24/04/2018
Das Kaltblut (oder auch jedes andere Pferd) als Gewichtsträger... Worauf muss ich achten?
Sie sind groß, sie sind breit und sie sind kräftig.
Die Vermutung liegt also nahe, dass sie deshalb auch schwere Reiter problemlos tragen können.... Aber ist das tatsächlich so?
Jeder weiß heutzutage, dass eigentlich kein Pferd der Welt ein guter Gewichtsträger ist.
Denn eigentlich sind Pferde, wenn man sich ihren Körperbau genauer betrachtet, gar nicht zum Reiten geeignet. Auch wenn ihr Rücken optisch durchaus dazu einläd, es sich darauf gemütlich zu machen, so hängt an der langen Pferdewirbelsäule zwischen Vorhand und Hinterhand ein Rumpf mit Organen, die locker ein Gewicht von bis zu 400kg auf die Waage bringen, bei den meisten Kaltblütern noch deutlich mehr. Sprich eigentlich schleppt der Pferderücken schon an sich selbst ziemlich viel herum.
Wenn wir uns also dennoch auf den Pferderücken schwingen möchten sind wir als Reiter in der Verantwortung, ein zu uns passendes Pferd zu wählen und dieses dann auch so gesund erhaltend zu arbeiten, wie es uns möglich ist.
Sehr häufig hört man Sätze wie: „Nimm halt ein Kaltblut, das sind gute Gewichtsträger“.
Individuell betrachtet ist das allerdings oftmals ein Trugschluss und so pauschal gar nicht zu beurteilen.
Was macht einen „Gewichtsträger“ denn eigentlich aus?
Es gibt verschiedene Faktoren, die die physische Stabilität eines Pferdes beeinflussen.
1. Röhrbeinlänge und -umfang
Das Röhrbein der Vorderbeine (Metakarpalknochen) ist vergleichbar mit dem menschlichen dritten Mittelhandknochen, medial und lateral liegen als zweiter und vierter Mittelhandknochen die Griffelbeine.
An der Hinterhand entspricht es als Metatarsalknochen dem menschlichen dritten Mittelfußknochen, hier ebenso samt Zweitem und Viertem als Griffelbeine.
Je kürzer und dicker ein Röhrbein ist, desto stabiler ist es. Durch ihre Größe verfügen die Shire Horses in der Regel z.B. über recht lange Röhrbeine, welche in Relation zur Körpermasse betrachtet oftmals eher schmaler sind.
2. Ausprägung der Gelenke
Je deutlicher sich Fesselkopf, Karpal- und Sprunggelenk vom Rest des Beines abhebt desto besser.
Große Gelenke verfügen über mehr Knorpelfläche, dies bedeutet weniger Druck pro Quadratzentimeter.
3. Rückenlinie und -länge
Je kürzer ein Rücken, desto besser kann das Pferd ihn stabilisieren. Der Rücken eines Pferdes muss unter dem Reiter in die Lage versetzt werden, sich durch entsprechende Gymnastizierung aufzuwölben, so dass die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule sich durch Spannung des an jedem Dornfortsatz ansetzenden Rückenbandes auseinander fächern. Dann kann die gesamte Wirbelsäule locker und unverspannt dreidimensional in der Bewegung mitschwingen.
Gesund von hinten nach vorne über den Rücken in das vorwärts/abwärts hinein gearbeitet ist der lange Rückenstrecker als reiner Bewegungsmuskel in der Lage, sich beim Vorführen der Hinterbeine wechselseitig an- und vor allem auch wieder abzuspannen. Wird insbesondere dieser zentral wichtige Muskelbereich durch eine ungesunde Reitweise,unpassende Sättel oder zuviel Reitergewicht dazu gezwungen dauerhaft kompensatorisch zu arbeiten, so sind Rückenschmerzen und eine dauerhafte Überlastung der distalen Gelenke unweigerlich die Folge.
4. Halsansatz
Ein sehr tiefer Halsansatz bringt eine starke Vorhandlastigkeit des Pferdes mit sich und erschwert die für ein gesundes v/a zwingend erforderliche muskuläre Stabilisierung des Brustkorbes und die ehrliche Lastaufnahme der Hinterhand.
Ein sehr hoher Halsansatz ist wiederum besonders schwer locker aus der Basis heraus in die Tiefe zu arbeiten, was für im letzten Absatz angesprochenen Vorgang des Aufwölbens aber essenziell wichtig ist.
