05/01/2020
Liebe Eltern,
gerade musste ich über die Sichtweise der Ressourcen und (vermeintlichen) Defizite im Kontakt mit unseren Kindern nachdenken, und möchte Euch das anhand meiner eigenen Erfahrung beschreiben:
Es ist schon eine Weile her (genauer gesagt, 7 Jahre), als ich meiner 5jährige Tochter am Abend den Auftrag gab, sich bitte ins Bad zu begeben (den Schlafanzug hatte sie sich schon angezogen), sich Gesicht und Hände zu waschen und danach die Zähne zu putzen.
Puh, im Nachhinein gesehen, ist das ein ganz schönes Pfund an Aufträgen, die ich ihr damit erteilt hatte.
Sie maulte, und fand, es sei noch zu früh um sich die Zähne zu putzen.
Trotzdem hörte ich nach kurzer Zeit die Tür vom Bad ins Schloss fallen, und vernahm das Rauschen des Wassers im Waschraum. Prima, dachte ich. Alles richtig gemacht, und wog mich für einen Moment in Sicherheit.
Ein wenig später (ich denke, sie war 20 Minuten im Bad), wollte ich nachsehen, was aus dem Projekt „ich mache mich fertig fürs Bett“ geworden ist. Als ich die Tür der Nasszelle öffnete, saß die kleine Maus verträumt auf dem Boden, und schnupperte an einer Flasche Kirschduschcreme (oder so ähnlich, ist ja schon sehr lange her) Das hatte sie, nebst vieler anderer bunter Sachen, aus unserem Waschtisch gekramt. Sie schaute mich mit großen Augen an, und hielt mir das Fläschchen mit den Worten „riech mal Mama, riecht klasse!“ unter die Nase.
Ich reagierte gar nicht begeistert, wollte auch nicht daran riechen, sondern polterte los: “Warum räumst Du jetzt den Schrank aus? Ich hatte doch klar gesagt, was Du erledigen sollst!“
Offensichtlich hatte sie sich schon gewaschen. Der nasse Waschlappen lag benutzt auf der Ablage. Die Zahnbürste war auch schon bereitgelegt. Es fehlte nur noch die dazu passende Zahncreme.
Mein Kind erklärte mir wütend, dass ihre Lieblingszahnpasta leer gewesen sei, und sie sich eine neue Tube aus dem Schrank suchen wolle. Und da habe sie eben, unter anderem, diesen tollen Duft gefunden. Die Kleine war sauer, weil sie sich ungerecht behandelt fühlte. Zu Recht, wie ich inzwischen finde!
Was ist da zwischen uns passiert?
Meine Tochter wollte kooperieren. Sie hat sich schon vor meinen umfangreichen Arbeitsaufträge (selbstständig!) umgezogen, ist dann ins Bad, hat sich gewaschen, und beim Versuch die Zahnbürste zum Putzen auszurüsten, ist sie im Schrank bei all den bunten Dingen hängen geblieben. Wer mag es einem 5jährigen Mädchen verdenken?
Und anstatt sie zu loben, für das was sie bis dahin schon alles erledigt hatte, werfe ich ihr vor, was sie noch NICHT gemacht hatte.
Also, besser wäre es zu sagen: „Toll, ich sehe, du hast dir schon Dein Gesicht und die Hände gewaschen hast, und die Zahnbürste liegt auch schon bereit. Dann bekommen wir den Rest vielleicht zusammen hin, ok? Übrigens habe ich bemerkt, dass Du Dir deinen Schlafanzug, ganz ohne das ich sagen musste, angezogen hast. Das finde ich großartig!“
Leider sind die meisten von uns Defizitorientiert sozialisiert. Das hindert uns daran, zu sehen, was gut läuft, und weisen stattdessen viel zu oft darauf hin, was nicht so gut geklappt hat. Das schafft beim Gegenüber Frust!
Genauso gnadenlos sind wir mit uns selbst: Wir sitzen am Abend auf dem Sofa, und machen uns Gedanken, was mit unseren Kindern nicht so gut lief, anstatt an die guten Momente im Kontakt zu denken.
Also, wenn sich der Tag heute dem Ende neigt, versucht doch mal an Situationen zu denken, in denen ihr mit Euren Kindern in einem positiven Kontakt gewesen seid.
Ich freue mich über zahlreiche Kinder-Ressourcenberichte…;-)
Viel Freude dabei!!!