27/04/2018
Super Foto!
„Mein Pferd ist unglaublich Kurz!!! Ich brauche einen kurzen Sattel, wirklich richtig kurz!!“ erklärt Kundin X mir mit Nachdruck und verwendet das Wort kurz dabei so häufig, damit sie sicher ist, dass ich die Relevanz der kürze auch verstanden habe. Ich nicke bedächtig, kurz also. Das Pferd von Kundin X ist ein kleiner Warmblutmix mit einem robusten Einschlag, starke Schultern, runder Rippenbogen und kompakt im Typ. Ich zeichne die Sattellage ein, ende des Schulterblattes und Schulterknorpels und markiere den verlauf der letzten Rippe zum 18ten Brustwirbel mit einem Kreidestrich. Gemessen von Beginn bis zur letzten Rippe hat der freundliche Schecke eine Auflagefläche von 42 Zentimetern. Und wie geht es jetzt weiter? Was ist denn kurz? Ist das Pferd der Kundin jetzt unfassbar kurz, mittelkurz, etwas kurz, Kutschefahren-kurz oder sogar fast „normal“? Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf und betrachten die anatomischen Gegebenheiten der Tragfähigkeit unserer Reitpferde. Es wird schnell klar, dass zwar alle Pferde unterschiedlich sind, sie aber dennoch die selbe Anatomie haben, identisches Knochengerüst, sowie Muskeln und Sehnen. Unsere Reitpferde haben 18 Brustwirbel und 6 Lendenwirbel, wobei der Sattel nicht über den Ansatzpunkt der 18 Rippe hinaus gehen sollte. Die sechs Lendenwirbel haben keinerlei Verbindungen zu den Rippen und darüber hinaus lange Querfortsätze, die sich wie Flugzeugflügel zur Seite spannen und Ansatzpunkt für Muskeln und Bänder des Rückens bieten. Nach dem sechsten Lendenwirbel geht die Lendenwirbelsäule am Lumbosakralgelenk, welches für das Kippen des Beckens von maximal 20 grad zuständig ist, über in den ersten Kreuzwirbel. Betrachtet man ein freilaufendes Pferd im Galopp kann man gut erkennen, wie das Pferd bei jedem Galoppsprung die Lendenwirbelsäule aufwölbt und wieder wegdrückt. Das Zusammenspiel von Lende und Becken ermöglicht es so den Beinen weit unter den Körper zu fußen und sich nach vorn abzudrücken. Die Lendenwirbelsäule ist für die Fortbewegung gemacht und hängt frei in der Luft, getragen von den Bauchmuskeln und dem Lendenmuskel. Auch das Oberdornfortsatzband hilft, die Lende zu „Tragen“, wenn das Pferd das Becken abkippt. Wie wird jetzt ein Schuh draus? Zusammengefasst bedeutet die Anatomie der Lendenwirbelsäule für unsere Sättel folgendes: Da die Lendenwirbelsäule für die Fortbewegung gedacht ist, muss sie frei arbeiten können, sollte also keinem Druck durch den Sattel ausgesetzt sein. Damit die Lendenwirbelsäule tragen kann, benötigt das Pferd eine entsprechende Bauchmuskulatur. Und was ist mit Kundin X? Kundin X ist etwa 1,70m groß, trägt Größe 38-40 und hat einen eher langen Oberschenkel. Sie wird bei einem 17,5 Sitz vermutlich eine Auflagefläche von 43-45 Zentimetern benötigen. Und nun? Zu aller erst gilt es das Pferd genau zu betrachten. Wie ist es gebaut, wie bemuskelt, wie lang und wie gewinkelt ist der hintere Rücken? Wie reitet Kundin X, wie trainiert sie ihr Pferd? Da die Funktion der Lendenwirbelsäule maßgeblich von der tragenden Bauch- und Rückenmuskulatur geprägt ist, kann ein gut bemuskeltes und gerittenes Pferd durchaus einen Zentimeter mehr Auflagefläche vertragen, als ein unbemuskeltes, weniger gut gerittenes Pferd. Zu einem gut gerittenen Pferd trägt maßgeblich ein gut sitzender Reiter bei, es ist also unumgänglich Rücksicht auf die Ansprüche des Reiters zu nehmen und in keinem Fall ratsam einfach eine kleinere Sitzfläche zu wählen, nur um vor dem magischen Kreidestrich ein Ende zu finden. Was also tun? Es ist sinnvoll unter Betrachtung aller Relevanten Aspekte, Reitweise, Trainingszustand, Können des Reiters, Beweglichkeit des Pferdes und so weiter, und nach eingehender Beurteilung unter dem Sattel, herauszuarbeiten, in wie weit das Pferd tragfähig ist, und in wie weit es, bei weniger optimalen Pferd-Reiter Konstellationen, belastet werden kann und darf. Dabei sollte immer auch bedacht werden, dass sich der Druck pro Quadratzentimeter verringert, je mehr Fläche Besattelt wird, auch wenn dieser Text natürlich KEIN Plädoyer für einen zu langen Sattel ist. Was kann in der Praxis für Kundin X getan werden? Es kann ein Sattel gewählt werden, der über einen weiter vorn angelegten Sitzschwerpunkt verfügt und im Verlauf der Sitzschale etwas flacher gehalten ist, um mehr Sitzfläche zu bieten. Für KundInnen die in flacheren Sitzen nicht genügend Unterstützung finden sind spezielle Frauenbäume, also anatomisch auf das weibliche Becken abgestimmte Sitze, häufig die geeignete Wahl. In der Praxis gibt es viele Reiter-Pferde Paare, die Größenmäßig nicht miteinander harmonieren. Jeder Kunde sollte dabei ehrlich mit sich selbst sein. Sind die 40-42 Zentimeter Auflagefläche gemessen an Größe und vor allem Gewicht, angemessen für mein Pferd? Selbst wenn ein kurzer Sattel gefunden werden kann, der Druck pro cm2 erhöht sich natürlich. Was bedeutet also ein kurzes Pferd für den Reiter? Er sollte besonderen Wert auf die Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskultur legen. Er sollte sein eigenes Gewicht im Auge behalten und die Dauer und Häufigkeit der Ritte entsprechend bedenken. Er sollte fortlaufend die Passform seines Sattels überorüfen, um zusätzliche Belastungen frühzeitig zu beheben. Für kurze Pferde gibt es Lösungen, diese müssen allerdings individuell, kritisch, realistisch und wie bei allem: in Rücksprache mit dem Vierbeiner, gefunden werden. Denn am Ende jedes Termins, jedes Tages und jedes Rittes stellt man immer wieder fest: Das Pferd trifft die Entscheidung wie kurz es wirklich ist. Man sollte es nur fragen.