01/04/2026
Zwischen Resilienz und Anspruchshaltung: Was wir von der „Generation Durchhalten“ lernen können
In meiner täglichen Arbeit begegne ich Menschen am Ende ihres Weges und denjenigen, die zurückbleiben. Dabei fällt auf: Die Generationen, die in den 1960er und 1970er Jahren aufgewachsen sind, verfügen oft über eine psychologische Konstitution, die man heute als „besonders resilient“ bezeichnet.
Studien und Psychologen bestätigen diesen Eindruck.
Doch woher kommt diese Widerstandsfähigkeit – und was riskieren wir in der Erziehung der heutigen Generation durch ein Übermaß an Nachgiebigkeit?
Die Schule des Verzichts: Warum „Nein“ ein Kompass war
Wer in den 60ern oder 70ern Kind war, wuchs in einer Welt auf, die Grenzen nicht als Schikane, sondern als Struktur begriff. Es gab feste Essenszeiten, das Fernsehprogramm war begrenzt und Wünsche wurden nicht sofort, sondern vielleicht zum Geburtstag erfüllt.
Diese Form der Frustrationstoleranz war ein Training für das Leben. Man lernte: Ich überlebe es, wenn mein Bedürfnis nicht sofort gestillt wird. Es war kein Mangel an Liebe, sondern die Vermittlung einer Lebensrealität. Diese Kinder lernten, dass sie nicht das Zentrum des Universums sind. Diese Erkenntnis bewahrte sie im Erwachsenenalter vor dem Zusammenbruch, wenn das Schicksal einmal „Nein“ sagt.
Das „Recht auf Alles“: Die Erosion der Grenzen
Heute beobachten wir einen Wandel hin zu einer Erziehung, die oft jede Unannehmlichkeit vom Kind fernhalten möchte. Ein Beispiel aus dem Schulalltag verdeutlicht dies: Das Bedürfnis, während einer 45-minütigen Unterrichtseinheit mehrfach zu essen, zu trinken oder die Toilette aufzusuchen.
Was oberflächlich wie „kindgerechte Freiheit“ wirkt, ist psychologisch betrachtet oft das Ausbleiben einer notwendigen Grenzsetzung. Wenn Kinder nicht mehr lernen, ihre Impulse für einen überschaubaren Zeitraum (wie eine Schulstunde) zu zügeln, berauben wir sie der wichtigen Fähigkeit der Selbstregulation.
Wer als Kind lernt, dass jedes Bedürfnis sofortiges Recht auf Erfüllung hat, wird als Erwachsener oft an der Realität scheitern. Denn das Leben, der Beruf und auch die Trauer halten sich nicht an unser vermeintliches „Recht auf Wohlbefinden“.
Die Folgen für die Erwachsenen von morgen
Die „laxe“ Erziehung von heute droht eine Generation heranzuziehen, die:
1. Geringe Stressresistenz besitzt: Wer nie gelernt hat, kleine Unannehmlichkeiten auszuhalten, wird von großen Krisen schneller aus der Bahn geworfen.
2. Schwierigkeiten mit Empathie hat: Wer sich selbst immer als prioritär erlebt, tut sich schwer, die Bedürfnisse einer Gemeinschaft (oder eines Partners) wahrzunehmen.
3. Sinnkrisen erleidet: Wahre Zufriedenheit entsteht oft aus der Überwindung von Widerständen. Wer alles sofort bekommt, verliert die Fähigkeit zur Vorfreude und zum Stolz auf das Erreichte.
Ein Plädoyer für gesunde Grenzen
Als Bestatterin sehe ich, dass das Leben uns am Ende nichts schuldet. Der Tod fragt nicht nach unseren Rechten oder unserem Komfort.
Die Generation der 60er und 70er Jahre hat gelernt, dass man auch ohne „Not und Leid“ eine Stunde ohne Trinken auskommt oder eine Woche auf ein Spielzeug warten kann. Diese Fähigkeit zum Aufschub ist das Fundament für ein stabiles Ich.
Vielleicht sollten wir Erziehung wieder mehr als Vorbereitung auf das echte Leben begreifen – mit all seinen Grenzen, Wartezeiten und notwendigen Verzichten. Denn nur wer gelernt hat, im Kleinen standzuhalten, wird im Großen nicht zerbrechen.