns haben gelernt, dass ein Pferd sich dem Aufhalftern nicht entziehen darf und auch bei der Freiheit ist unser erster Impuls, wenn ein Pferd sich von uns abwendet, es daran zu hindern.
Aber ist das dem Pferd gegenüber höflich oder überhaupt sinnvoll?
Wenn ein Pferd sich von uns abwendet, kann das unterschiedliche Gründe haben. Ich nenne hier mal die häufigsten:
1. Es ist noch nicht soweit und braucht noch etwas Zeit, bis es sich auf uns oder unsere Anfrage einlassen kann (so wie auf dem ersten Bild unten)
2. Es fühlt sich bedroht und das Wegschauen ist ein Beschwichtigungsverhalten mit dem es versucht die Situation zu deeskalieren (seht ihr auf dem letzten Bild, das Pferd fühlte sich wahrscheinlich von mir und meiner Kamera bedroht)
3. Es möchte die Kontrolle behalten und keine Befehle ausführen
Nehmen wir mal das Beispiel, dass sich unser Pferd sich bei der Freiarbeit von uns abwendet.
Wenn wir jetzt versuchen, seinem Kopf zu folgen, damit wir wieder Blickkontakt haben, dann wird es im
Fall 1 noch nicht bereit sein und sich vermutlich bedrängt fühlen. Darauf reagiert es vielleicht mit weiterem Wegschauen oder mit unwilligem Kopfschütteln, Schweifschütteln
im 2. Fall: wird es sich noch mehr bedroht fühlen und Angst kriegen oder sich zur Wehr setzen
im 3. Fall: wird es möglicherweise in eine Konfrontation gehen und zwicken oder sogar ausschlagen
In den ersten beiden Fällen ist unser Verhalten dem Pferd gegenüber unhöflich und im 3. nicht zielführend. All das bringt uns in unserer Partnerschaft nicht weiter. Ich rede wohlgemerkt nicht davon, einem Pferd, das unsere Grenzen nicht respektiert, keine Grenzen aufzuzeigen. Es geht mir um den Fall, wo wir etwas von unserem Pferd wollen und es sich entzieht.
Was könnten wir stattdessen tun?
Wir könnten warten. Warten und atmen. Und einen Schritt rückwärts, weg vom Pferd gehen.
Ihr werdet sehen, wenn das Pferd merkt, dass es gesehen wird, dann wird es aufatmen und sich uns nach einer Weile zuwenden. Unser Abwarten schafft also Vertrauen.
Anderes Beispiel: Wir machen gerade Freiarbeit mit unserem Pferd und fordern das Pferd auf, mit uns zu traben. Es trabt an, läuft dann aber in eine andere Richtung als wir.
Auch hier: Bitte nicht dem ersten Impuls nachgeben und dem Pferd hinterherlaufen! Stattdessen gehen wir einfach in die entgegengesetzte Richtung, die das Pferd eingeschlagen hat.
So verfolgen wir es nicht, sondern geben ihm die Möglichkeit, sich freiwillig für uns zu entscheiden. Wenn es uns folgt – gut. Wenn nicht, können wir nach einer Weile am Pferd vorbeischlendern und es erneut einladen etwas mit uns zu tun. Meist hilft das. Wenn nicht, dann würde ich überlegen, was ihm an unserem Training gerade nicht behagen könnte.
Diesen und weitere Beiträge findet ihr in der Gruppe: Freiarbeit mit Herz