Ideal zur leichten Erarbeitung eines horizontalen Gleichgewichtes des Pferdekörpers ist daher ein durchschnittlich gut angesetzter Hals.
5. Widerristhöhe und -länge
Der Widerrist wird gebildet durch die Dornfortsätze der ersten acht Brustwirbel und fungiert als Hebel für die korrekt arbeitende Halsmuskulatur zum Aufwölben der Wirbelsäule durch Nackenband, Nackenplatte und Rückenband. Je höher und länger ein Rist ist, desto kräftiger ist die Hebelfunktion. Entsprechend benötigen Pferde mit flachem und kurzem Rist schlicht mehr Kraftentwicklung in Hals- und Bauchmuskulatur, um besagten Bänderkomplex zu spannen.
6. Exterieur der Hinterhand
Das Exterieur kann sich je nach Zuchtziel und Einsatzzweck des Pferdetypus sehr stark unterscheiden. So gibt es Pferde, welche vom Hinterhand – Exterieur her eher dem optimalen Fahrpferdetypus entsprechen, und Pferde, welche sich eher reiterlich als geeigneter erweisen.
Beim klassischen Reitpferd gibt es in der Exterieurlehre klar definierte, zur einfachen Entwicklung der Lastaufnahme und Federkraft der Hinterhand als optimal geltende Gelenkswinkelungen zu lesen. Zudem sollen die Hinterbeine möglichst grade im Lot stehen, um die Gelenksflächen alle möglichst homogen zu belasten.
Bei den Shire Horses zum Beispiel (und vielen anderen eher dem Fahrpferdetypus entsprechenden Pferden zu finden) gilt das wohl bekannte Zuchtziel „Hooks together“. Dies entspricht keinesfalls, wie häufig zu hören, dem Stellungsfehler der „Kuhhessigkeit“. Beim korrekten „Hooks together“ befindet sich das Röhrbein der Hinterhand von hinten betrachtet senkrecht zum Boden, was eine homogene Belastung des Sprunggelenkes zur Folge hat. Ein großer Nachteil dieses Zuchtzieles ist die durch die Engstellung der Röhrbeine natürliche Neigung zur muskulären Dysbalance zwischen Adduktoren- und Abduktorenmuskulatur. Dies bedarf unter dem Reiter zwingend entsprechendem Ausgleichstraining zur Gesunderhaltung der Hüft- und Kniegelenke.
Beim Stellungsfehler „Kuhhessigkeit“ hingegen steht das Röhrbein schräg zum Boden und das Sprunggelenk und häufig auch die Fesselgelenke sind in ihrer Achse verkippt.
Das klassische Fahrpferd verfügt über eine abgeschlagene, also steil abfallende Kruppe und einen großen Winkel in Hüft- und Kniegelenk. Dies erschwert die reelle Lastaufnahme unter dem Reiter, häufig sind die Kniegelenke, sowie deren Bänder und Menisken durch die Steilstellung ein Schwachpunkt, der ebenso gezieltem Training bedarf. Gleiches gilt für den lumbosakralen Übergang, kurz LSÜ. Auch hier neigen solche Exterieurtypen bei unangepasster Gymnastizierung zu muskulären Blockaden und kompensatorischen Verspannungen.
7. Hufstellung, -größe und Beinachse
Ein Huf sollte in der Größe ausgewogen zum Kaliber des Pferdes sein und zur Beinachse passend möglichst gut gestellt werden. Lange, flache Zehenwände erhöhen durch Vorverlagerung des Abrollpunktes die Zugspannung der Beugesehnen und die Belastung der distalen Gelenke. Die Achsen der Gliedmaßen dürfen nicht durch schiefe Hufe künstlich in den Gelenken verkippt werden, da dies die Knorpel der Gelenksflächen einseitig überlastet und so das Risiko des frühzeitigen Verschleißes erhöht. Je schwerer das Pferde- und auch Reitergewicht desto höher die Belastung und das frühzeitige Verschleißrisiko.
8. Muskeltonus/Stabilität des Bindegewebes
Mit Muskeltonus ist die muskuläre Grundspannung gemeint. Ein sehr hoher Muskeltonus bringt eine Neigung zu schmerzhaften Verspannungen, schneller Übersäuerung und häufig auch eine gewisse Stressneigung mit sich.
