01/04/2026
Ernährung am Lebensende - was ist sinnvoll?
„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ oder „Liebe geht durch den Magen“ – diese und ähnliche Sprüche sind uns allen vertraut. Doch was bedeuten sie, wenn ein Mensch sich am Lebensende befindet? Was ist dann noch sinnvoll und möglich?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Fortbildung für unsere ehrenamtlich Mitarbeitenden am 26. März 2026 im Seminarraum des Hospizhauses Gifhorn. Als Referentin war Frau Dr. Buchholz, Onkologin, Palliativmedizinerin und Hausärztin aus Wolfenbüttel, zum Thema „Essen und Trinken am Lebensende“ eingeladen. In ihrem Vortrag machte sie deutlich, wie sehr die individuelle Situation eines Menschen bestimmt, welche Maßnahmen noch angebracht sind.
Zu Beginn stellte sie die zentrale Frage: In welcher palliativen Lebensphase befindet sich der Patient? Denn diese Einordnung entscheidet darüber, welche Therapien überhaupt noch sinnvoll sind. Als Lebensende werden die letzten Monate und Wochen bezeichnet, während die Sterbephase die letzten Tage und Stunden umfasst – eine Zeit, in der jederzeit mit dem Versterben gerechnet werden muss.
In diesen Lebensphasen verändern sich die Bedürfnisse des Körpers deutlich. Viele Erkrankungen, nicht nur Krebs, sondern auch Herz-, Lungen- oder Muskelerkrankungen, führen dazu, dass Hunger und Durst nachlassen. Der Appetit sinkt, kleine Mengen reichen aus, und vertraute Speisen schmecken plötzlich nicht mehr.
Dabei spielen zwei Begriffe eine wichtige Rolle: Anorexie beschreibt einen verminderten oder fehlenden Appetit, häufig verursacht durch die Erkrankung selbst oder durch Medikamente. Kachexie hingegen ist ein hoch komplexes und noch wenig verstandenes Syndrom, das zu einem unkontrollierbaren Gewichtsverlust führt, bei dem nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse abgebaut wird – und das selbst dann, wenn ausreichend Nahrung aufgenommen wird. Anorexie kann Teil einer Kachexie sein, ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen.
Therapeutische Ansätze zur Appetitsteigerung müssen sorgfältig abgewogen werden. Medikamente wie Cortison können kurzfristig den Appetit verbessern und Übelkeit lindern, bringen jedoch Nebenwirkungen wie Muskelabbau oder ein erhöhtes Infektionsrisiko mit sich. Ähnliches gilt für hormonelle Präparate.
Ebenso verhält es sich mit künstlicher Ernährung, Sie kann zwar die Kalorienzufuhr sichern, bedeutet aber oft zusätzlichen Aufwand, Einschränkungen und mögliche Beschwerden.
Warum legen Angehörige so viel Wert auf Essen und Trinken?
Für viele Angehörige ist es schwer auszuhalten, wenn ein geliebter Mensch kaum noch isst oder trinkt. Das liegt auch daran, dass Essen und Trinken weit mehr sind als körperliche Versorgung: Sie haben eine emotionale, soziale und auch spirituelle Dimension. Sie stehen für Fürsorge, Gemeinschaft und oft auch für Trost.
Doch gerade am Lebensende verändern sich diese Bedeutungen. Der Mensch lebt nicht nur von Nahrung allein – auch Zuwendung, Musik, Gespräche, Geborgenheit oder kleine schöne Momente können die Lebensqualität entscheidend verbessern. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Angehörigen zu besprechen, was in dieser verbleibenden Zeit wirklich hilfreich und wohltuend ist.
Gründe für Appetitlosigkeit gibt es viele: Schmerzen, Atemnot, Entzündungen im Mund oder ein veränderter Geschmackssinn. Ein Hauptgrund ist die Mundtrockenheit, die sich durch reine Flüssigkeitsgabe nicht verbessern lässt. Auslöser sind Nebenwirkungen von Medikamenten, verminderte Speichelproduktion oder tumorbedingte Ursachen. Hier kann eine gezielte Mundpflege, etwa mit pflegenden Ölen oder speziellen Rezepturen, Linderung verschaffen.
Auch kleine, ansprechend angerichtete oder pürierte Speisen können dazu beitragen, das Essen angenehmer zu gestalten.
Ein Fazit:
Für jeden Menschen sollte in seiner letzten Lebenszeit ein realistisches Ziel der Ernährung formuliert werden, welches sich an seinen Wünschen und seinem Befinden orientiert. Es ist wichtig, die Angehörigen mit einzubeziehen, um ihnen zu helfen, den komplexen Vorgang am Lebensende und in der Sterbephase zu verstehen.
Dabei gilt: Das maximal mögliche ist nicht immer das Optimum für den Patienten.
„Menschen sterben nicht, weil sie nicht essen. Menschen essen nicht, weil sie sterben.“ – Cicely Saunders