11/01/2017
Psychosomatik
Wie sich die Psyche durch den Körper mitteilt
Der Volksmund hält viele Redewendungen bereit, die mit der Psychosomatik eng verbunden sind. „Ich habe die Nase voll“ sagt ein Mensch, wenn er genug von etwas hat und nicht mehr weiter machen möchte oder kann, beispielsweise weil er eine Überlastung spürt. Körperlich kann sich dies durch eine Erkältung zeigen. Die Erkältung bietet hier den legitimen Grund, sich aus einer Situation, die als Überlastung empfunden wird, zurück zu ziehen. Mit dem Satz „Komm mir nicht zu nahe, ich bin erkältet“ hält sich der Mensch erfolgreich jeden vom Leib und kommt dadurch zur ersehnten Ruhe. Kommt noch Husten hinzu, ist die Kommunikation darauf beschränkt, allenfalls „jemandem etwas zu husten“.
Übelkeit und Erbrechen zeigen sich in Äußerungen wie „schwer verdaulich“, „liegt wie ein Stein im Magen“, „liegt quer im Magen“ oder „wenn ich daran denke, wird mir ganz übel“. Es ist jeweils ein Ausdruck von Ablehnung und Abwehr von etwas, was der Mensch sich nicht einverleiben will. Erbrechen deutet auf das Nichtakzeptieren von Erlebnissen und Eindrücken hin, die man nicht billigen will. „Mir wird schon ganz schlecht, wenn ich sehe, wie er/sie die Kaffeetasse hält.“ ist ein Hinweis für die gänzliche Ablehnung des Gegenübers. Vielleicht ist der Satz erstmal nur so dahin gesagt, wird er von Erbrechen oder Übelkeit begleitet, ist er auch so gemeint.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine 23-jährige Frau erklärt beim Arztbesuch, sie habe intensive Unterleibschmerzen auf der rechten Seite. Die Untersuchung ergibt: „Verdacht auf Blinddarmentzündung“. Im Krankenhaus wird zunächst eine Bauchspiegelung durchgeführt. Das Ergebnis: „Die Schmerzen sind bei der Untersuchung nachweisbar, aber die Ursache fehlt. Die Bauchspiegelung ist ohne Befund. Der Blinddarm sowie alle anderen gesichteten, inneren Organe sind gesund.“ Die Patientin wird ohne weitere Hilfestellung entlassen und wendet sich an ihren Hausarzt, der ihr eine Psychotherapie empfiehlt. In den Gesprächen stellt sich heraus, dass die junge Frau mit ihrer Lebenssituation überfordert ist. Die vermeintliche Blinddarmentzündung zeigt die Abwehr gegenüber der Überforderung.
Psychosomatik ist das Zusammenspiel von Körper und Psyche. Nahezu alle körperlichen Symptome von leichten Kopfschmerzen über Verdauungsbeschwerden bis hin zu ernsthaften Herzstörungen können psychosomatischer Natur sein, auch wenn sie häufig in erster Betrachtung auf eine körperliche Erkrankung hin deuten. Wenn die eingehenden Untersuchungen aber „o.B.“, also „ohne Befund“, sind und sich keine körperliche Ursache für die Symptomatik finden lässt, bleibt der Patient oft mit seinen körperlichen Problemen allein. Nichtsdestotrotz erlebt und erleidet der Patient seine Symptome ganz real. Also muss es eine andere Ursache hierfür geben, die Beschwerden müssen folglich psychosomatischer Natur sein.
Offensichtlich ist der Patient nicht alleine in der Lage, die Auslöser seiner Erkrankung zu identifizieren und/oder zu beseitigen, so dass in solchen Fällen Hilfe von außen nötig ist. Erst durch fachkundig geführte Gespräche kommt der Patient den wahren Ursachen seiner Erkrankung auf die Spur. Erst in Folge dieser Erkenntnis ist es ihm zukünftig möglich, sich anders zu verhalten und belastende Situationen zu vermeiden und/oder zu bestehen.
Psychosomatische Störungen und Erkrankungen sind in unserem Leben allgegenwärtig. Während die meisten leichten Störungen nur zeitweilige Erscheinungen sind, die ohne bewusste Bearbeitung auch wieder verschwinden, ist bei anhaltenden psychosomatischen Erkrankungen in der Regel eine professionelle Behandlung angezeigt.
Artikel im Gesundheitsjournal, Zevener Zeitung
hpp-erich.de