Ein sehr geringer Tonus wiederum erschwert die Bereitschaft zum Aufbau und Erhalt einer positiven Körperspannung unter dem Reiter. Häufig geht ein geringer Muskeltonus mit Bindegewebsschwächen einher. Ein Großteil der Kaltblüter verfügt über einen geringen Muskeltonus, häufig gepaart mit weichem Bindegewebe. Ein geringer Muskeltonus und weiches Bindegewebe schwächen die Konstitution des Rückens, sowie der Sehnen und Bänder des gesamten Organismus. Solche Pferde haben von Natur aus eine gewisse Disposition zu Sehnenschäden und Störungen im Lymphfluss (angelaufene Beine).
Ein schwerer Reiter ist für solche Pferde (insbesondere wenn sie auch noch schlecht bemuskelt sind) sowohl für die Bandscheiben durch das Absenken des Rückens mangels ausreichender Bandstabilität, als auch für die Beugesehnen und Fesselträger eine zusätzliche Belastung.
9. Eigengewicht/Trainingszustand
Je schwerer ein Pferd, desto belasteter ist der Bewegungsapparat. Sprich, umso mehr schleppt das Pferd bereits an sich selbst. Daher ist die Pauschalaussage, ein Pferd könne bis zu 15% seines Eigengewichtes tragen absolut nicht aussagekräftig, eigentlich sogar völlig widersinnig. Ein übergewichtiges, wenig trainiertes Kaltblut ist trotz mehr Gewicht deutlich weniger tragfähig, als ein Durchtrainiertes mit optimalem Gewicht. Zweiteres dürfte laut dieser Regel weniger tragen als ersteres.
Ähnlich wichtig wie eine gute Figur ohne unnötige Fettpolster ist eine gut trainierte Muskulatur. Zu unterscheiden bezüglich des gesunden Tragens eines schweren Reiters ist die Lauf- und die Reitmuskulatur. Durch reine Fortbewegung trainiert ein Pferd in erster Linie die Vorhand, Brust- und untere Hinterhandmuskulatur. Für das Tragen eines Reiters wichtig ist aber in erster Linie die obere Hals-, Bauch-, Rücken- und Glutealmuskulatur. Diese bedarf besonderen Trainings. insbesondere bei Kaltblütern täuscht das breite Exterieur häufig über die schlechte Konstitution der Reitmuskulatur hinweg.
10. Voraussetzungen des Reiters/Passform der Ausrüstung
Je losgelassener ein Reiter sitzt desto weniger stört er den Bewegungsablauf des Pferdes und desto leichter kann das Pferd unter ihm selbst in die Losgelassenheit finden. Für die Belastung des Rückens unter dem Reiter ist es also von zentraler Bedeutung, dass er sich frei unter dem Reiter bewegen kann ohne kompensatorisch arbeiten zu müssen. Ein geschmeidig sitzender, schwererer Reiter kann für das Pferd also durchaus „leichter“ sein als ein polternder leichter Reiter. Ein geschmeidig sitzender leichter Reiter ist aber natürlich noch vorteilhafter.
Gleichwohl wichtig ist ein dem Pferd UND dem Reiter passender Sattel. Drückt der Sattel das Pferd punktuell kann es schmerzbedingt nicht reell in die Losgelassenheit finden und arbeitet wieder kompensatorisch. Passt der Sattel nicht zum Reiter kann er nicht optimal in Balance liegen und kippt vorne oder meistens nach hinten ab, was sogar bei einem dem Pferd eigentlich passenden Sattel punktuellen Druck und somit kompensatorische Gegenspannung zur Folge hat.
Mein Tipp ist: Man sollte immer mal unmittelbar nach dem Reiten mit der flachen Hand leicht am Schulterblattknorpel angefangen von vorne nach hinten über den langen Rückenmuskel und den Nierenbereich drüber fahren. Fühlt man irgendwo Dellen oder punktuelle Erhebungen? Lokale Überwärmungen? Wenn ja: Ursachenforschung!
Wir stellen fest, das Thema „Gewichtsträger“ ist äußerst komplex und sehr individuell zu betrachten. Viele Faktoren auf pferdischer und menschlicher Seite spielen dort mit hinein.
Fakt ist jedoch eines: Der Mensch ist für das Wohl seines Tieres verantwortlich, daher ist es seine Pflicht, sein Pferd mit offenen Augen und ausreichend Eigenreflexion für sich passend auszuwählen und sein Möglichstes zu tun, um es lange gesund zu erhalten.
Urheberrechtlich geschützt 21.01.2016
Sonja Weber
Pferdephysiotherapeutin